Drei Jahre lang beschäftigten sich der Kirchenrat der Römisch-Katholischen Landeskirche im Aargau und verschiedene Fachstellen und Initiativen mit dem selbst gesetzten Legislaturschwerpunkt «fremd-sein». Am Samstag, 10. November 2018 wurde unter dem Motto «fremd sein - Vielfalt leben» der Abschluss festlich begangen. | © Anne Burgmer

Lebendig, lustig, laut – Legislaturziel Abschlussfest

Anne Burgmer, 12.11.18
  • Für die ausklingende Legislaturperiode hatte sich der Kirchenrat der Römisch-Katholischen Landeskirche im Aargau 2015 das Schwerpunktthema «fremd-sein» gegeben.
  • Am Samstag feierten rund 200 Gäste ein vielfältiges und internationales Abschlussfest in der Pfarrei Peter und Paul in Aarau. Bei aller Feierstimmung gab es aber auch kritische Stimmen.

Auf ein abschliessendes Wort zum Fest angesprochen, erwiderte Luc Humbel, Kirchenratspräsident der Römisch-Katholischen Landeskirche im Aargau, lächelnd: «Bereichernd!». Myroslava Rap, verantwortlich für den Bereich Integration und interreligiöses Handeln bei Bildung und Propstei, zeigte sich ebenfalls sehr zufrieden mit dem Abschlussanlass.

Aarau als idealer Standort für das Fest

Vorangegangen waren über drei Stunden Fest: lebendig, lustig, laut. Es gab fast unüberschaubar viele Angebote: Musik, Tanz, Improvisationstheater, Einblicke in das Projekt «fremd-sein» in Form eines Koffermarktes, eines Films zur Aktion Inegüxle und natürlich internationale Speisen sowie Spielmöglichkeiten im Hof zwischen Kirche und Pfarrhaus. Die häufigste Reaktion auf Nachfragen zum Fest lautete denn auch wenig überraschend: vielfältig.

«Allein das Essen, welches die verschiedenen anderssprachigen Missionen für das Buffet gezaubert haben. Dazu noch die Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen. Das war wunderbar», schwärmte Gabriele Tietze-Roos von der Bistumsregionalleitung. Hans Niggeli, Fachstellenleiter Spital-, Klinik- und Heimseelsorge, zeigte sich überzeugt, dass Aarau mit den vielen anderssprachigen Missionen der ideale Ort für die Abschlussveranstaltung sei. Ein Gast freute sich, dass er – von auswärts kommend – einen ehemaligen Arbeitskollegen im Gottesdienst wiedergetroffen habe; beim Friedensgruss.

Die Auseinandersetzung endet nicht

In seiner Eröffnungsrede erinnerte Luc Humbel daran, in welchem Kontext sich der Kirchenrat den Legislaturschwerpunkt gegeben hatte: «Zu Beginn dieser Legislatur im Jahre 2015 wurden in der Schweiz 40‘000 Asylgesuche gestellt. Als sich der Kirchenrat also […] mit der Suche nach einem Sinn gebenden und gesellschaftlich relevanten Legislaturthema beschäftigte, war die Migrationsthematik sehr aktuell. Es war – nicht nur bei der Bevölkerung – eine Überforderung und es waren Ängste spürbar». Mit dem Regierungsrat seien sogenannte Notfallszenarien zur Unterbringung von Geflüchteten in Pfarreizentren diskutiert worden und im Herbst habe es die bisher grösste Demonstration im Aargau zum Thema Toleranz und Anstand gegeben.

Doch, so der Kirchenratspräsident weiter: «Es war uns aber wichtig, das Legislaturthema nicht auf die Migration zu beschränken [und fixierten das Thema schliesslich mit fremd-sein.] Fremd-sein begegnet uns nicht nur im Flüchtlingsbereich. Auch innerkirchlich». Die Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten und dem Umgang mit Fremden sei «eine Daueraufgabe für uns, für die Kirche, für die ganze Gesellschaft», betonte Luc Humbel.

Vertraut werden braucht Zeit und Unterstützung

Dass das innerkirchlich Fremde durchaus auch Unverständnis hervorruft, zeigte sich an der Frühlingssynode mit Blick auf den Jahresbericht 2017 der Landeskirche, der mit Fotos aus den verschiedenen anderssprachigen Missionen bebildert war. Das sei sehr fremd und ganz anders, als das gewohnte Katholischsein, äusserte damals ein Synodaler im Grossratssaal. Auch am Fest wies ein Besucher auf das teilweise Befremdliche der anderen Arten von «katholisch» im Gottesdienst hin. Es brauche Zeit, damit und auch mit Fremden vertraut zu werden.

Eine spannende Möglichkeit, sich vertraut zu machen, bot – hier exemplarisch vorgestellt – das Projekt UMA, ein Teilprojekt des Vereins Netzwerk Asyl Aargau. Junge Geflüchtete stellten sich als «living library» (lebendige Bücherei) zur Verfügung und erzählten von ihrer Geschichte. Zum Beispiel die 22-jährige Liza, die vor fast drei Jahren über die Türkei und Griechenland aus dem Irak in die Schweiz kam. Deutsch erlernte sie – weil sie keinen Platz in einem Deutschkurs bekommen habe – zunächst mit Hilfe von Youtube-Videos. Sie hat einen Status-F-Ausweis. Das heisst, sie ist vorläufig aufgenommen, ihr Status wird nach Prüfung alle zwölf Monate verlängert – oder auch nicht. Für nächstes Jahr hat sie eine Lehrstelle, sie freut sich darauf und macht sich allein Gedanken um ihre Mutter, die viel alleine in der Unterkunft in Leuggern ist.

Kritische Töne zum Konzept Legislaturschwerpunkt

Es gab auch kritische Stimmen; nicht zum Fest oder zum Thema, sondern zum Konzept des Legislaturschwerpunktes. Inhaltlich habe er an der Idee des Legislaturzieles nichts auszusetzen, fände das toll, so ein Besucher, doch er empfinde die Formulierung, die «Römisch-Katholische Kirche im Aargau» gebe sich ein Legislaturziel als vereinnahmend. Es seien vor allem der Kirchenrat, seine Mitglieder und Mitarbeitende der Fachstellen, die sich des jeweiligen Themas annähmen.

In eine ähnliche Richtung fragte Kaplan Adrian Bolzern. «Ich bin mir nicht sicher, wie weit dieses Legislaturthema von oben in den Pfarrgemeinden angekommen ist während der drei Jahre. Dabei wäre es doch schön, wenn ein Thema über so einen langen Zeitraum an der Basis breit abgestützt wäre», gibt Adrian Bolzern zu bedenken. Vielleicht wird das zu diskutieren sein, denn die letzte Synodensitzung dieser Legislatur steht am 14. November 2018 an – im Jahr 2019 startet die neue Legislaturperiode.

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