Wurde als Kind vom Pfarrer, der im Kinderheim St. Benedikt Hermetschwil als Religionslehrer ein- und ausging, immer wieder sexuell missbraucht: Andreas Santoni. | © Roger Wehrli

Hermetschwil: Aufarbeitung der Missbrauchsfälle erfolgt verschwiegen

Andreas C. Müller, 22.4.19
  • Vor einem Jahr machte das Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil einen Missbrauchsfall öffentlich und entschuldigte sich anlässlich einer Medienkonferenz beim Opfer (Horizonte berichtete). Es gab harsche Reaktionen – insbesondere von Seiten des Heimleiters, in dessen Amtszeit der Fall anzusiedeln ist.
  • Nun hat das Hermetschwiler Kinderheim eine dreiköpfige Untersuchungskommission eingesetzt. Weitere Opfer können sich bei der Kommission melden, Ergebnisse werden innert Jahresfrist erwartet.
  • Bis die Kommission ihre Arbeit abgeschlossen hat, gilt Informationssperre. Theo Halter von der Guido Fluri-Stiftung vermutet: Man will keinen neuerlichen Medienrummel.

 

Eine dreiköpfige Untersuchungskommission wird die Missbrauchsfälle im Hermetschwiler Kinderheim St. Benedikt aufarbeiten. Vor einem Jahr hatte das Kinderheim sich zu diesem Schritt verpflichtet, nachdem es sexuelle Übergriffe öffentlich gemacht hatte. Ein Priester, der zugleich Mitglied im Vorstand des Kinderheims war, hatte mindestens einen Knaben mehrfach sexuell missbraucht .

Misshandlungen und sadistische Quälereien

Heimleitung und Vorstand sowie das für das Kinderheim verantwortliche Kloster Muri-Gries ermutigten den heute 41-Jährigen, seine Geschichte öffentlich zu machen und entschuldigten sich bei ihm. In einem Interview mit der Guido Fluri-Stiftung, welche sich für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen einsetzt, berichtete der Betroffene von einem autoritären Regime im Kinderheim, unter dem Kinder misshandelt, gequält und missbraucht wurden.

In Anlehnung an das Kloster Einsiedeln wurde auch für das Kinderheim St. Benedikt eine Untersuchungskommission eingesetzt. In dieser sitzen mit Edith-Lüscher eine ehemalige SP-Grossrätin, mit Bruno Meier ein Historiker und mit dem Juristen Hanspeter Thür als Aarauer Stadtrat ein weiterer Politiker. Die Kommission kann, so heisst es in einer Medienmitteilung, weitere Fachleute hinzuziehen. Beispielsweise Psychologen oder die Opferhilfe. Bis Ende Juni sollen sich weitere mutmassliche Opfer bei der Kommission melden können (hanspeter.thuer@bluewin.ch).

Anfeindungen nach dem Gang an die Öffentlichkeit

Auf die Frage, wie und aufgrund welcher Kriterien die Mitglieder der Kommission ausgewählt wurden, wie die Kommission arbeiten werde, und ab wann mit Ergebnissen zu rechnen sei, wollten weder Heimleitung, noch Mitglieder der Kommission irgendwelche Auskünfte geben.

Für Theo Halter, der das Opfer seitens der Guido Fluri-Stiftung an die letztjährige Medienkonferenz begleitet hatte, ist diese Zurückhaltung nachvollziehbar: «Das hat mit dem zu tun, was letzten Sommer passiert ist. Die Heimleiterin, Frau Iff, war sehr fortschrittlich, als sie vor einem Jahr an die Öffentlichkeit ging. Danach kam sie unter Beschuss – auch vom damaligen Heimleiter. Aus diesem Grund hat man wohl beschlossen, dass man nun ohne weitere mediale Aufmerksamkeit die Sache aufarbeiten will».

