Zum Kirchenjahresende gibt es die traditionelle Stabübergabe bei den Horizonte-Jahreskünstlern. Fabien Emch übergibt an Klara Fricker. | © Werner Rolli

«Ich hoffe, ich bekomme im Himmel Farbtöpfe»

Anne Burgmer, 22.11.17
  • Am Wechsel des Kirchenjahres kommt es zur Stabübergabe bei den Horizonte-Jahreskünstlern. Fabian Emch übergibt an Klara Fricker – die beiden könnten gegensätzlicher nicht sein.
  • Fabian Emch bearbeitet Fotos per Photoshop zu poppig-knalligen Frontbildern. Klara Fricker trägt die Farbe mit den Fingern auf.
  • Fabian Emch zeichnet seit Kinderjahren. Klara Fricker ging einen langen Weg bis zur Kunst.

 

Das Atelier in Muri platzt aus allen Nähten. Anwesend sind Fabian Emch, begleitet von seinem Vater Markus, Klara Fricker, ein Fotograf, eine Redaktorin. Das erste Frontbild für Horizonte von Klara Fricker hängt an der Atelierwand, es muss ausgeleuchtet und fotografiert werden für den Druck, zwei Beleuchtungsschirme zwingen zum Hindernislauf. «Es ist viel kleiner als mein früheres Atelier», sagt Klara Fricker, Kunsttherapeutin mit Fachbereich Körperbezogenes Malen. Sie verteilt Kaffee und Wasser, dann geht es los. Fast eine halbe Stunde dauert es, bis Fabian Emch und Klara Fricker eine Gemeinsamkeit finden: Beide feiern im zeitlichen Dunstkreis zur Jahreskünstlertätigkeit bei Horizonte ihre erste Vernissage. Fabian Emch 2016 mit 20 Jahren, Klara Fricker 2017 mit 72 Jahren.

Poppig knallige Farben

Fabian Emch orientierte sich mit seiner Kunst an Patrozinien zum jeweiligen Hochfest. Sechs Aargauer und ein Basler Kirchgebäude gestaltete er mit dem Computerprogramm Photoshop zu poppig knalligen Hinguckern. Gab es ein Hochfest, welches besonders herausfordernd war? Fabian Emch überlegt einen Moment. «Das kann ich so nicht sagen, sie waren vom Anspruch her gleichwertig. Den passenden Text zu schreiben, habe ich anspruchsvoller gefunden. Dass er nicht zu lang oder zu kurz wurde und alles drinstand, was mir wichtig war», erklärt der junge Mann dann. Sein Vater Markus Emch ergänzt. Die Schule habe gut unterstützt. Die Jahreskünstlertätigkeit von Fabian sei das ganze Jahr Thema gewesen. Fabian Emch ist Teilautist, besucht die sozialtherapeutische Einrichtung «Buechehof» im solothurnischen Lostorf. Vertrautes gibt ihm Sicherheit, deshalb begleitet ihn sein Vater.

Die Finger als Pinsel

Der junge Fabian Emch arbeitet mit Fotografie und der Weiterbearbeitung am Computer, das klingt nüchtern. Die rund 50 Jahre ältere Klara Fricker trägt die Farben mit den Fingerspitzen auf Malkarton auf. Es ist eine sinnliche Herangehensweise, deren Grundlage das Gefühl, die Intuition für das eigene Innere ist. Warum verwendet sie keinen Pinsel? Klara Fricker lächelt. «Der Pinsel schafft Distanz und die möchte ich nicht zwischen meinem Bild und mir. Selten verwende ich einen sehr feinen Pinsel. Doch die Farben mit den Fingern aufzutragen ist für mich ein Hochgenuss». Die Farben mischt Klara Fricker mit dem Spatel; die Pinsel, die ordentlich auf dem Farbgestell liegen, stammen noch aus der Zeit ihres früheren Schaffens mit Klienten. Viele Menschen greifen lieber zum Pinsel, statt es Klara Fricker gleichzutun. Fabian Emch ist da unentschlossen: «Ich habe mal mit Fingerfarben gemalt. Das hat mir gleichzeitig Spass gemacht und keinen Spass gemacht».

