«Wir alle wissen, wie es um unsere Kirche steht. Unrecht geschah und geschieht, Macht wurde und wird missbraucht», so Priorin Irene Gassmann am vergangenen Donnerstag in der Klosterkirche Fahr. Mit dem neuen  Gebet am Donnerstag sollen die Kirchenverantwortlichen ermutigt werden, sich für Veränderung in der Kirche einzusetzen. | © Roger Wehrli

Kloster Fahr betet für Veränderung in der Kirche

Andreas C. Müller, 16.2.19
  • Am vergangenen Donnerstag, den 14. Februar, fand im Kloster Fahr im Rahmen der abendlichen Komplet das erste Donnerstagsgebet «Schritt für Schritt» statt.
  • Das neue Donnerstagsgebet soll ab jetzt jede Woche abgehalten werden, weltweit Verbreitung finden und dazu beitragen, auf kontemplativem Weg eine Veränderung in der Kirche anzuregen, die von Missbrauchsskandalen und Diskriminierung erschüttert wird.
  • Im Interview mit Horizonte erklärt Priorin Irene Gassmann, wie es zu dieser Idee kam und wie sie selbst Diskriminierung erlebt und erlebt hat.

 

Frau Priorin, wie läuft dieses neu lancierte spezielle «Gebet am Donnerstag» ab?
Irene Gassmann: Im Grund ist es eine erweiterte Komplet mit den dafür typischen Elementen. Fürs erste Mal haben wir allerdings mit einem feierlichen Einzug begonnen. Hildegard Aepli vom Pilgerprojekt für eine Kirche mit den Frauen hat das Tuch mitgebracht, welches uns vor drei Jahren nach Rom begleitet hat – auch um zu zeigen, dass das Gebet an jene Initiative anknüpft .

Ihr Anspruch ist es, dass das Gebet weltweit Verbreitung findet. Wissen Sie schon von anderen Klöstern, die am Donnerstag mitbeten?
Der Versand über das Netzwerk der Benediktinerinnen CIB (Communio Internationalis Benedictinarum)  erfolgte erst kürzlich. Somit weiss ich noch nicht, ob das Gebet beispielsweise auch in Südamerika gebetet wird. habe allerdings bereits Reaktionen aus Deutschen Klöstern, die mitmachen. Wir werden auf einer eigens errichteten Webseite dokumentieren, wo überall gebetet wird.

Gemäss Medienmitteilung gab eine Äusserung des Basler Bischofs Felix Gmür den Anstoss.
Ja, aber schon eine paar Tage vorher stand die Idee Im Raum. Eine Frauengruppe aus Rüschlikon kam zu Besuch ins Kloster Fahr. Da war so eine Ohnmacht spürbar und eine Frau meinte plötzlich: Wie war das denn seinerzeit mit diesen Montagsgebeten in der DDR?

Dann haben also jene wiederkehrenden Gebetsmärsche, die in Ostdeutschland 1989 den Weg für einen friedlichen Umbruch bereiteten, Pate gestanden?
Ja, genau. Und ich sollte noch einige Petitionen unterschreiben, die Veränderungen in der Kirche forderten. Da habe ich gemerkt: Die Leute wollen etwas machen.

Und wie kam Bischof Felix Gmür ins Spiel?
An der Buchvernissage zum Pilgerprojekt für eine Kirche mit den Frauen wies er auf die Wichtigkeit der Kontemplation hin. Da war es für mich klar, was ich machen wollte. Ich habe dann Felix Gmür beim Apéro davon erzählt. Er hat mich ermutigt, meinte aber: «Gell, du machst aber kein rein Deutschschweizer Projekt daraus?»

Das wöchentliche Gebet soll gemäss einer Medienmitteilung Mut und Zuversicht schenken, eine weitere Woche den Weg in und mit der Kirche zu gehen. Das klingt dramatisch…
Ich stehe im Austausch mit Menschen, die in den Kirchenpflegen tätig sind. Die sagen mir, sie werden laufend mit Kirchenaustritten wegen der Missbrauchsskandale und der Frauendiskriminierung konfrontiert. Darum wollen wir mit dem Gebet ermuntern, noch zu bleiben. Wir wollen Zuversicht schenken und hoffen, dass es durch das Gebet einen Schwung für Veränderung gibt.

Wie schmerzvoll ist es für Sie als Führungsfrau in der Kirche, immer wieder mit Missbrauch und Diskriminierung konfrontiert zu werden?
Ich habe als Priorin hier im Kloster Fahr eine Leitungsaufgabe und viele Möglichkeiten zur Gestaltung. Gleichzeitig erlebe ich aber immer wieder Situationen, in denen für uns als Ordensfrauen die Gleichberechtigung nicht gegeben ist. Wenn wir beispielsweise bei einer Kongregation vorstellig werden wollen, braucht es noch immer einen Priester.

Jüngst machte Schlagzeilen, dass insbesondere auch Ordensschwestern missbraucht wurden und werden. Seit wann wissen Sie um diese Problematik?
Ich habe das schon vor Jahren vernommen – von einer Priorin in Afrika. Der sexuelle Missbrauch ist das eine, Diskriminierung das andere. Ich habe noch erlebt, dass man uns Schwestern nicht auf Augenhöhe behandelt hat – das war 2003, als ich im Fahr als Priorin angefangen habe. Da hatten wir noch einen Prior und konnten uns noch nicht selbst verwalten. Da hiess es manchmal: «Die da hinten, was haben die schon zu sagen» – damit waren die Schwestern gemeint. So etwas von Mitbrüdern zu hören, das war schon hart. Und das war nicht im Mittelalter, sondern in diesem Jahrhundert.

Die Schwestern des Klosters Fahr haben sich in letzter Zeit als Vorkämpferinnen für Frauenrechte in der Kirche profiliert und schafften es in diesem Zusammenhang sogar in die Vatikanzeitung.
Das war im Zusammenhang mit unserem Engagement für das Stimmrecht von Ordensfrauen an der Jugendsynode. Eigentlich finde ich das ja toll, dass der Papst diesen synodalen Weg inszeniert. Aber dann zu sehen, dass da keine Frauen dabei sind, die mitentscheiden können. Das ist Diskriminierung!

Wird man solch kämpferisches Engagement von den Fahrer Klosterfrauen noch vermehrt sehen?
Ich glaube, jetzt ist es wichtig, den Fokus auf das Gebet zu leben. Was das auslöst, kann ich noch nicht sagen. Es geht jetzt einmal darum, das wirken zu lassen.

Wie lange soll das Gebet am Donnerstag stattfinden?
Das haben wir offen gehalten und ist ja nicht nur abhängig von uns. Das Gebet muss nun in die Welt hinaus und sich verbreiten. Wie bereits erwähnt: Auf der Webseite www.gebet-am-donnerstag.ch werden wir sichtbar machen, wie das Gebetsnetz wächst.

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