Glaubt, dass die innerkirchlichen Probleme - Missbrauch und Gleichberechtigungsproblematik - für den anhaltenden Anstieg der Austritte verantwortlich sind. | © Andreas C. Müller

Kirchenaustritte 2019: «Die Kirche ist in der Krise»

Andreas C. Müller, 23.2.20
  • Im Jahr 2019 sind nochmals mehr Menschen aus der Römisch-Katholischen Kirche ausgetreten: Insgesamt rund 14 Prozent mehr als 2018.
  • 4’672 Personen haben 2019 die Römisch-Katholische Kirche im Aargau verlassen. 2018 waren waren es 4’093. Bei den Christkatholiken blieb die Mitgliederzahl, abzüglich einer Bereinigung, konstant.
  • Luc Humbel, Kirchenratspräsident der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau, meint im Interview, dass nicht nur die Missbrauchsthematik, sondern auch verpasste Chancen beim Thema Gleichberechtigung für die vielen Austritte verantwortlich sind.

 

Luc Humbel, 2019 sind insgesamt 14 Prozent mehr Menschen als 2018 aus der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau ausgetreten. Allerdings: Im Jahre 2018 waren es  33 Prozent mehr als 2017. Flacht demnach die Kurve langsam ab?
Luc Humbel: Fakt ist, dass die Austritte im Jahr 2019 nochmals massiv zugenommen haben. Dies kann und will ich nicht schönreden. Die Ursachen sind vielfältig. Es ist aber aus meiner Sicht nicht einzig die gesamtgesellschaftliche Tendenz, wonach sich viele nicht mehr lebenslang binden wollen. Vielmehr sind weiter auch die innerkirchlichen Probleme für diesen Anstieg verantwortlich.

Warum war das Jahr 2018 besonders schlimm?
Die Institution Kirche ist in einer Krise. Dies ist vielen Leuten bewusst. Sie hat insbesondere im Umgang und in der Verhinderung von Missbrauch keine glaubwürdige Haltung eingenommen. Die Krise geht aber über die Missbrauchsthematik hinaus. Solange glaubwürdige Antworten auf die Frage von Partizipation und Gleichberechtigung fehlen, werden wir den Trend kaum umkehren können.

Wo gab es 2019 besonders viele Austritte? Und wie lässt sich das erklären?
Wir haben keine eigentlichen Hot-Spots. Tendenziell sind die Austritte in städtischen Gebieten höher, aber auch dies ist nicht überall so.

Kann der Kirchenratspräsident bei dieser Entwicklung noch ruhig schlafen?
Wir sind im Aargau von einer Vielzahl von Gründen betroffen in Bezug auf die Austritte, welche nichts mit unserer Arbeit hier zu tun haben. Es macht mir aber seit längerem Sorgen, dass auf nationaler Ebene die Notwendigkeit von Reformen auf pastoraler Seite nicht erkannt wird.

Was erwarten Sie für die kommenden Jahre? Dürfen wir (noch) auf eine Trendwende hoffen?
Eine Trendwende kann dann erreicht werden, wenn ein Ruck durch die Kirche geht. Der synodale Weg in Deutschland zeigt auf, wie Glaubwürdigkeit zurück gewonnen werden könnte.

Welche Folgen haben die neuerlich vielen Austritte für die Kirche im Aargau und den Aargau insgesamt?
Wir stärken die Kommunikation darüber, was mit den Kirchensteuern passiert. Es ist bei einem Austrittsentscheid wichtig zu wissen, dass 83 Prozent dieser Gelder in der eigenen Pfarrei fehlen werden. Dass mit jedem Austritt primär das Wirken vor Ort – beispielsweise im Bereich der Diakonie, geschwächt und allenfalls in Frage gestellt wird.

Offenbar ist eine Kirchenmitgliedschaft für viele Menschen nicht mehr attraktiv. Hat die Römisch-Katholische Kirche im Aargau neue Ideen, wie man Gegensteuer geben könnte? Bisherige Anstrengungen scheinen ja nicht gefruchtet zu haben. Das sehe ich nicht so. Unsere Anstrengungen werden sehr wohl wahrgenommen und gewürdigt. Dies betrifft die Arbeit in den Pfarreien und in den Fachstellen. Gerade am Beispiel der Notschlafstelle in Baden wurde ersichtlich, dass das Eintreten für die Schwachen in unserer Gesellschaft durch die Kirche wahrgenommen und geschätzt wird. So verhält es sich auch mit den kirchlich-regionalen Sozialdiensten, der Seelsorge vor Ort, der Spitalseelsorge und vielem mehr.

Was sind denn die Konsequenzen bei einem Kirchenaustritt? Wir hören immer wieder, dass Kinder von Ausgetretenen trotzdem in den Religionsunterricht dürfen. Oder dass Ausgetretene gleichwohl ein kostenloses kirchliches Begräbnis bekommen? Oder auch kirchlich heiraten dürfen, wenn der Partner Kirchenmitglied ist.
Diese Praxis wird vor Ort entwickelt und verantwortet. Die Landeskirche erteilt dazu keine Weisungen. Jede Begegnung mit einem Ausgetretenen beinhaltet aber die Chance, ihn von neuem von der Wichtigkeit und Notwendigkeit einer Mitgliedschaft zu überzeugen.

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Tendenziell sind die Austrittszahlen in städtischen Gebieten höher. | © Roger Wehrli
Mehr Austritte in städtischen Agglomerationen
Mehr Glaubwürdigkeit könnte zu einer Trendwende bei der Mitgliederentwicklung führen. Der synodale Weg in Deutschland gilt als Beispiel. | © kna-bild
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Inmitten der Badener Altstadt unweit der Stadtkirche finden Mittellose ohne Obdach ein Zuhause. Dieses kirchliche Engagement wird wahrgenommen | © Roger Wehrli
Mitten in der Altstadt

Christkatholiken: Bereinigung, kein Schwund

Christkatholiken: stabil

Die Aargauer Christkatholiken erfreuen sich stabiler Mitgliederzahlen. Im Bild Lenz Kirchhofer, seit 2014 christkatholischer Priester in Aarau. | © Werner Rolli

Die Gesamtzahl der Mitglieder der Römisch-Katholischen Kirche sank um 2,6 Prozent gegenüber 2018. Ende 2019 waren somit noch 210’573 Personen römisch-katholisch.

Auch bei den Christkatholiken sieht die Statistik nach einem stabilen 2018 auf den ersten Blick fürs 2019 negativ aus. Verzeichneten die insgesamt sieben christkatholischen Kirchgemeinden im Aargau per Ende 2018 noch 2’943 Mitglieder, so waren es Ende 2019 nur noch 2’753. Gemäss dem Kirchenratspräsidenten, Ernst Blust, handelt es sich hierbei aber um eine Bereinigung: «Bei der Anmeldung auf den Gemeinden wurden Menschen aus Süd- und Zentralamerika sowie Portugal und Spanien fälschlicherweise der christkatholischen Kirche zugeteilt. In diesen Ländern gibt es gar keine christkatholische Kirche.

 

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