Drei Heiligenbüsten mit Reliquien im Sockel. Aber niemand wusste, wer die drei Heiligen in der Pfarrkirche St. Mauritius in Wölflinswil waren. Doch dann erschien eine,  die den drei Männern mit Hartnäckigkeit und Spürsinn auf die Schliche kam. Edith Hunziker nahm die drei bärtigen Kerle ins kunsthistorische Kreuzverhör. | © Roger Wehrli

Im kunsthistorischen Kreuzverhör

Marie-Christine Andres Schürch, 6.9.18
  • Bis vor Kurzem wusste niemand mehr, welche Heiligen die drei Reliquienbüsten in der Pfarrkirche St. Mauritius in Wölflinswil darstellen.
  • Edith Hunziker verrät, wie die Kantonale Denkmalpflege mit detektivischem Spürsinn die Identität der drei Büsten enthüllte.
  • Die Kunsthistorikern berichtet von gesundem Misstrauen, verstaubten Ratsprotokollen und dem Jauchzer der Erlösung.

 

Dichte braune Locken, ein gekräuselter Bart und edle Brustpanzer aus Gold und Silber. Stolz thronen die drei Männer auf dem Hochaltar der Wölflinswiler Kirche und fixieren die Eintretenden mit festem Blick. Ein leicht spöttischer Zug liegt um ihren Mund. Und dieser Mund bleibt – o Jammer! – fest verschlossen. Könnten Sie doch sprechen, diese Büsten. Könnten Sie uns doch ihre Namen verraten und uns erzählen, wessen Knochen sie bewachen!

Bis vor Kurzem wusste niemand mehr, welche Heiligen mit den drei Reliquienbüsten aus dem 17. Jahrhundert gemeint sind, die in der Pfarrkirche St. Mauritius in Wölflinswil aufbewahrt werden. Doch dann kam eine, die den drei Männern mit Hartnäckigkeit und detektivischem Spürsinn auf die Schliche kam. Edith Hunziker nahm die drei bärtigen Kerle sozusagen ins kunsthistorische Kreuzverhör.

Noch fehlen drei Bände

Edith Hunziker ist Kunsthistorikern bei der Kantonalen Denkmalpflege. Zusammen mit Susanne Ritter-Lutz arbeitet sie an der Inventarisierung der Kunstdenkmäler im Kanton Aargau. Aus ihrer Forschungsarbeit entstehen die Texte für die Aargauer Bände der Reihe «Kunstdenkmäler der Schweiz». Die spöttisch dreinblickenden Büsten in Wölflinswil sind Teil des Bandes «Laufenburg», den die beiden Kunsthistorikerinnen momentan abschliessen.Wenn er im Herbst 2019 erscheint, fehlen zum Abschluss der Erstinventarisierung der Aargauer Kunstdenkmäler nur noch die zwei Bände zum Bezirk Zurzach.

Schauen, was Bedeutung hat

Der einschüchternden Aufgabe, alle kunsthistorischen Schätze eines Bezirks in Text und Bild erfassen zu müssen, begegnet Edith Hunziker mit heiterer Gelassenheit. Zuerst einmal geht sie vom bereits vorhandenen Material aus. Die Denkmalpflege Aargau wird heuer 75 Jahre alt und verfügt über umfangreiches Material zu den Objekten im Kanton. Verzeichnisse, Broschüren und Fachbücher geben Edith Hunziker einen ersten Überblick. «Neben den bekannten Objekten, die wir selbstverständlich aufnehmen müssen, haben wir einen gewissen Handlungsspielraum», sagt Edith Hunziker. «Wir schauen, was Bedeutung hat und nehmen allenfalls auch ein Bauernhaus ins Inventar auf», erläutert sie.

