Regelmässige Fussblattrainings sollen für jungedliche Flüchtlinge einen Beitrag zur Integration leisten. Mit Erfolg: Der 19-jährige Yared aus Eritrea (links) schaffte es in die erste Mannschaft des FC Buchs und spielt dort 5. Liga-Matches: | © Roger Wehrli

Jeden Montag eine Überraschung

Integrationsversuche am runden Leder

Andreas C. Müller, 7.6.16

Montags treffen sich in Suhr jugendliche Flüchtlinge zum Fussballtraining. Bereits haben die ersten den Sprung in die lokalen Vereine geschafft.

Es regnet in Strömen. Gleichwohl haben sich auf dem Fussballplatz in Suhr eine Gruppe Afghanen und drei Eritreer zum wöchentlichen Training eingefunden. Die Afghanen sind UMAs, gehören zu den über 100 «Unbegleiteten Minderjährigen Aslysuchenden», die beim Kantonsspital Aarau im «alten Schwesternhaus» untergebracht sind. Ali Rezai ist seit 8 Monaten in der Schweiz. Der 17-Jährige spricht schon gut Deutsch, besucht auch regelmässig Sprachunterricht.

Resonanz aus dem ganzen Kanton

Seit August 2015 bietet der Betriebswirtschafter und Klinikmanager am Kantonsspital Aarau Felix Häuser zusammen mit drei jungen Schweizern in Suhr ein Fussballtraining für UMAs an. Den Grundstein hierfür legte vor knapp einem Jahr der damalige Sozialarbeiter von Suhr und Buchs, Jan Götschi, sowie Felix Häusers Lebenspartnerin. Diese engagierte in der Integrationskommission von Suhr aktiv. Die Überraschung: Es kamen nicht nur UMAs, sondern plötzlich auch verschiedene Asylsuchende aus verschiedenen Aargauer Regionen von Zofingen bis Muri. In den Sommermonaten seien es bis zu 40 Leute gewesen, so dass man auf zwei Feldern gespielt habe. «Wir haben nicht nachvollziehen können, woher die Leute kommen», so Felix Häuser. Das sei letztlich auch egal. Hauptsache, die Leute kämen und hätten Spass. «Sogar bei minus sechs Grad und Schnee haben wir hier acht gegen acht gespielt», erinnert sich Felix Häuser.

Italienisch in Eritrea

Ziel sei es von Anfang an gewesen, dass die Flüchtlinge zusammen mit Einheimischen kicken. «So profitieren beide Seiten», erklärt Felix Häuser. «Die Flüchtlinge lernen Deutsch, und wir erfahren etwas über ihre Kultur, und lernen, Syrer, Afghanen und Eritreer voneinander zu unterscheiden.» Und augenzwinkernd fügt der Betriebswirtschafter an: «Oder hätten sie gewusst, dass in Eritrea auch Italienisch gesprochen wird?»

Beeindruckend sei, wie unterschiedlich die Entwicklung bei den jungen Leuten verlaufe, erklärt Felix Häuser. Von Leuten, die regelmässig ins Training kämen, könnten einige mittlerweile ansprechend Deutsch, andere überhaupt nicht. Überhaupt sei jedes Training immer wieder eine Überraschung, erklärt auch Jonas Burch. «Du kommst hierher und weißt nicht, was dich erwartet», so der 28-jährige Ex-Journalist, der sich mit ehrenamtlichem Deutschunterricht für UMAs für sein Lehrerstudium vorbereitet. Die jungen Leute seien alle sehr freundlich und motiviert, aber mit der Sprache hapere es bei vielen. Insofern scheiterten auch Versuche, mit den jungen Leuten über das Training hinaus etwas Soziales zu unternehmen. «Grillen oder einen Ausflug beispielsweise», erklärt Jonas Burch.

