Mit der Pfingstmission Baden-Wettingen (im Bild mit Pastorin Corina Peter), der Baptistengemeinde, der Freien Evangelischen Gemeinde Baden-Wettingen (FEG), den Mormonen und der Neuapostolischen Kirche sind in Wettingen fünf Freikirchen vertreten. Horizonte hat sich im Aargauer Freikirchenmekka umgesehen. | © Vera Rüttimann

In Wettingen fühlen sich Freikirchen wohl

Vera Rüttimann, 8.3.18
  • Mit der Pfingstmission Baden-Wettingen, der Baptistengemeinde, der Freien Evangelischen Gemeinde Baden-Wettingen (FEG), den Mormonen und der Neuapostolischen Kirche sind in Wettingen fünf Freikirchen vertreten.
  • Die freikirchliche Szene wächst. Allein die Baptisten konnten in den vergangenen vier Jahren die Zahl der Gottesdienstbesucher verdoppeln.

 

Am Sonntagmorgen um zehn dringt Musik aus dem Gemeindezentrum «Bethel», wie das Gotteshaus der Pfingstmission Baden-Wettingen an der Seminarstrasse 37 heisst. Vorne im Chorraum spielt mit viel Schmiss eine junge Band mit Bass und Schlagzeug, flankiert von einem grossen illuminierten Kreuz. In den Bänken sind auffallend viele junge Leute zu sehen. Bei den Songzeilen gehen ihre Hände in die Höhe, der Körper wippt im Takt der Musik.

Corina Peter, seit 2015 im «Bethel» Pastorin, sagt: «Für uns ist wichtig, dass Menschen in unseren Gottesdiensten Gott kennen lernen können und der Glaube erlebbar ist.» Seit ihrer Kindheit ist die 31-Jährige mit dieser Gemeinde verbunden. Sonntags ist Corina Peter, die mit 16 einen bösartigen Tumor im rechten Knie überstand, vielbeschäftigt. Beispielsweise hält sie im Anschluss an den Gottesdienst den «GROW Entwicklungspfad», wobei Interessierte in vier Schritten mehr über die Pfingstgemeinde lernen können.

«Antenne Gottes» auf dem Dach

Corina Peter weiss: Die Pfingstgemeinde hat eine bewegte Geschichte. Die ersten Treffen der Pfingstgemeinde fanden 1928 in Privathäusern in Wettingen statt. 1938 konnte ein Lokal im Bahnhof Oberstadt in Baden gemietet werden. Weil die Bahn für ihre neue Strecke von Baden nach Zürich Platz brauchte, wurde das Lokal abgerissen. 1959 konnte die Pfingstgemeinde an der Grenze zu Baden eine Kapelle bauen. 1991 entstand das Gemeindezentrum «Bethel» in der heutigen Form mit seinem markanten Dach, auf dem eine Spitze wie eine Zündnadel in den Himmel ragt. Eine Frau in der Gemeinde nennt sie «Antenne Gottes».

Heute ist das «Bethel« eine prosperierende Gemeinde. Corina Peter sagt: «Wir wachsen stetig. Einmal im Monat findet hier eine Erwachsenentaufe statt.» Unter der Woche treffen sich im Bethel viele unterschiedliche Gruppen. Was zieht die Leute an diesen Ort? Corina Peter meint: «Unseren Fokus auf Jesus und Gottes Wort sehen wir als entscheidend an. Die Leute entdecken uns durchs Internet oder sehen unsere Plakate mit den interessanten Slogans im Schaukasten.»

Neuapostolische Kirche tritt selbstbewusster auf

Viel Betrieb herrscht Sonntags auch an der Wettinger Altenburgstrasse, wenn in der Neuapostolischen Kirche Gottesdienst ist. Von überall her aus der Region kommen die Gläubigen, seit 2013 die Gemeinde Mellingen aufgelöst und in die Gemeinde Baden-Wettingen integriert wurde. Darunter sind auch Farbige, die diese Kirche durch Missionsarbeit bereits in Afrika kennen gelernt haben.

An der Eingangstür der stattlichen Freikirche steht Robert Stumpf. Der Wettinger arbeitet als Gemeindeseelsorger in der Neuapostolischen Kirche, in der er seit 1983 aktiv ist. Der frühere Katholik nennt sich selbst einen «neuapostolischen Quereinsteiger». Der 64-Jährige fand hier Heimat durch seine spätere Frau. Auch der neuapostolische Glaube, bei dem «die Wiederkunft Jesu» im Zentrum steht, sagt ihm zu. Die 1909 in Baden gegründete Gemeinde wuchs so stark, dass sie nach Brugg und Baden hin aufgeteilt wurde. 1958 wurde in Wettingen das neue, in Weiss gehaltene Gotteshaus mit der markanten Front errichtet.

