Der neue Bischofsvikar Valentin Koledoye soll im Wasserschloss die Pfarrverantwortung übernehmen. | © Roger Wehrli

Machtkampf im Wasserschloss

Andreas C. Müller, 15.7.20
  • Nachdem in Gebenstorf-Turgi der Konflikt zwischen der Kirchenpflege und der Opposition immer wieder für Negativschlagzeilen gesorgt hatte, kommt es jetzt zu einschneidenden Veränderungen: Gemeindeleiter Peter Daniels verlässt den Seelsorgeverband.
  • Der Abgang von Peter Daniels bedeutet möglicherweise auch das Ende für Pater Adam Serafin. Das Bistum pocht auf eine vertragliche Vereinbarung, die genau das vorschreibt. Aus Sorge um eine neuerliche langjährige Seelsorgevakanz bittet Kirchenpflegepräsident Daniel Ric beim Bistum um ein Gespräch. Der neue Bischofsvikar Valentine Koledoye lässt Daniel Ric auflaufen, spricht lieber mit der Opposition und will auch gleich selbst an die Front.

 

Die 72-köpfige Initiativgruppe in Gebenstorf-Turgi hatte in den vergangenen Jahren gegen die Kirchenpflege und den Salvatorianerpater Adam Serafin immer wieder schwere Vorwürfe formuliert: Mobbing, Nötigung, unsachgemässe Handhabe von Geldern, Bespitzelung sind nur einige aus einem grossen Katalog. Es gab offene Konflikte und Kündigungen. Immer wieder waren der Bischof und der für die Seelsorgeregion St. Urs zuständige Bischofsvikar angerufen worden, die Vorwürfe zu untersuchen. Bei der Landeskirche war zudem eine Aufsichtsanzeige eingereicht worden. Alles ohne Konsequenzen. Bis jetzt.

Geht der Gemeindeleiter, muss auch der Priester gehen

Dann der Paukenschlag: Gemeindeleiter Peter Daniels verlässt den Seelsorgeverband, nachdem dieser, wie Horizonte aus verschiedenen Quellen weiss, bereits seit mehreren Monaten mit Wissen des Bistums eine neue Stelle gesucht hatte – auch im Aargau.

Der Weggang von Peter Daniels könnte auch das Ende von Pater Adam Serafins Zeit im Wasserschloss bedeuten. In einer Zusatzvereinbarung aus dem Jahre 2017, die Horizonte vorliegt, erklären die Kirchenpflegen von Gebenstorf-Turgi und Birmenstorf, aber auch Pater Adam Serafin, dass Letztgenannter seine Stelle aufgeben wird, beziehungsweise entlassen werden muss, wenn Gemeindeleiter Peter Daniels geht. Pater Adam, so heisst es ferner in besagter Vereinbarung, hätte aufgrund des Assessments und der konfliktträchtigen Geschichte an seiner vorherigen Arbeitsstelle im Kanton Fribourg die Stelle im Aargau nur auf ausdrückliches Ersuchen der Kirchenpflegen erhalten.

Enttäuschung beim Kirchenpflegepräsidenten

«Das Bistum hat uns immer wieder einen Nachfolger für den seinerzeit beliebten Priester Celestine Thazhuppil versprochen, aber nie Kandidaten präsentiert», erinnert sich Daniel Ric, Kirchenpflegepräsident von Gebenstorf-Turgi. Da habe man sich irgendwann selbst auf die Suche nach geeigneten Kandidaten gemacht und mit Pater Adam einen Kandidaten präsentieren können.

Dass mit dem Weggang von Peter Daniels per Ende September nun auch noch der zweite Seelsorger abgezogen werden soll, versteht Daniel Ric nicht. «Der Bischof soll doch an die Gläubigen denken», sagt er. «Ich verstehe nicht, wie der Bischof über Monate eine neue Stelle für unseren Gemeindeleiter sucht, uns hierüber aber weder informiert, geschweige denn eine Nachfolgelösung mit uns bespricht.» Mehr noch: Man nehme den Gläubigen nun auch noch den zweiten Seelsorger.

«Die Verantwortung dafür liegt allein bei der Kirchenpflege», meint Hilde Seibert von der «Gruppe der 72». Die Kirechenpflege und Pater Adam hätten zu verantworten, dass die Kirchgemeinden Gebenstorf-Turgi und Birmenstorf nun ohne Priester und Diakon dastünden. «Über Monate hinweg haben sie Peter Daniels schikaniert, gemobbt und ausgegrenzt, bis er notfallmässig mit Herzproblemen ins Kantonsspital eingeliefert werden musste.» Weiter hätten die Kirchenpflege und Pater Adam ja auch die Vereinbarung unterschrieben, wonach Pater Adam gehen muss, wenn Peter Daniels gekündigt hat. «Die Kirchenpflege hat mit dem Feuer gespielt und schiebt nun die Schuld wie so oft anderen zu – diesmal dem Bistum», meint Hilde Seibert.

