Unterschiedliche Vorstellungen von kirchlicher Jugendarbeit führten in Menziken zum Zerwürfnis zwischen Betreibern des Jugendkellers und der Kirchenpflege. | © Marie-Christine Andres

«Jugendarbeit braucht Rückendeckung»

Marie-Christine Andres Schürch, 5.9.19
  • Mitte letzten Monats gab das Leitungsteam des Jugendkellers «Starlight» im Pfarreiheim Menziken seinen sofortigen Rücktritt bekannt. Betreiberin des Lokals ist die römisch-katholische Kirchgemeinde Menziken-Reinach.
  • Offenbar hatten Kirchenpflege und Leitungsteam unterschiedliche Vorstellungen davon, was kirchliche Jugendarbeit leisten soll.
  • Urs Bisang von der Fachstelle «Jugend und junge Erwachsene» erklärt, wie man solche Konflikte vermeidet und unter welchen Umständen Beten im Jugendkeller Sinn ergibt.

 

Die Aussagen beider Parteien lassen erahnen, dass der Konflikt in Menziken schon länger schwelte. Während das langjährige Leitungsteam betont, das Lokal sei in den letzten Jahren konfessionsneutral geführt worden und für Menschen jeden Glaubens offen, spricht die Kirchenpflege von «christlicher Jugendarbeit, die sich von der weltlichen der politischen Gemeinde unterscheiden» müsse. Offenbar wünschten sich einzelne Pfarreivertreter mehr Aktivitäten mit Bezug zu Glauben und Kirche. Der Kaplan äusserte den Wunsch, man solle an den Anlässen im Jugendkeller doch jeweils auch beten (Die Aargauer Zeitung berichtete).

Wer äussert den Wunsch?

Urs Bisang, Theologe und Mitarbeiter der Fachstelle «Jugend und junge Erwachsene» der römisch-katholischen Kirche im Aargau, war selber kirchlicher Jugendarbeiter. Ganz grundsätzlich solle man in einem Jugendraum das tun, was für die Jugendlichen wichtig ist, ihnen gut tut und sie fördert, findet er. «Wenn Jugendliche mit dem Wunsch, zu beten, an die Jugendarbeitenden herantreten, so würde ich das nicht ausschliessen.» Komme der Wunsch aber primär von Erwachsenen, etwa von Seiten der Behörden, so sei es unwahrscheinlich, dass dieser in einem Jugendtreff fruchtbar umgesetzt werden könne. In diesem Fall sei ein spezifisches Angebot für Jugendliche, etwa eine Gebets- oder Bibelgruppe, sinnvoller.

Offen für alle

Wie im Menziker Jugendkeller «Starlight» verkehren in Jugendtreffs neben katholischen auch reformierte, muslimische und konfessionslose Jugendliche – oft mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund. Der Jugendtreff soll offen für alle sein. Wenn also gebetet werden soll, müssen die Verantwortlichen weitere Überlegungen anstellen: «Wie soll gebetet werden? In welchen Sprachen? Mit Gebeten aus welchen Religionen und Konfessionen?

Jede zweite Pfarrei mit Jugendraum

Wie die Kirchenpflege Menziken-Reinach in ihrer Stellungnahme betont, befindet sich der Jugendkeller «Starlight» im Keller des katholischen Pfarreiheims in Menziken. Die Kirche steuerte jährlich 1’800 Franken an den Betrieb bei. Zwar kennt die Fachstelle Jugend und junge Erwachsene keine genauen Zahlen, sie geht aber davon aus, dass etwa die Hälfte der rund 120 katholischen Aargauer Pfarreien einen eigenen Jugendraum betreibt oder einen solchen unterstützt. Fachstellenmitarbeiter Urs Bisang erläutert, dass Pfarreien bei der Jugendarbeit mancherorts mit der politischen Gemeinde zusammenspannen: «Oft ist es so, dass Kirchgemeinden einen finanziellen Beitrag an die Jugendarbeit der Gemeinde oder eines Vereins für die offene Jugendarbeit leisten. Manchmal arbeiten auch kirchliche Mitarbeitende in solchen Jugendtreffs mit.» Das ermögliche intensive Kontakte zu den Jugendlichen und zu anderen Jugendarbeitenden.

