Sechs junge Frauen und Männer verschiedener Religionen zeigen, wie sie sich im Alltag und für religiöse Feiern kleiden. | © Nora Steffen, Dominic Wenger

Interreligiöse Zusammenarbeit zu «Mode und Religion»

Katharina Kilchenmann, Marie-Christine Andres, 4.11.19
  • Die Zeitung «zVisite» ist eine interreligiöse Gemeinschaftsproduktion, an der auch Horizonte mitgestaltet.
  • Jeweils zur «Woche der Religionen» im November erscheint die aktuelle Ausgabe. Dieses Jahr zum Thema «Mode und Religion».
  • Der Auftaktartikel befasst sich mit Glaube, Stil und Identität: Wie wir uns kleiden, zeigt, wer wir sind und wo wir hingehören. Beeinflusst auch die religiöse Überzeugung den Griff in den Kleiderschrank?

 

Nicht nur der Teufel trägt Prada, auch der Papst. Und selbst wenn der Vatikan beteuert, die roten Prada-Schuhe von Papst Benedikt XVI. seien keine modischen Accessoires, sondern bewusst gewähltes liturgisches Symbol (rot wie das Blut Christi), macht die mediale Aufmerksamkeit für die mutige Wahl des katholischen Würdenträgers deutlich: Mode und Religion haben eine lange und innige Beziehung.

Religion macht Mode

Modedesigner beeinflussen einerseits die klerikale Garderobe, sie lassen sich von ihr aber auch inspirieren. So finden sich etwa in den Kollektionen von Christa de Carouge, Karl Lagerfeld oder Jil Sander Kleider und Mäntel, die durchaus an klösterliche Traditionen erinnern. Und Modemacher wie H&M und Nike verdienen unter dem Label «Islamic Fashion»längst viel Geld, indem sie Musliminnen von oben bis unten stilvoll verhüllen.

Mit religiöser Kleidung wird auch Politik gemacht

Doch mit religiöser Kleidung werden nicht nur Geschäfte gemacht, sondern auch Politik. Der Religionswissenschaftler und Historiker Valentino Leanza beobachtet, dass in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit für die «Sichtbarkeit von Religion» hierzulande deutlich zugenommen habe. Ein Grund dafür sei die verstärkte Migration von Menschen aus dem arabischen und afrikanischen Raum. «Wenn über ein Burka-Verbot abgestimmt wird, schafft man für dieses Kleidungsstück viel Aufmerksamkeit. Und die Emotionen, die das Stück Stoff auslöst, werden genutzt und verstärkt», meint Leanza. Die fortschreitende Säkularisierung sei ein weiterer Grund dafür, dass die Leute stärker auf religiöse Signale im öffentlichen Raum reagierten. «Wo Religion immer mehr an Bedeutung verliert und ins Private gedrängt wird, gelten religiöse Kleider und Accessoires oftmals als rückständig und als Zeichen für Unterdrückung und Nichtintegration.»

Das Video der beiden Fotografen Nora Steffen und Dominic Wenger zu dieser «Modeschau mit Tiefgang»

Mode macht Religion

Die Art, sich zu kleiden, ob religiös, sportlich, elegant, sexy oder bieder, ist immer ein Statement. Der Satz des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick, «Man kann nicht nicht kommunizieren», trifft auch auf unsere Kleider zu. Sie schützen nicht nur vor Kälte, Hitze und neugierigen Blicken, sie klären auch Situationen, stiften Identität und helfen, uns in der Gesellschaft zu verorten. Das muslimische Kopftuch, das christliche Schmuckkreuz oder der Turban der Sikhs signalisieren eindeutig, zu welcher Gruppe die Trägerinnen und Träger gehören. Diese Signale wirken sowohl nach aussen als auch nach innen. Deshalb be- zeichnet Valentino Leanza die Kleidung als «Schnittstelle» der Innen- und Aussenperspektive. Eine Schnittstelle, an der es zu komplexen Abwägungs- und Aushandlungsprozessen komme. Als Beispiel nennt er eine junge Frau aus einer christlichen Gemeinschaft, die sich explizit schlicht kleide, frisiere und eine Halskette mit Kreuz trage. «Die Fragen ihrer Mitschülerinnen zwingen sie, sich bewusst zu machen, warum sie was tut», erklärt Leanza. «Sie setzt sich mit ihrem Glauben auseinander, was ihr letztlich zu einer reflektierteren religiösen Haltung verhilft.»

