Ruta stammt aus Eritrea und lebt seit Oktober 2016 in der Schweiz. Die 17-Jährige lebt in einer Flüchtlingsunterkunft in Menziken und ist einmal wöchentlich zu Gast bei Familie Neruda-Schenk. Mutter Eva-Maria sowie deren Kinder Magdalena (15) und Alexander (13) begleiten die junge Frau im Rahmen eines Mentoring-Programms. | © Roger Wehrli

Mentoring-Programm mit jungen Asylsuchenden

Fabrice Müller, 12.7.18
  • Unbegleitete jugendliche Asylsuchende (UJA) erhalten im Kanton Aargau im Rahmen eines Mentoring-Programms eine Begleitung durch freiwillige Mentorinnen und Mentoren.
  • Horizonte besuchte zwei «Tandems»: Den 18-jährige Hossain, der sich regelmässig mit der 25-jährigen ETH-Studentin Magdalena und ihrer Familie trifft, und die 17-jährige Eritreerin Ruta, die bei Familie Neruda immer wieder zu Gast ist.

 

Wer sich dem Eingang der Familie von Eva-Maria Neruda und Christian Schenk in Aarau nähert, stellt schnell fest, dass hier Fussballfans zuhause sind. Seit einem Jahr fiebert auch Ruta Kahsay bei den Fussballspielen mit – so etwa während der Weltmeisterschaft in Russland. Und sie nimmt – dank der Vermittlung von Tochter Magdalena – am Fussballtraining bei den Junioren des FC Aarau teil. Ruta stammt aus Eritrea und lebt seit Oktober 2016 in der Schweiz. Über Kreuzlingen kam die 17-Jährige in den Kanton Aargau, wo sie in einer Flüchtlingsunterkunft in Menziken lebt. Die Familie Neruda-Schenk begleitet die junge Frau im Rahmen des Mentoring-Programms für UJA im Kanton Aargau.

Ziel ist die Unterstützung bei der Integration

Das Mentoring-Programm soll zu einem Austausch zwischen den Flüchtlingen im Kanton und der Zivilgesellschaft beitragen, sagt Susanne Klaus, die das Projekt zusammen mit Gabi Gratwohl auf die Beine stellte. 2015 starteten die beiden Frauen, engagierten sich ehrenamtlich in einem Schulprogramm des Netzwerk Asyl für unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Dabei entstand die Idee, den Jugendlichen und jungen Erwachsenen Personen zur Seite zu stellen, die sie bei der Integration und anderen Herausforderungen unterstützen können.

Als die Nachfrage nach diesem Angebot immer grösser wurde, mobilisierten die beiden Frauen ihren Bekanntenkreis. Dort stiessen sie auf positive Resonanz und konnten zahlreiche Freiwillige für das Mentoring-Programm gewinnen. Inzwischen sprach sich das Angebot auch bei anderen Schulen des Kantons herum, die für ihre Flüchtlingsschüler ebenfalls Mentorinnen und Mentoren suchten. «Es verbreitete sich wie ein Lauffeuer», erinnert sich Gabi Gratwohl. Mittlerweile konnten über 90 Jugendliche aus dem ganzen Kanton an Mentorinnen und Mentoren vermittelt werden.

«Beziehung, Sicherheit und Perspektiven»

Was sind die Aufgaben der Mentorinnen und Mentoren? «Unser Ziel ist es, die Jugendlichen in ihrer individuellen und herausfordernden Lebenssituation zu unterstützen», sagt Susanne Klaus. Dazu gehörten sowohl das Angebot zum Aufbau einer Beziehung als auch das Schaffen von Sicherheit, das Vermitteln von Perspektiven sowie die Integration in eine soziale Struktur.

Die Mentorinnen und Mentoren unterstützen die Flüchtlinge bei der Bearbeitung des Schulstoffs und motivieren sie beim Lernen. Sie stellen sich als Bezugspersonen für den Aufbau einer partnerschaftlichen, konstruktiven und haltgebenden Beziehung zur Verfügung.

Das Mentoring-Programm richtet sich an alle, die an der ehrenamtlichen Zusammenarbeit mit Jugendlichen aus anderen Kulturen interessiert sind. «Wichtig sind eine Offenheit im Austausch mit den Flüchtlingen sowie Empathie und Verständnis für ihre individuelle Situation», sagt Gabi Gratwohl. Hinzu komme die Bereitschaft, den «Mentees» ein nachhaltiges Beziehungsangebot zu machen, das ihnen das Gefühl der Sicherheit vermittle. Wie oft sich die Mentoren und Jugendlichen treffen, ist laut Susanne Klaus unterschiedlich. Meist finden die Treffen einmal pro Woche während ein bis zwei Stunden statt.