«Wenn wir das nicht machen, macht’s keiner mehr»

Bei der Sichtung und Bearbeitung des Materials zweifelt Edith Hunziker grundsätzlich an jeder Information. «Ich pflege ein gesundes Misstrauen», fasst sie ihre Arbeitshaltung zusammen. Zum Beispiel bei der Lektüre einer Broschüre über die Kirche Laufenburg: «Wir leisten wissenschaftliche Basisarbeit, suchen im Nachhinein die Quellen für die publizierten Informationen und verifizieren die Aussagen. Wenn wir das jetzt nicht machen, nimmt sich nachher niemand mehr Zeit dafür.» Und aus Erfahrung weiss die Kunsthistorikerin: Ist im einen Buch etwas als Vermutung formuliert, steht es im nächsten bereits als Tatsache. «Vermutungen verfestigen sich mit der Zeit zur vermeintlichen Gewissheit.»

So stellte sich die Vermutung, die Laufenburger Seitenaltäre stammten vom Erbauer des Hochaltars, als falsch heraus. Edith Hunziker durchkämmte Ratsprotokolle aus dem Laufenburger Stadtarchiv. Ein dicker Stapel Papier, verschnörkelte Buchstaben dicht an dicht. Ein Register fehlt gänzlich. Doch Edith Hunziker kann die alte Schrift entziffern. Sie kann die Suche anhand der vermuteten Entstehungszeit der Altäre eingrenzen. Und findet schliesslich den entscheidenden Eintrag. Das Protokoll hält fest, dass der Altarbauer Feinlein aus Waldshut die Altäre lieferte und man anschliessend mit ihm Mittagessen ging.

Forscher-Gen

«Glück und Spürnase!», freut sich Edith Hunziker. Man müsse der Typ dazu sein: «Wenn man das Forscher-Gen hat, macht diese Arbeit Freude.» Sie mache auch gerne Puzzles mit richtig vielen Teilchen, da gehe am Schluss jeweils alles so schön auf. Bei der Inventarisierung fehle jedoch manchmal das letzte Teilchen. Dafür gibt aber auch jede Entdeckung einen neuen Referenzpunkt, die Erfahrung wächst. Und die Erfahrung ist entscheidend.

Der Jauchzer im Archiv

Auf der Spur der drei bärtigen Büsten kam Edith Hunziker ins Pfarrarchiv von Wölflinswil. Dort musterte Edith Hunziker die Buchrücken. «Etwa einen Meter» mass die Strecke auf dem Bücherregal, die sie durchforsten musste. Doch ihre Erfahrung liess sie am richtigen Ort zuerst suchen: «Ich sah ein Buch der Rosenkranzbruderschaft und wusste, dass Bruderschaften oft Reliquien stifteten.»

Und tatsächlich, gegen Schluss der Handschrift erschien ein vielversprechender Eintrag, nämlich ein «Verzeichnis aller Guttäter (…) gegenüber der löblichen Bruderschaft hier in Wölflinswil 1665». Edith Hunziker jauchzte vor Freude. Die Lösung des Rätsels war gefunden. Die Handschrift zählte auf, wer Geldbeträge für die drei Reliquienbüsten gespendet hatte. «An Sant Mauritzen brustbilt gibt…» ein gewisser Franz Christoph Schid eine Duplone. «An Sant Dursen brustbilt gibt…» ein Namensvetter des Heiligen, Urs Marti, ebenfalls eine Duplone. Zur Statue des heiligen Viktor heisst es sinngemäss: den Victor haben Leonhard Herzog und sein Sohn Peter Herzog machen lassen. Mit dem Wissen, dass «Durs» Urs bedeutet, war die Identität der drei Büsten geklärt. Zum heiligen Mauritius, dem Kirchenpatron der Wölflinswiler Kirche, gesellten sich die Heiligen Urs und Viktor. Die drei gehörten der Legende nach um das Jahr 300 zur so genannten «Thebäischen Legion» einer Einheit des römischen Heeres. Alle drei weigerten sich, an der Verfolgung von Christen teilzunehmen und wurden dafür ermordet. Mauritius in St. Maurice, Urs und Viktor etwas später in Solothurn.

Wer ist wer?