Langer Weg zum Malen

Fabian Emch zeichnete früh (ausschliesslich dreidimensional) und verdient sich jetzt, mit Anfang zwanzig, durch seine Kunst den einen oder anderen Batzen ins Kässeli. Ganz anders Klara Fricker. «Ich bin da ein bisschen eine Spätzünderin», sagt sie und erzählt, wie sie nach langen Jahren der Krankheit den Weg zum Ausdrucksmalen fand. Irgendwann erkannte sie: «Malen und Zeichnen liebte ich schon immer». Eine Berufsberaterin in Luzern gibt ihr schliesslich Unterlagen dreier Schulen. «Ich habe mir dann die herausgepickt, die das schlankeste Papier hatte und am verständlichsten war und nur wenige Leute aufgenommen hat», erinnert sich Klara Fricker. So in der Rückschau sei das ein elend langer, mehr als zwanzig Jahre dauernder, Weg gewesen. Zu seinem Einstand als Jahreskünstler sagte Fabian Emch im November 2016, Kunst mache ihn mutig. Für die Kirche zum Allerheiligen-Frontbild hat er es gewagt mit einem Kollegen nach Basel zu fahren. Kein einfacher Schritt für einen Teilautisten. Klara Fricker sagt über ihre Kunst: «Ausdrucksmalen ist das Mittel, das mir zum Leben verhilft. Es ist mein Weg – leben, malen, verstehen. Mit Farben beten». Nach einer Pause setzt sie neu an: «Ich hoffe, im Himmel werde ich Farbtöpfe bekommen!»

Gewinnspiel als Anfang

Der Zufall hat Klara Fricker zur Jahreskunst verholfen. Die Teilnahme an einer Verlosung im Horizonte-Newsletter brachte ihr zwar nicht den Gewinn, doch die Jahreskunst. «Als die Anfrage kam, war ich erst skeptisch, wie das gehen soll. Im November die Vernissage. Woher sollte die Zeit kommen, noch ein Bild für das Pfarrblatt zu malen», ruft sie sich ihre Überlegungen in Erinnerung. Doch dann habe es angefangen in ihr zu singen: «Oh Heiland reiss die Himmel auf» – der Advent sei im Sommer über sie hereingebrochen. Klara Fricker sagt dem Horizonte zu. Wenn ein Werk fertiggestellt sei, bekomme sie die Texte zu ihren Innenwelt-Bildern meist als «Zugabe vom lieben Gott» geschenkt, erklärt Klara Fricker. Sie hofft, auf erneutes Singen in ihr. Denn für die Front ein Bild zu verwenden, welches schon fertig sei, entspreche nicht ihrer Art zu malen: «Leben heisst Veränderung. Heute stehe ich nicht mehr da, wo ich gestern stand», betont Klara Fricker. Fabian Emch sagt, er könne es nicht in Worte fassen, doch auch er habe gemerkt, wie sich «etwas» bei ihm gewandelt habe. Am Ende des Gespräches sitzen Klara Fricker und Fabian Emch, die Köpfe dicht beisammen, über den Horizonte-Jahreskünstler Ausgaben von Fabian. Sie fragt, er erklärt. Es ist ein inniges Bild.

 

Festkunst
Die Jahreskunst hat Tradition beim Horizonte. Der Künstler oder die Künstlerin setzt sich in der eigenen Ausdrucksform vertieft mit den Hochfesten des Kirchenjahres auseinander und vermittelt den Leserinnen und Lesern seine Sicht auf das Fest. Das kann eine Knacknuss sein. Das Bild wird durch Text ergänzt. Ein Märkli weist die entsprechenden Bilder als Teil der Reihe aus. Malerei, Kalligraphie, Karikatur und Fotografie – die Ausdrucksformen wechseln mit den jeweiligen Kunstschaffenden. Einzelne Frontbilder erzielen breite Resonanz. Teils erreichen die Horizonte-Redaktion auch Fragen nach der Möglichkeit, Kopien oder Originale der Titelwerke zu erwerben. Horizonte vermittelt in einem solchen Fall via redaktion@horizonte-aargau.ch den Kontakt zum Künstler/zur Künstlerin.

…mit Farben beten
Ausstellung von Klara Fricker, Pfarreizentrum St. Maria, Promenadenstrasse 23,  Schaffhausen. Geöffnet bis Pfingsten, 20. Mai 2018. Di bis Fr 13.30 bis 17.30 Uhr. Sa/So 9 bis 19.15 Uhr. Auskunft: T 052 625 41 08

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