«Eine Untersuchungskommission ist nicht üblich»

Dass überhaupt eine Kommission eingesetzt wurde, sei schon eine gute Sache und längst nicht üblich, weiss Theo Halter. Diese werde nun, so schätzt der Mitarbeiter der Guido Fluri-Stiftung, genau untersuchen, wie damals im Heim gearbeitet wurde, wie die Kontrollmechanismen aussahen und wodurch die Missstände entstehen konnten und wie sie gedeckt wurden.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Abonnieren Sie unseren Newsletter. Er erscheint alternierend zur Printausgabe alle zwei Wochen – immer mit den aktuellsten Horizonte-Geschichten und oftmals spannenden Verlosungen.
Weiss noch von zwei weiteren Opfern, die sich nach der gemeinsamen Medienkonferenz mit Andreas Santoni Mitte Juni 2018 gemeldet haben: Pia Iff, Leiterin des Kinderheims St. Benedikt. | © Roger Wehrli
Pia Iff

Der Fall Santoni:
Eine Chronik des Grauens

1968 geboren, wuchs Andreas Santoni in zerrütteten Familienverhältnissen in Boswil auf. Schon als kleiner Bub habe er einen sexuellen Übergriff durch einen Geschäftspartner der Familie über sich ergehen lassen müssen, wird er später berichten. Im Jahre 1978, mit 9 Jahren, kam Andreas Santoni dann ins Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil. Das Kinderheim beherbergt noch heute 36 Buben, die der Institution vom Kanton zugewiesen werden. Bis in die 1980er-Jahre herrschte unter dem damaligen Heimleiter Peter Bringold ein autoritäres Regime. Zwar durften die Erzieher nicht mehr prügeln, doch in einem Interview mit der Guido Fluri-Stiftung berichtet Andreas Samtoni von sadistischen Praktiken, mit denen den Kindern bis zum Erbrechen das Essen eingegeben wurde, das sie nicht mochten, wie sie des Nachts vor einem Auto einherrennend durchs Dorf gehetzt wurden und in die Klosettschüsseln getaucht wurden. Angesichts derartiger Umstände vertrauten sich viele Kinder dem Pfarrer an, der Mitglied im Vorstand des Kinderheims war und dort auch Religion unterrichtet. Der Pfarrer suchte den Kontakt zu den Kindern, nahm sie mit zu sich ins Pfarrhaus, hörte ihnen zu und veranstaltete Filmabende. Gleichzeitig missbrauchte er aber auch das Vertrauen der Zöglinge. Allein Andreas Santoni berichtet von 60-70 sexuellen Übergriffen im Laufe jener drei Jahre, in denen er im Kinderheim war. 1981 konnte Andreas Santoni zurück zu seiner Mutter. Diese hatte wieder geheiratet und zwei weitere Kinder bekommen. Andreas Santoni fand den Rank nicht, scheiterte in der Lehre, griff zum Alkohol. Im März 2011 wurde die Last unerträglich: Mit Gasflaschen versuchte er sich beim Kinderheim in Hermetschwil in die Luft zu sprengen, konnte aber von Polizisten davon abgehalten werden. Es folgte ein stationärer Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik Königsfelden und anschliessend eine mehrjährige ambulante Psychotherapie. Im Jahr 2015 entschloss sich Andreas Santoni, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen: Zunächst bei der Guido Fluri-Stiftung, die sich für die Entschädigung von Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen einsetzt, später bei der Schweizerischen Bischofskonferenz SBK, die beschlossen hatte, sich der Opfer von sexuellen Übergriffen der Seelsorger anzunehmen und Wiedergutmachung zu leisten. Über den damaligen Abt von Muri-Gries, Benno Malfèr, erhielten schliesslich auch die Heimleitung und der Trägerverein des Kinderheims St. Benedikt in Hermetschwil Kenntnis von den Vorfällen in den 1970er- und 1980er-Jahren. Während eines gemeinsamen Auftritts vor Medienvertretern am 14. Juni 2018 entschuldigten sich die heutigen Verantwortlichen des Kinderheims bei Andreas Santoni für den «Machtmissbrauch», die «körperlichen» und die «sexuellen Übergriffe».

 

Weitere Artikel der Kategorie «Startseite»