Zum ersten Mal ein Geburtstagskuchen für die 17-jährige Ruta

Ruta trifft sich mit ihrer Mentoringfamilie einmal pro Woche. Ab und zu nimmt sie auch an Familienanlässen und Ausflügen teil. Unvergesslich bleibt für die junge Eritreerin die Schlittenfahrt auf der Rigi. Auch an Weihnachten, Ostern oder an ihrem Geburtstag feierte sie mit ihrer Mentoringfamilie, wo sie zum ersten Mal einen Geburtstagskuchen essen durfte.

«Wir waren von diesem Projekt von Anfang an begeistert, als wir angefragt wurden, ob wir uns als Mentoren engagieren wollten», erzählt Eva-Maria Neruda. Zum einen hätten sie die Möglichkeit, Ruta beim Lernen und der Integration zu unterstützen – zum andern «wollen wir ihr auch eine gewisse Familienstruktur bieten». Gleichzeitig sei es spannend, eine andere Kultur kennen zu lernen. Und: «Wir spüren von Ruta sehr viel Dankbarkeit und haben es sehr gut zusammen», sagt Eva-Maria Neruda und nimmt Ruta in den Arm. Natürlich gebe es auch Herausforderungen, vor allem bei der Sprache.

Regelmässig wird zusammen Deutsch gelernt und auch viel Deutsch gesprochen. Weil sich Ruta für Mode interessiert, hatte sie zudem die Möglichkeit, bei einem Coiffeur zu schnuppern. Auch die Kinder Eva-Maria Neruda, Magdalena (15) und ihr Bruder Alexander (13), geniessen den regelmässigen Kontakt zu Ruta. «Wir spielen zusammen Fussball oder Uno. Da spielt es weniger eine Rolle, ob wir uns sprachlich verstehen oder nicht“, erzählt Magdalena.

Unterstützung durch den Pastoralraum Region Aarau

Das Mentoring-Programm dauert mindestens ein halbes Jahr. Danach haben die Jugendlichen und Mentoren die Möglichkeit, Bilanz zu ziehen. «Viele unserer Mentoren machen weiter. Zum Teil entstehen freundschaftliche Bindungen, und manche Mentoren haben Mühe, die Jugendlichen loszulassen», weiss Susanne Klaus. Der Bedarf an weiteren Mentorinnen und Mentoren in allen Regionen des Kantons ist gross. Das Projekt wird seit Beginn dieses Jahres vom Pastoralraum Region Aarau finanziell unterstützt – und zwar mit einem 30 Prozent-Pensum. Bisher engagierten sich die beiden Frauen ehrenamtlich, stiessen aber zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen.

 

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«Wir spüren von Ruta sehr viel Dankbarkeit und haben es sehr gut zusammen», sagt Eva-Maria Neruda  und nimmt Ruta in den Arm. | © Roger Wehrli
Ruta mit Eva-Maria Neruda
Gemeinsam wird gelernt...
Natürlich gebe es auch Herausforderungen, vor allem bei der Sprache, weiss Eva-Maria Neruda. Gleichwohl schätzt die engageierte Mutter die Möglichkeit sehr, einem jungen Menschen mit Migrationshintergrund den Schweizer Alltag näher bringen zu können. «Wir waren von diesem Projekt von Anfang an begeistert, als wir angefragt wurden, ob wir uns als Mentoren engagieren wollten», erinnert sich Eva-Maria Neruda. | © Roger Wehrli
...und viel Deutsch gesprochen
Das Mentoring-Programm soll zu einem Austausch zwischen den Flüchtlingen im Kanton und der Zivilgesellschaft beitragen, erklärt Susanne Klaus, die das Projekt zusammen mit Gabi Gratwohl auf die Beine stellte. | © Roger Wehrli
Gaby Gratwohl (links) und Susanne Klaus

Hossain Ayub: Besseres Deutsch dank Mentoring

Hossain Ayub aus Afghanistan trifft sich seit Dezember 2017 mit seiner Mentorin Magdalena Wey aus Suhr. Einmal pro Woche verabredet sich der 18-Jährige mit der ETH-Studentin und deren Familie zum gemeinsamen Essen. «Ich helfe ihm bei den Hausaufgaben, beim Lernen und bringe ihm unsere Kultur näher», erzählt die 25-jährige. Hinzu kommen gemeinsame Ausflüge, der Schwimmunterricht bei Magdalena Weys Schwester oder Fahrradtouren. Gerne hilft Hossain auch im grossen Garten der Familie Wey.

Hossain, der leise spricht und noch etwas schüchtern wirkt, schwärmt von den schönen Blumen und überrascht mit seinem guten Deutsch – obwohl er erst seit eineinhalb Jahren in der Schweiz lebt. «Ich lese gerne Bücher und profitiere davon, dass ich bei Magdalena und ihrer Familie viel sprechen kann. So kann ich neu gelernte Wörter sofort gebrauchen». Hossain besucht die Kantonale Schule für Berufsbildung in Aarau und hat eine Praktikumsstelle als Fachangestellter Gesundheit in einem Alterszentrum in Aussicht.

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