In einem einjährigen Pilotprojekt haben im Kanton Aargau unter der Trägerschaft von Bistum und Landeskirche zwei Pastoralräume erprobt, wie Kirche nahe bei den Menschen ist, auch wenn die Strukturen weiträumiger werden. Das Fazit sorgt für Stirnrunzeln. | © Anne Burgmer

Nahraumpastoral: Bistum und Landeskirche im Krebsgang

Andreas C. Müller, 11.1.18
  • In einem einjährigen Pilotversuch haben das Bistum Basel und die Römisch-Katholische Landeskirche evaluiert, wie bei wachsendem Mangel an Seelsorgepersonal die Kirche trotzdem nahe bei den Leuten sein kann.
  • Das Ergebnis sorgt für Verwirrung und Erklärungsbedarf. Verschiedene Seelsorgende beklagen mangelnden Mut und kritisieren, dass erst in einem Jahr über weitere Schritte entschieden werden soll.

 

«Ich bin nicht länger bereit, für Berufungen zu beten, wenn so viele Berufungen ignoriert werden», bringt ein Seelsorger, der nicht öffentlich genannt werden will, seine Frustration auf den Punkt. Enttäuscht ist er, dass nach einem einjährigen Pilotprojekt von Bistum und Landeskirche keine greifbaren Lösungsansätze sichtbar werden – und schon gar nicht beim Thema Befähigung von Freiwilligen.

Ein Projekt, dreierlei Erklärungen

Worum ging es bei dem Projekt, bei welchem erstmals das Bistum Basel mit einer staatskirchenrechtlichen Körperschaft – der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau, eng zusammengearbeitet hat (Horizonte berichtete)? «Ziel war, in eine Zukunft zu denken, die es aktuell so bei uns noch nicht gibt», fasst es Simon Meier, Leiter des Pastoralraums Region Brugg-Windisch zusammen und konkretisiert: «Dass es eine Bezugsperson gibt, wenn sich in einem Kirchenzentrum eine Person aus dem Seelsorgeteam zum Beispiel beruflich umorientiert oder pensioniert wird, und diese Stelle nicht mehr vom Personalamt des Bistums besetzt werden kann.» Der Lösungsansatz ziele in Richtung Mobilisierung und Qualifizierung von Freiwilligen, die bestimmte Aufgaben in delegierter Verantwortung übernehmen, die normalerweise Hauptamtliche machen. «Dafür müssen diese aber speziell ausgebildet werden.»

Zwischen Vertretern des Bistums und der Landeskirche sei im Vorfeld des Projekts heftig diskutiert worden, wie in den neu geschaffenen Pastoralräumen auf die Bedürfnisse von Gläubigen nach Nähe und Erreichbarkeit eines Seelsorgenden vor Ort reagiert werden könne, erklärt Heinz Altorfer, Vizepräsident des Kirchenrates der Römisch-Katholischen Landeskirche. In Kenntnis bereits existierender Projekte im In- und Ausland mit Freiwilligen bot die Landeskirche dem Bistum eine Zusammenarbeit an. «Das ist sehr positiv aufgenommen worden», resümiert Heinz Altorfer. Als Ziel des Projekts nennt er «mehr Nähe, mehr Engagement von Personen vor Ort» und erklärt: «Es ging darum, zu sehen, was es braucht und was man tun könnte, um freiwillig engagierte Kirchenmitglieder zu bestärken und zu begleiten, sich aktiv vor Ort in der Pastoral einzubringen.»

«Das Projekt hatte nicht zum Ziel, Freiwillige in den pastoralen Dienst zu rekrutieren. Es ging darum, wie die Kirche in Anlehnung an Kapitel 4.1. des Pastoralen Entwicklungsplans des Bistums Basel (PEP) vor Ort präsent sein kann», erklärt demgegenüber Generalvikar Markus Thürig. «Der Bildung von Gemeinschaften und Gruppierungen und ihrer Vernetzung kommt dabei besondere Bedeutung zu», heisst es dort. Und weiter: «Die Gläubigen sind weniger aufgerufen, Aufgaben der Seelsorgenden zu übernehmen. Sie sind zum Dienst in ihren Lebensräumen berufen.» Im Übrigen, so Markus Thürig, könne das Personalproblem ja noch nicht so stark sein, wenn von sieben angefragten Pastoralräumen nur gerade zwei Interesse an einer Mitarbeit beim Projekt gezeigt hätten: Die Region Brugg-Windisch und der Mutschellen.