Bistum spricht mit Opposition und macht Druck

«Auf meine Anfrage für ein klärendes Gespräch ist nie eingegangen worden», erklärt Daniel Ric weiter. Dies, obschon der neue Bischofsvikar Valentine Koledoye kurz nach seinem Amtsantritt ein Treffen mit Daniel Ric in Aussicht gestellt hatte.

«Plötzlich habe ich dann nichts mehr gehört», so Daniel Ric mit Verweis auf verschiedene Mails, die Horizonte vorliegen. «Ich habe immer wieder nachgefragt und schliesslich Ende Juni zur Antwort erhalten, ein Treffen sei aufgrund des zu vollen Terminkalenders bis auf Weiteres nicht möglich.»

Pikant: Der neue Bischofsvikar liess den Kirchenpflegepräsidenten abblitzen, traf sich aber letzte Woche mit vier Delegierten der Opposition gegen Daniel Ric und Pater Adam. Valentine Koledoye erklärt, dass es lediglich darum gegangen sei, dass die «Gruppe der 72» ihre Anliegen deponieren konnte. Dass er dem Ersuchen um ein Gespräch Ende Juni mit Kirchenpflegepräsident Daniel Ric nicht entsprochen habe, begründet der neue Bischofsvikar damit, dass nach der Demission von Diakon Peter Daniels ein Gespräch erst sinnvoll sei, wenn die vertraglichen Verpflichtungen von allen Vertragspartnern erfüllt sind. Konkret bedeutet das: Wenn die Kündigung von Pater Adam Serafin vorliegt.

Angst vor mehrjähriger Vakanz

«Ich habe auch an den Bischof geschrieben und auf die Situation der Gläubigen aufmerksam gemacht», erklärt Daniel Ric gegenüber Horizonte. Die Antwort: Solange beim Bistum nicht die Kündigung von Pater Adam auf dem Tisch liegt, gibt es weder ein Gespräch noch eine Diskussion über die Nachfolgeregung: «Die Nachfolgelösung kann erst angegangen werden, wenn die Kündigung gemäss den Bestimmungen im Vertrag, den alle Parteien unterzeichnet haben, vorliegt», erklärt Bischofssprecher Hansruedi Huber

«Wir sollen Pater Adam entlassen ohne Aussicht auf einen Nachfolger», erklärt Daniel Ric. «Auf diese Art und Weise zwingt mich der Bischof in die Verantwortungslosigkeit. Konkret bedeute dies, dass wir keine seelsorgerlichen und sakramentalen Dienste mehr garantieren können.» Was Daniel Ric nicht sagt: Es könnte Jahre gehen, bis für den Seelsorgeverband Birmenstorf-Gebenstorf-Turgi eine Nachfolgelösung bereit steht.

Ein Seelsorger, der als Quelle nicht genannt werden will, aber die Situation im Wasserschloss gut einzuschätzen vermag, meint: «Bestimmt werden erst Kandidaten für eine Nachfolge präsentiert, wenn neue Leute in der Kirchenpflege sitzen. Dass das Bistum bis anhin nichts unternommen hat, heisst nicht, dass es Daniel Ric unterstützt. Im Gegenteil: Daniel Ric gilt als Bistumskritiker.» Es sei aber auch ein Trugschluss, zu glauben, das Bistum schlage sich auf die Seite der Opposition. Das Bistum verfolge seine eigenen Pläne. Eine mehrjährige Vakanz in den Wasserschlossgemeinden liege durchaus im Bereich des Möglichen.

Der Bischofsvikar als Joker

Wie Horizonte in Erfahrung bringen konnte, beabsichtigt das Bistum, dass bis zu einem definitiven Entscheid über die personelle Nachfolge von Peter Daniels und Pater Adam Serafin der neue Bischofsvikar Valentine Koledoye die Pfarrverantwortung vor Ort übernimmt. «Das heisst nicht, dass ich vor Ort die Gottesdienste und Eucharistiefeiern leiten muss», erklärt Valentine Koledoye und begründet: «Bei einer Vakanz  einer Pfarrstelle ist es üblich, dass der Bischofsvikar die Vakanz regelt. Je nach Situation kann er selbst den Einsatz von Personal koordinieren, an Sitzungen teilnehmen und sich um organisatorische, die Seelsorge betreffende Belange kümmern.» Er sei zuversichtlich, dass er, bis eine definitive Nachfolgelösung gefunden ist, die wichtigsten pastoralen Dienste gewährleisten könne.

Daniel Ric hat indessen nicht vor, die erwähnte Vereinbarung einfach so einzuhalten und Pater Adam ohne Aussicht auf eine konkrete Perspektive zu entlassen. Pater Adam Serafin sei bei einem Grossteil der Gläubigen beliebt und wolle überdies gerne bleiben, weiss der Kirchenpflegepräsident.

