«Ich lernte in meiner Ursprungsfamilie, dass es Menschen gibt, denen es im Leben nicht so gut geht», erzählt Justa Pinnow. «Diese Erfahrung war klar Wegbereiter für mein Engagement als Pflegemutter.» | © Roger Wehrli

Lernen loszulassen

Erfahrungen einer dreifachen Pflegemutter

Carmen Frei, 28.9.16

«Ich bin eine Kindernärrin», gesteht Justa Pinnow und ergänzt lachend: «Mein Mann wusste von Anfang an, dass ich einige Kinder habe möchte.» Und so kam es. Mittlerweile gehören fünf eigene Kinder zur Ehrendinger Familie, dazu sind Pinnows bereits dreifache Pflegeeltern.

Ist in vielen Häusern ein massiver Esstisch mit einer stattlichen Anzahl von Stühlen drum herum Ausdruck eines grosszügigen Lebensstils, so ist diese Einrichtung im Hause Pinnow schlicht nötig. Denn neben Justa und Dieter Pinnow leben im Haushalt deren drei Töchter und zwei Söhne im Alter zwischen elf und vierundzwanzig Jahren, aktuell zudem ein Pflegebub. Er ist bereits ihr drittes Pflegekind, seit sie sich 2008 zu diesem Engagement entschieden haben.

Platz im Herz und im Auto

«Ich lernte in meiner Ursprungsfamilie, dass es Menschen gibt, denen es im Leben nicht so gut geht», erzählt Justa Pinnow. Jugendliche oder Mitarbeitende mit «anspruchsvollem Hintergrund» erhielten im elterlichen Betrieb Unterstützung, wenn sie Halt im Leben brauchten. «Diese Erfahrung war klar Wegbereiter für mein Engagement als Pflegemutter.»

Nach der Geburt der fünf eigenen Kinder spürte Justa Pinnow, dass es «im Herz und im Auto» – wie sie es humorvoll auf den Punkt bringt – durchaus noch Platz hat. Zusammen mit ihrem Mann besuchte sie darum ein Orientierungsseminar der «Fachstelle Pflegekind Aargau» und liess sich nachher zur Pflegemutter ausbilden (siehe untenstehende Broschüre). 2008 kam erstmals ein fünfmonatiges Mädchen zu Pinnows und war über vier Jahre lang Teil der Familie.

Mit der Rückplatzierung des Mädchens zur eigenen Mutter begann das, was für Justa Pinnow noch heute am schwersten ist in ihrer Aufgabe als Pflegemutter: das Loslassen. «Dieser Schritt hinterliess eine grosse Lücke, denn ich war trotz der zur Aufgabe gehörenden Professionalität mit sehr viel Herz dabei.» Justa Pinnow schluckt leer.

«Es ist meiner Ansicht nach das Wichtigste, sich als Pflegemutter bewusst zu sein, dass die Pflegekinder vielleicht nur befristet ein Teil der Familie sind. Eltern lassen die eigenen Kinder auch irgendwann ziehen, aber bei Pflegekindern ist der Zeitpunkt nie genau vorhersehbar.»

Wenn Eltern eine Auszeit brauchen

Die Loslass-Thematik war auch Inhalt der Abschlussarbeit zur Ausbildung als Pflegemutter, welche die gelernte kaufmännische Angestellte absolvierte. «Die Abschlussarbeit zielt auf den Grundgedanken des Pflegemutterseins, der besagt, dass jedes Kind zu den leiblichen Eltern gehört.»

Pflegeeltern sind dann zur Stelle, wenn die leiblichen Eltern eine Auszeit brauchen, bis ihre Lebenssituation es zulässt, dass die Kinder wieder nach Hause können. «Wenn dieser Zeitpunkt da ist, spüren es alle», weiss Justa Pinnow aus Erfahrung. «Dann ist es Zeit, loszulassen. Aber schwer ist es jedes Mal.»

Rucksack inklusive

Ebenfalls Voraussetzung für das gesellschaftlich wichtige Engagement der Pflegeeltern ist die Bereitschaft, das Kind dort abzuholen, wo es steht, mit dem «Rucksack», den es anhat. «Die Kinder tragen sehr unterschiedliche Rucksäcke, sogar Babies haben spürbare Rucksäckli.» Das heisst zum Beispiel, nicht nur für das Pflegekind, sondern auch für dessen Eltern da zu sein.