Mode und Religion ziehen sich an und stossen sich ab

Mode und Religion haben vieles gemeinsam, beeinflussen sich gegenseitig, ziehen sich an und stossen sich ab. Der Mutter des verstorbenen Modeschöpfers Karl Lagerfeld wurde einst prophezeit, ihr Sohn werde Geistlicher. So ganz daneben lag das Orakel nicht: Lagerfeld zeigte sich der Öffentlichkeit stets mit weissem Priesterkragen und würdevollem Winken. Kein Wunder, wurde er «Modepapst» genannt.

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Auf Einladung von «zVisite» trafen sich sechs junge Erwachsene an einem Nachmittag in Bern. Im Gepäck: Kleider, Schuhe und Accessoires, um sich für eine traditionelle Hochzeit ihrer Religionsgemeinschaft zurecht zu machen. | © Nora Steffen, Dominic Wenger
Treffen in Bern
Bevor die Frauen und Männer ihre Taschen auspacken, erzählen sie einander, woher sie kommen und woran sie glauben. | © Nora Steffen, Dominic Wenger
Gespräch in lockerer Atmosphäre
«zVisite» dokumentiert die Verwandlung von Alltags- zu Festtagskleidung. | © Nora Steffen, Dominic Wenger
Von Alltags- zu Festtagskleidung
Die jungen Erwachsenen zeigen ihre Kleiderauswahl und erklären, warum sie sich für dieses Outfit entschieden haben. | © Nora Steffen, Dominic Wenger
Persönliche Auswahl
«Wie beeinflusst meine Religion meinen Kleidungsstil?» Diese Frage stand im Zentrum des Treffens in Bern. | © Nora Steffen, Dominic Wenger
Einfluss der Religion auf den Kleidungsstil
Thomas Gfeller hat Hemd und Fliege selber genäht. | © Nora Steffen, Dominic Wenger
Fliege, leger offen getragen

Die interreligiöse Zeitung «zVisite» erscheint jeweils im Herbst anlässlich der «Woche der Religionen». | © mca

Interreligiöse Publikation «zVisite»

Zu Besuch sein, Gast sein, sich austauschen, zuhören, nachfragen, würdigen: das ist das Motto der interreligiösen Zeitung «zVisite». Hier berichten und schreiben Religionsgemeinschaften nicht übereinander, sondern miteinander. Das Aargauer Pfarrblatt Horizonte beteiligt sich seit mehreren Jahren an der interreligiösen Publikation, die jeweils im November anlässlich der «Woche der Religionen» erscheint. Seit der Gründung im Jahr 2000 hat sich «zVisite» zu einer vielbeachteten Plattform des interreligiösen Dialogs entwickelt. Dabei steht der Titel «zVisite» für das inhaltliche Motto: «Zu Besuch bei» heisst das aus dem Berndeutschen übersetzt und gilt für die Angehörigen aller Religionen. In den vergangenen Jahren erschien das Produkt im Aargau als «Dossier zur Woche der Religionen». Dieses Jahr übernahm Horizonte für dieses interreligiöse Dossier den Namen «zVisite», unter welchem  die Zeitung auch im Rest der Deutschschweiz erscheint.

Ewige Werte und flüchtige Trends

Die multireligiöse Redaktion überrascht jedes Jahr mit neuen Einsichten und Begegnungen, diesmal zum Thema Mode und Religion. Während Religion beständig ist, Traditionen und ewige Werte bewahrt, ist Mode flüchtig, rea­giert auf Trends und setzt Impulse. Was also haben die beiden miteinander zu tun? Um diese Frage zu beantworten, haben wir sechs junge Erwachsene aus verschiedenen Religionen eingeladen mit der Bitte, ein festliches Outfit mitzubringen.

Ab 7. November online und im Briefkasten

Welche Kleider sie im Gepäck haben und ob Religion ihren Stil im Alltag beeinflusst, erfahren Sie ab Donnerstag, 7. November auf dieser Webseite oder in der Printausgabe von Horizonte. Spannende Einsichten und kontroverse Meinungen zum Zusammenspiel zwischen Religion und Mode erwarten die Leserinnen und Leser. In der gedruckten Ausgabe finden Sie zudem ein Kreuzworträtsel von Edy Hubacher mit attraktiven Preisen.

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