«In vielen Regionen ist der Stellenabbau bereits Realität»

Eine Argumentation, die Diakon Ueli Hess, so nicht stehen lassen will. «Wir Hauptamtliche werden ausgepresst wie Zitronen», erklärt der Leiter des Pastoralraums Bremgarten-Reusstal, der dieses Jahr demissioniert. Mit Leo Stocker verlässt zudem der leitende Priester den Pastoralraum. Es bleiben der mittlerweile 72-jährige Priester Franz Xaver Amrein und Georg Umbricht, der Gemeindeleiter von Lunkhofen. Um das Personalvakuum aufzufangen, wird der Pastoralraum künftig nicht mehr mehrere Leitungspersonen, bzw. Bezugspersonen für die Gläubigen vor Ort haben (sogenannter Typ A), sondern nur noch eine Pastoralraumleitung und einen mitleitenden Priester (sogenannter Typ B). «De facto ist das ein Stellenabbau», räumt Ueli Hess ein. «Und in vielen Gegenden des Aargau ist er bereits Realität».

Dass das Bistum und die Landeskirche zu diesem Zweck ein Pilotprojekt lanciert haben, begrüsst Ueli Hess. Doch hätte er sich mehr Mut gewünscht. Es brauche Mut zu mehr ausserordentlichen Lösungen in Anlehnung an die Ehe-Assistenz und Taufvollmacht, erklärt er. «Das hiesse dann auch die Befähigung von Laien, Eucharistie feiern zu dürfen. Klar scheint das zum jetzigen Zeitpunkt undenkbar, weil dies, wie früher die Taufe, die Trauung und in gewohnter Weise auch die Begräbnisfeier, an die Weihe gebunden ist. Doch wie wir wissen, hat sich das geändert.

«Es braucht jetzt eine Lösung»

Auch Jürgen Heinze, der sich während Jahren bei der Fachstelle Bildung und Propstei für die Freiwilligenarbeit engagiert hat, sieht «wenig Mut zum Aufbruch und zur Bereitschaft zum Experiment mit Freiwilligen». Gegenüber Horizonte erklärt er: «Ich frage mich, wie das weitergehen soll? Ob man erst dann anfangen will, wenn von den Hauptamtlichen kaum mehr jemand da ist, der dafür Fähigkeiten und Zeit hat. Wir müssen jetzt die Leute gewinnen und ausbilden.» Überhaupt: Beim Engagement der Beauftragung von Laien tue sich einfach zu wenig. «Beispielsweise Beerdigungen: Dass dies Freiwillige übernehmen könnten, ist im Bistum Basel derzeit undenkbar. In den Bistümern Freiburg im Breisgau oder Aachen wird das aber schon so praktiziert.»

«Meines Erachtens ist es doch gerade mutig, auf Prozesse zu setzen», erklärt demgegenüber Heinz Altorfer und ergänzt: «Was wir auf keinen Fall wollen, ist ein vorgegebenes Konzept, das für alle Pastoralräume im Aargau gelten soll.» Mit einem vorsichtigen Vorgehen komme man in der katholischen Kirche eher zu Lösungen, welche die Praxis veränderten. Das brauche halt Zeit. Und ja: Wenn sich zeigen sollte, dass neue Funktionen definiert werden müssen, dann werde man sehen. Das müsse dann diskutiert werden. Die Kirchenpflegen und die Angestellten der Kirchgemeinden sollten jedenfalls bei der Entwicklung von Projekten und Strukturen in der Nahraumpastoral einbezogen werden. Seitens der Landeskirche wolle man begleitend und beratend mit entsprechenden Angeboten zur Seite stehen und auch spezifische Weiterbildungsangebote entwickeln.

«Wir dürfen die kirchlichen Berufe nicht zerstören»

Für Generalvikar Markus Thürig steht jedoch fest: «Wenn man nun einfach hingeht und sagt, dass Freiwillige angestellt werden und die Aufgaben von Seelsorgenden übernehmen sollen, dann zerstört man diese Berufe. Andererseits wäre es unverantwortlich, Personen in Aufgaben zu schicken, für die sie nicht ausgebildet sind.»