Wird das Wasserschloss ein zweites Röschenz?

Ein zweites Röschenz werde es aber nicht geben, verspricht Daniel Ric. «Wenn der Bischof Adam Serafin die Missio entzieht, werden wir ihn nicht länger beschäftigen. Aber dann muss der Bischof darlegen, aus welchem Grund er das tut.» Er sei gespannt, was dann vorgebracht werde und wie der Bischof das rechtfertigen wolle, so Daniel Ric weiter. Pater Adam habe sich strafrechtlich und kirchenrechtlich nichts zu Schulden kommen lassen. Im Gegensatz dazu habe der Bischof in Riehen einen vorbestraften Sexualstraftäter gedeckt: «In jedem anderen Land der Welt hätte der Bischof aufgrund der Nulltoleranz-Devise deswegen seinen Rücktritt geben müssen.»

Für ein zweites Röschenz dürfte Daniel Ric auch die Unterstützung fehlen. Die Delegierten der 72-köpfigen progressiven Opposition, erklären gegenüber Horizonte in einem Mail: «Lieber eine längere Vakanz als weiterhin mit Pater Adam. Eine längere Vakanz würde uns die Möglichkeit geben, Vertrauen wieder aufzubauen – sehr gern zusammen mit Birmenstorf.»

Birmenstorf will an Vereinbarung festhalten

Aus Birmenstorf, das unlängst verlauten liess, aus dem gemeinsamen Seelsorgeverband aussteigen zu wollen, wollte Kirchenpflegepräsidentin Ruth Rippstein zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme abgeben. Nur so viel: «Bezüglich Weggang von Diakon Peter Daniels hält sich die Kirchenpflege Birmenstorf an den Vertrag aus dem Jahre 2017 mit dem Bistum, Pater Adam und den beiden Kirchgemeinden.» Jener regelt, dass der Salvatorianerpater zu gehen hat, wenn Peter Daniels das Wasserschloss verlässt.

 

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Hat keinen Termin für ein Leistet Widerstand: Daniel Ric, Kirchenpflegepräsident von Gebenstorf-Turgi. | © Roger Wehrli
Daniel Ric
Hilde Seibert, Mitglied der «Gruppe der 72», der Opposition gegen Kirchgemeindepräsident Daniel Ric und Pater Adam. | © Roger Wehrli
Hilde Seibert
 
Andreas C. Müller

Kommentar
von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Konflikte und Anschuldigungen: Seit Jahren sorgen die Römisch-Katholischen Kirchgemeinden im Wasserschloss für Negativschlagzeilen. Nachdem das Bistum lange zugeschaut und im Hintergrund die Fäden gezogen hat, holt es nun zum grossen Schlag aus – mit dem Ziel, die Situation zu bereinigen.

Dass Gemeindeleiter Peter Daniels im Wasserschloss litt, war ein offenes Geheimnis. Und dennoch: Nach 20 Jahren geht man nicht einfach so und lässt seine Schäfchen im Stich. In wochenlanger Vorarbeit hat das Bistum für Peter Daniels eine neue Stelle gesucht, denn: Mit dem Weggang des Gemeindeleiters würde man dank einer speziellen Vereinbarung auch Pater Adam Serafin los, den das Bistum, wie es mehrfach schon betonte, auf Druck der Kirchenpflegen im Wasserschloss akzeptierte.

Kirchenpflegepräsident Daniel Ric und Pater Adam haben alles andere im Sinn, als einfach dem Bischof Folge zu leisten. Aus diesem Grund setzt das Bistum Druck auf: Solange Pater Adam Serafin nicht weg ist, gibt es keine Gespräche über eine Nachfolgelösung – keine Gespräche mit der Kirchenpflege wohlgemerkt. Mit der Opposition trifft sich der neue Bischofsvikar Valentine Koledoye. Die «Gruppe der 72» um Hilde Seibert spielt eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung des beim Bistum ebenfalls unbeliebten Kirchenpflegepräsidenten Daniel Ric. Und damit das Bistum die Situation im umkämpften Wasserschloss besser unter Kontrolle hat, soll der neue Bischofsvikar gleich selbst an die Front. Ob das klappt? Wie will Valentine Koledoye als Bischofsvikar Ordnung in eine derart umkämpfte Region bringen, wenn er in einem Mail gegenüber Kirchenpflegepräsident Daniel Ric schon von einem zu vollen Terminkalender spricht? So oder so: Wer als «Ordnungsmacht» im Geheimen nur mit einer Partei spricht, diskreditiert sich. Gewiss: Es stehen seit Längerem Vorwürfe gegen Daniel Ric und Pater Adam im Raum. Doch strafrechtlich wie auch kirchenrechtlich hat sich nie etwas erhärtet. Dies zeigt: Im Wasserschloss tobt ein Kulturkampf – Konservative gegen Progressive. Man darf nun gespannt sein. Der Machtpoker geht in die nächste Runde.

 

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