Robert Stumpf hat in den letzten Jahren miterlebt, wie die neuapostolische Gemeinde, die lange eher leise daher kam, aus ihrem Schattendasein heraustreten konnte. Er sagt: «Es gab eine Zeit, da hatte mancher das Gefühl: Ich darf niemandem sagen, in welcher Kirche ich mich engagiere. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten aber sehr verändert. Auch hier in Wettingen.»

Jedes Mitglied, so Robert Stumpf, erhalte mindestens einmal jährlich Besuch von einem «Hausseelsorger». Robert Stumpf freut sich, dass es unlängst wieder zu einer «Versiegelung» eines Erwachsenen gekommen sei. Das entspricht in etwa der Firmung bei den Katholiken.

Baptisten verdoppelten Gottesdienstbesucher in vier Jahren

Auch bei den Baptisten haben sich die Besucherzahlen im Gottesdienst in den letzten vier Jahren mehr als verdoppelt. Wer den Sonntagsgottesdienst im Gemeindehaus an der Neustrasse in Wettingen besucht, sieht knapp hundert Leute jeglichen Alters in den Bänken.

«Als ich hierher kam, gab es gerade mal vier Kinder, heute sind es 33», freut sich Pastor Jürgen Wolf. Der Schwabe, der seit acht Jahren die Gemeinde leitet, fühlt sich wohl in Wettingen. In der Schweiz sind die Baptisten eine kleine Religionsgemeinschaft – es gibt nur 12 Gemeinden. In den USA hingegen stellen die Baptisten die grösste kirchliche Gruppe überhaupt.

Eng sei der Zusammenhalt unter den Gläubigen gewesen, als die Baptisten 1953 ein Grundstück an der Neustrasse erwerben konnten, wo sie eine Kapelle bauten. Ein BBC-Ingenieur hatte es der Gemeinde überlassen. Seitdem hat diese einige Aufs und Abs erlebt. Konzerne im Limmattal zogen ausländische Arbeitskräfte an, die auch in Wettingen ihren Glauben praktizieren wollten.

Das Wichtigste für die Baptisten ist der Gottesdienst, in dem, so Jürgen Wolf, das Singen von Lobliedern sowie Gebete und Glaubenszeugnisse besondere Bedeutung haben. «Wir glauben noch, was in der Bibel steht», betont Jürgen Wolf. Das erntet offenbar Zuspruch. Heute treffe man am Sonntagsgottesdienst «vom Obdachlosen bis zum inzwischen pensionierten Vizepräsidenten bei ALSTOM alles an.» Sehr schön sei auch, so der Deutsche, «dass sich 15 verschiedene Nationen begegnen, die sich mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Temperamenten bereichern und ergänzen.»

Vom Sektenstigma zum ökumenischen Miteinander

Unter den Freikirchen herrscht ein reger Austausch. Etwa zehn Freikirchen sind in der Evangelischen Allianz Baden-Wettingen (EABW) versammelt. Nur zu den Mormonen in Wettingen haben fast alle Freikirchen wenig bis kaum Kontakt. Neben regelmässigen Treffen der Pastoren gibt es auch grössere Events wie Jungendgottesdienste oder das «WOW GOD-Festival», das 2016 medienwirksam im Trafo in Baden über die Bühne ging.

Die Beziehungen zu den drei Landeskirchen, die in Wettingen vertreten sind, gestalten sich bei den einzelnen Freikirchen unterschiedlich. Baptisten-Pfarrer Jürgen Wolf bezeichnet sie «als recht gut». Während die Pfingstgemeinde nur wenig Kontakt zu den Landeskirchen pflegt, spricht Robert Stumpf von «vermehrt engeren Kontakten» in den letzten Jahren. Seit April 2014 besitzt die Neuapostolische Kirche zudem Gaststatus in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK). Robert Stumpf sagt: «Das Verhältnis zu den Landeskirchen ist heute besser, weil wir mittlerweile von ihnen akzeptiert sind. Früher waren für sie viele Freikirchen einfach nur Sekten. Heute ist ein ökumenisches Miteinander da.»

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