Unklarheiten sorgen für Ärger

Urs Bisang ist unter anderem für die Beratung und Begleitung der Pastoralräume in Sachen Jugendarbeit verantwortlich. Konflikte entstünden oft durch ungeklärte Ziele oder unterschiedliche Erwartungen der verschiedenen Akteure in der kirchlichen Jugendarbeit, sagt er: «Zum Beispiel wenn Seelsorgende erwarten, dass die Jugendarbeit mehr Jugendliche in den Gottesdienst bringt, die Jugendarbeitenden ihre Arbeit aber primär als Persönlichkeitsförderung verstehen.» Ebenso problematisch könne sein, wenn die Jugendarbeit ausschliesslich an die Jugendarbeitenden delegiert und zu wenig als Teil der Pfarreiarbeit gesehen werde. Auch strukturelle Unklarheiten, also Fragen wie «Wer ist wofür verantwortlich?» und «Wer entscheidet über das Programm der Jugendarbeit?» können für Missverständnisse und Ärger sorgen.

Wichtige «Player» einbeziehen

Deshalb achtet die Fachstelle «Jugend und junge Erwachsene» in der Beratung darauf, dass alle Beteiligten wichtige Punkte miteinander klären. Ziele und Erwartungen, Zielgruppen, Strategie, konkrete Massnahmen, Dienstwege, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten müssen festgelegt werden. Nebst der Kirchenpflege und den Jugendarbeitenden sind dabei auch die Gemeindeleitung sowie das Seelsorgeteam wichtige «Player».

Klarer Auftrag und kurze Kommunikationswege

Urs Bisang hält fest: «Jugendtreffs können dann gut arbeiten, wenn sie von ihrem ‚Auftraggeber’ – im Fall Menziken also von der Kirchenpflege und der Gemeindeleitung – gute Rückendeckung, Verständnis für ihre Arbeitsweise, einen klaren Auftrag und kurze Kommunikationswege haben.»

Religiöse Dimension gehört zum Menschsein

Jugendarbeit versteht sich als Begleitung der Jugendlichen in einer nicht immer einfachen Lebensphase. Der primäre Auftrag ist deshalb, die Jugendlichen in ihrer Persönlichkeit, ihrer Selbst- und Sozialkompetenz zu fördern. Urs Bisang: «Das blendet religiöse Themen nicht aus, denn die kirchliche Jugendarbeit geht davon aus, dass eine religiöse Dimension zum Menschsein dazugehört.» Vielerorts gibt es Angebote wie Taizé- oder Romreisen, Städtereisen mit spirituellem Inhalt und ähnliches. Die kirchliche Jugendarbeit zeichnet sich dabei aus durch Freiwilligkeit und Partizipation. «Es geht darum, Bedürfnisse von Jugendlichen aufzunehmen und sie gemeinsam, das heisst unter Beteiligung und Mitverantwortung der Jugendlichen, auf geeignete Weise umzusetzen. Dazu ist intensive Beziehungsarbeit notwendig, ein guter Draht zu den Jugendlichen, den es oft über lange Jahre aufzubauen gilt.»

Am Beispiel Jesu orientieren

Die Kirchenpflege Menziken-Reinach sprach gegenüber lokalen Medien davon, dass es sich bei ihrem Jugendraum um «christliche Jugendarbeit» handle, die sich von der «weltlichen» der politischen Gemeinde unterscheiden müsse. Dazu hat Urs Bisang eine klare Meinung: «Wenn ‚christliche Jugendarbeit’ christlich sein will, dann muss sie sich am Beispiel Jesu orientieren. Jesus war für alle Menschen da, ungeachtet ihrer Religion, ihres Standes, ihres Geschlechts. Er hat sich für diejenigen eingesetzt, die Hilfe nötig hatten, die am Rand der Gesellschaft standen. Wer in diesem Sinn voll und ganz für die Jugendlichen da ist, der handelt christlich. Dieses positive Beispiel gelebter Zuwendung im christlichen Sinn und Geist wird auch Wirkung entfalten.»

 

Hilfsmittel

Empfehlungen oder Hinweise zur kirchlichen Jugendarbeit finden sich in verschiedenen Deutschschweizer Hilfsmitteln zur kirchlichen Jugendarbeit, etwa im «Klarsicht» , im Grundlagendokument zum Berufsbild Kirchliche Jugendarbeit oder in der Arbeitshilfe «Jugend: Kirchliche Jugendarbeit» des Bistums Basel 

 

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