Ortsansässige mit Berührungsängsten

Das mit der «Durchmischung» habe bis anhin nicht geklappt, räumt Jonas Burch ein. Gleichwohl hätten die Initianten des Fussballtrainings viel Solidarität erfahren. Nach einem Aufruf bei Facebook seien sie förmlich mit Fussballschuhen, Trikots und Fussbällen überschüttet worden. Besonders freut Jonas Burch, dass man bereits einige talentierte Jugendliche an regionale Fussballvereine abgeben können. So auch den Eritreer Yared. Der 19-Jährige lebt bereits seit sechs Jahren in der Schweiz, wohnt in Suhr und trainiert mittlerweile zweimal wöchentlich mit dem FC Buchs. Auch 5. Liga-Matches spielt er.

Konstanz als Ziel

Eine grosse Herausforderung sei es, Konstanz in die Trainings zu bringen, räumt Jonas Burch ein. Mal kämen nur zehn, manchmal bis zu 40 Leute. Aber niemals regelmässig dieselben. Jonas Burch vermutet, dass es mittlerweile so viele Angebote für Flüchtlinge gibt, dass die Gefahr bestehe, dass ein Angebot den anderen unwillentlich die Leute abgräbt. «Irgendwie fehlt es an Koordination», so der angehende Lehrer. «Zum Glück plant das Departement für Gesundheit und Soziales nun eine Koordinationsstelle», wie Peter Michalik von der Pfarrei Suhr-Gränichen erklärt. In Zusammenarbeit mit der reformierten Kirchgemeinde Suhr unterstützt die Pfarrei verschiedene Initiativen, die den vorwiegend jungen Flüchtlingen in Suhr bei der Integration helfen sollen.

 

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Betriebswirtschafter und Fussballbegeisterter: Felix Häuser organisiert und leitet seit gut einem Jahr die Fussballtrainings für Asylsuchende in Suhr. Sein Fazit: «Es lernen spielerisch beide Seiten. Die jungen Flüchtlinge  Deutsch, wir etwas über sie, ihre Herkunft und Kultur.» | © Roger Wehrli
Felix Häuser
Geniesst das Spiel mit dem runden Leder und kickt auch bei minus sechs Grad in kurzen Hosen: Abel Stefanos aus Eritrea. | © Roger Wehrli
Abel Stefanos aus Eritrea
Jonas Burch vor einem Sack mit gespendetem Fussball-Equipment. Der angehende Lehrer hilft Felix Häuser bei der Organisation und Durchführung der Fussballtrainings. | © Roger Wehrli
Jonas Burch
 
Andreas C. Müller

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Wer sich genauer mit verschiedenen Unterstützungsangeboten für Asylsuchende auseinandersetzt, staunt, wie viele Kirchgemeinden, Fachstellen, Vereine und Privatpersonen sich mit unterschiedlichen Projekten für Flüchtlinge engagieren. Fussballtraining, Jogging, Mutter-Kind-Deutschkurse, begleitete Freizeitangebote und vieles mehr. Mittlerweile gebe es so viele Angebote für Flüchtlinge, dass die Gefahr bestehe, dass ein Angebot den anderen unwillentlich die Leute abgrabe. So jedenfalls erklärt es mir einer der Organisatoren des wöchentlich stattfindenden Fussballtrainings für Flüchtlinge in Suhr.

Da haben wir es also, das viel beschriene «Asylchaos», aber eines, das uns Schweizerinnen und Schweizern ein gutes Zeugnis ausstellt. Wir engagieren uns und beweisen Solidarität. Was es nun aber dringend braucht, ist eine vernünftige Koordination, damit sich die vielen Initiativen einander nicht gegenseitig blockieren. Da sind der Kanton, aber auch die Landeskirchen gefordert.

Trotz der Freude über so viel Engagement für Flüchtlinge muss ich immer wieder daran denken, dass es vielen Schweizerinnen und Schweizern zunehmend schlechter geht. Die Armutsfalle erfasst Alleinerziehende, geschiedene Väter, junge Familien, Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Bleibt zu hoffen, dass uns das manigfaltige Engagement für Menschen aus der Fremde Übungsfeld sein kann, den Blick für Bedürftige in nächster Nähe zu schärfen.

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