In ihrer Medienmitteilung halten Bistum und Landeskirche fest, «dass sich das Pilotprojekt mit den beiden Pastoralräumen gelohnt hat, auch wenn nicht alle Ziele erreicht worden sind.» Beide Seiten betonen, dass die partnerschaftliche Zusammenarbeit für die Entwicklung der Nahraumpastoral wichtig bleiben wird. Die Entwicklungen sollen weiter beobachtet und allfällige weitere Schritte geplant werden. Dazu wollen sich Bistum und Landeskirche in einem Jahr wieder zum Erfahrungsaustausch und zur Meinungsfindung treffen.

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Der Lösungsansatz ziele in Richtung Mobilisierung und Qualifizierung von Freiwilligen, die bestimmte Aufgaben in delegierter Verantwortung übernehmen, die normalerweise Hauptamtliche machen, fasst es Simon Meier, Leiter des Pastoralraums Region Brugg-Windisch zusammen. Am Projekt waren mit der Region Brugg-Windisch und dem Mutschellen zwei Pastoralräume beteiligt. | zvg
Simon Meier, Pastoralraum Brugg-Windisch
«Das Projekt hatte nicht zum Ziel, Freiwillige in den pastoralen Dienst zu rekrutieren», stellt der Generalvikar des Bistums Basel, Markus Thürig, klar. | zvg
Markus Thürig, Bistum Basel
Es brauche Mut zu mehr ausserordentlichen Lösungen in Anlehnung an die Ehe-Assistenz und Taufvollmacht, erklärt Ueli Hess, Leiter des Pastoralraums Bremgarten-Reusstal. «Das hiesse dann auch die Befähigung von Laien, Eucharistie feiern zu dürfen.» | © Werner Rolli
Ueli Hess, Diakon in Bremgarten
Auch Jürgen Heinze, der sich während Jahren bei der Fachstelle Bildung und Propstei für die Freiwilligenarbeit engagiert hat, sieht «wenig Mut zum Aufbruch und zur Bereitschaft zum Experiment mit Freiwilligen». | © Felix Wey
Jürgen Heinze, Fachstelle Bildung und Propstei
 
Andreas C. Müller

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Dass das Bistum Basel und die Römisch-Katholische Landeskirche eine gemeinsame Trägerschaft gebildet haben, um herauszufinden, wie die Kirche trotz Strukturveränderungen infolge Personalnotstand nahe bei den Gläubigen bleiben kann, verdient Anerkennung. Umso bedauerlicher, dass die heute publizierte Medienmitteilung – gewissermassen das Fazit aus einem einjährigen Pilotversuch – zu einer regelrechten Seifenblase verkommen ist. Nach der Lektüre hat man mehr Fragen als Antworten, Vertreter säkularer Medien dürften gelinde gesagt Bahnhof verstehen. Böse Zungen könnten nun behaupten, das sei beabsichtigt.

Fragt man nach, staunt man erneut: Die am Projekt beteiligten Partner teilen offenbar nicht dasselbe Verständnis. Während es von Seiten der Landeskirche sowie von involvierten Seelsorgern heisst, das Projekt ziele in Richtung Mobilisierung von Freiwilligen, die bestimmte Aufgaben übernehmen sollen, welche normalerweise Hauptamtliche machen, heisst es von Seiten des Bistums: «Es geht nicht darum, Freiwillige in die Pastoral zu holen.»

Dass solche versteckten Widersprüche, beziehungsweise kein klar erkennbarer Kurs, all jene frustriert, die sich bis anhin für Lösungen unter Einbezug von Freiwilligen engagiert haben, scheint verständlich. Umso mehr, als in der Medienmitteilung keine Perspektiven, keine konkreten Lösungsansätze präsentiert werden. Man bescheidet sich damit, die Entwicklungen weiter zu beobachten und sich in einem Jahr wieder zur Meinungsbildung zu treffen. Die Gefahr besteht, dass auf diese Art und Weise Leute entmutigt den Bettel hinwerfen, die sich über Jahre hinweg für Lösungsansätze eingesetzt haben. Gut möglich, dass Jürgen Heinze von der Fachstelle Bildung und Propstei, zuständig für die Themen «Zukunft Kirche» und «Kompetenz für Freiwillige», deswegen in die Spitalseelseelsorge wechselt. Oder was hat es zu bedeuten, dass Joachim Köhn nach nur fünf jähriger Tätigkeit als Pastoralverantwortlicher des Bistums Basel zur Fachstelle Katechese-Medien im Kanton Aargau geht?

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