«Wir hatten bis jetzt das Glück, sehr nette Eltern kennenzulernen, die einfach im Moment nicht genug Kraft oder Kapazität hatten.» Die Gründe dafür sind laut der «Fachstelle Pflegekind Aargau» ganz unterschiedlich: Überforderung bei früher Elternschaft, psychische und physische Verwahrlosung, Misshandlung, psychische Erkrankung oder Eltern mit einer Suchtproblematik.

Eine öffentliche Familie

Bei Pinnows trafen die drei Pflegekinder nicht nur auf Pflegeeltern, sondern ebenso auf Pflegegeschwister. «Irgendeines unserer Kinder nimmt sich immer besonders dem Pflegekind an», beobachtet Justa Pinnow. «Und vor jedem neuen Engagement mussten alle ‚Ja’ sagen zum nächsten Pflegekind.» Die fünffache Mutter ist der Meinung, dass diese Erfahrung das soziale Verständnis der eigenen Kinder geschärft hat.

«Unsere Kinder sehen, dass das Leben facettenreich ist. Es macht sie dankbar für das, was in ihrem eigenen Leben gut läuft und sie wissen, dass es sich lohnt, Kommendes mit Zuversicht anzugehen.» Überhaupt zieht das Pflegeelternsein Kreise. Justa Pinnow: «Das ganze Familiensystem, also beispielsweise auch unsere Eltern, ziehen mit.» Obendrein ist man als Pflegefamilie eine öffentliche Familie. Ein gutes Gefüge zwischen Behörden, Beistand und «Fachstelle Pflegekind Aargau» ist zentral.

Liebe zum Mensch

Justa Pinnow ist eine vielseitige Frau. Sie nahm und nimmt vor allem im Dorf verschiedene ehrenamtliche Aufgaben war, pflegt ihre Freundschaften, liest gerne und tankt nicht zuletzt im Gebet auf: «Wir sind überzeugt katholisch», bekennt die 51-Jährige und sagt abschliessend, während sie der Tochter erlaubt, ein «Gspänli» zum Abendessen einzuladen: «Meine Quelle für diese Aufgabe ist die Liebe zum Mensch. Die eigene Familie ist zwar der Kern, aber es gibt viele andere Menschen, unterschiedlichster Nationen und Religionen, die zur Familie werden, wenn man dies zulässt und sie gern hat.» Wahrlich ein Esstisch der Gemeinschaft – und nicht einfach ein Statussymbol – der in diesem Ehrendinger Wohnzimmer steht.

 

Fachstelle Pflegekind Aargau

Die «Fachstelle Pflegekind Aargau» koordiniert und begleitet Pflegeplatzierungen im Auftrag verschiedener öffentlicher Stellen: Jugend- und Familienberatungen, Sozialdiensten, Kinder- und Erwachsenenschutzdiensten und andere mehr. Die Zusammenarbeit mit den Auftraggebenden ist durch Leistungsvereinbarungen und Kostengutsprachen geregelt. Als Auftragnehmerin trägt die «Fachstelle Pflegekind Aargau» für die Dauer der Platzierung eine delegierte Verantwortung. Die Federführung und das Case-Management bleiben jedoch bei der zuweisenden Instanz.

Die Pflegefamilien werden von den Mitarbeitenden der Fachstelle sorgfältig ausgebildet, vertraglich angestellt und entschädigt. Das Team der Fachstelle besteht aus ausgewiesenen Fachleuten, die in Sozialer Arbeit, Psychologie oder verwandten Fachgebieten qualifiziert sind und die sich überdies für die Arbeit mit Kindern und Familien weitergebildet haben.

Die «Fachstelle Pflegekind Aargau» hält die zuweisenden Stellen über die Entwicklung des Pflegeverhältnisses stets auf dem Laufenden. Die Eingewöhnungsphase des Kindes wird besonders engmaschig begleitet. So kann es gelingen, einem Kind ein Stück unbeschwerte Kindheit zurückzugeben.

Die Römisch-Katholisches Landeskirche im Aargau und verschiedene Pfarreien unterstützen die Tätigkeit der «Fachstelle Pflegekind Aargau» mit finanziellen Zuwendungen.

www.pflegekind-ag.ch

Lehrgang für Pflegeeltern

 

 

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