Welcher der drei Kraushaarigen welcher Heilige ist, kann nicht abschliessend beurteilt werden. Edith Hunziker hat zwar Vermutungen und Argumente. Aber als Wisschenschaftlerin will sie hieb- und stichfeste Beweise. Wer weiss, ob sie den drei Büsten im kunsthistorischen Kreuzverhör auch diese Information entlocken kann?

 

Die ganze Geschichte rund um die rätselhaften Reliquienbüsten von Wölflinswil.

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Geschnitzte Büste aus dem Jahr 1665, stehend auf einem Reliquienbehälter. | © Kantonale Denkmalpflege
Welcher Heilige ist das?
Ob die Büste einen Helm trägt oder nicht, könnte ebenfalls ein Hinweis auf die Identität geben. | © Kantonale Denkmalpflege
Mit oder ohne Helm?
Handschrift im Pfarrarchiv
Neujahrsblätter, Protokolle, Chroniken, Jahrzeitenbücher und Hinweise aus der Bevölkerung geben Aufschluss über Alter und Herkunft der Kunstdenkmäler. | © Roger Wehrli
Informationen sammeln
Edith Hunziker und Susanne Ritter-Lutz arbeiten am Band «Laufenburg» der Reihe «Kunstdenkmäler der Schweiz». Er erscheint im Herbst 2019. | © Roger Wehrli
Aufbauen auf vorhandenem Material
Edith Hunziker: «Wenn man das Forscher-Gen hat, macht diese Arbeit Freude.» | © Roger Wehrli
Freude am Forschen
In den Räumen der Kantonalen Denkmalpflege haben Trouvaillen, die fast in der Mulde gelandet wären, einen Platz gefunden. | © Roger Wehrli
Trouvaille bei der Denkmalpflege
«Wir haben einige Fundstücke im Büro. So sind wir umgeben von der Materie, mit der wir uns täglich befassen.» | © | Roger Wehrli
Fundstücke im Büro
Der Altar in Wölflinswil mit den rätselhaften Büsten. | @ Kantonale Denkmalpflege
Altar in Wölflinswil
Mit Hartnäckigkeit, Fleiss und Erfahrung lassen sich Türen zu vergangenen Zeiten öffnen. Fundstück in den Räumen der Denkmalpflege Aargau. | © Roger Wehrli
Hartnäckigkeit öffnet Türen
«Grundsätzlich misstraue ich jeder Information, bis ich die Quelle gefunden habe.» | © Roger Wehrli
Gesundes Misstrauen
 
Marie-Christine Andres Schürch

Die Reihe «Kunstdenkmäler der Schweiz»

Die Aargauer Bände der Reihe «Kunstdenkmäler der Schweiz» sind eine Ko-Produktion des Kantons Aargau und der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK. Für die gesamte Schweiz hat die GSK in den letzten 90 Jahren 140 Bände publiziert, jedes Jahr kommen zwei bis drei Bände dazu. Es sind fundierte Inventarisierungen der Kunstdenkmäler von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert. Der Kanton Aargau begann in den 1940er-Jahren mit der Inventarisierung und bis zum Abschluss der Erstinventarisierung sind noch drei Bände ausstehend: einer zum Bezirk Laufenburg (erscheint im Herbst 2019) und zwei zum Bezirk Zurzach.

Aktuell schliessen die beiden Kunsthistorikerinnen Edith Hunziker und Susanne Ritter-Lutz den Band «Laufenburg» ab. Der im oberen Fricktal gelegene Bezirk, der bis zur Aargauer Kantonsgründung 1803 als Teil Vorderösterreichs zum Habsburgerreich gehörte, umfasst die Stadt Laufenburg mit ihrer gut 800-jährigen, noch weitgehend unerforschten Altstadt sowie gegen zwanzig kleinere und grössere Gemeinden. Das Buch erscheint im Herbst 2019. Parallel dazu haben die Arbeiten am nächsten Band «Zurzach I» schon begonnen. Durchschnittlich fünf Jahre dauert die Arbeit an einem Band.

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