Das Caritas-Projekt «Co-Pilot» ist im Aargau gestartet. Am Samstag, 24. Februar 2018 trafen sich die ersten Paare in Baden zu einem gemeinsamen Startananlass. Nun werden sie ein Jahr lang gemeinsam unterwegs sein. | © Roger Wehrli

Mit Co-Pilot durch den Alltag steuern

Marie-Christine Andres Schürch, 26.2.18
  • Das Caritas-Projekt «Co-Pilot» bringt Migranten mit Freiwilligen zusammen, die sie bei ihrer sozialen Integration unterstützen.
  • Ein Jahr lang treffen sich die Freiwilligen mit den Flüchtlingen monatlich zwei bis viermal.
  • Am «Matching-Day» am Samstag, 24. Februar sind in Baden die ersten Paare gestartet.

Die Bezeichnung «Matching-Day» erinnert an Online-Partnerbörsen, welche passende Singles zusammenbringen. Genauso ist auch die Stimmung im Chorherrenhaus Baden an diesem Samstagnachmittag. 30 Erwachsene und 12 Kinder sitzen auffallend still an den Tischen. Einige mustern verstohlen ihr Gegenüber, andere rutschen auf dem Stuhl hin und her. Die Stille hat einen nervösen Unterton.

Wer ist mein Gegenüber?

Nachdem Projektleiterin Isabelle Odermatt die Anwesenden begrüsst und das Programm bekannt gegeben hat, erreicht die Spannung ihren Höhepunkt: Die Migrantinnen und Migranten sowie die Freiwilligen suchen mit Hilfe von Namensschildern nach dem ihnen zugeteilten Gegenüber. Nach und nach finden sich die Paare. Tanja geht auf Tekle zu, sie geben sich die Hand. Co-Pilotin Brigitte wechselt erste Worte mit ihrer Familie aus Afghanistan. Weiter vorne gesellt sich eine vierköpfige Familie zu einer Mutter mit zwei Buben aus Tibet. Und Pilotin Rahel aus Eritrea hat ihre Badener Co-Pilotin Veronika aufgespürt. Nun ist es nicht mehr still, nur noch ein wenig nervös.

Postenlauf

Die Teams besuchen verschiedene Posten in der Stadt. Es warten Aufgaben, die beim Kennenlernen helfen. Elisabeth und Shilan bemalen am ersten Posten je eine Tasse, die sie einander danach schenken. Am zweiten Posten tauschen Brigitte und der junge Familienvater Safa Adresse und Telefonnummer aus und vereinbaren gleich das erste Treffen. Sie habe ihre eigene Praxis aufgegeben und sei neu in den Raum Baden gezogen, erzählt Brigitte. Die 60-Jährige kann sich nicht vorstellen, nichts mehr zu tun. Und weil sie früher mit Kindern gearbeitet hat, freut sie sich, neben Manizheh und Safa auch deren Kinder, den vierjährigen Yussuf und die anderthalbjährige Melissa zu begleiten.

Papierflieger

Am dritten Posten in der Stadtkirche falten Tekle und Tanja Papierflieger. Der Eritreer erzählt seiner Co-Pilotin, dass er in seinem Heimatland keinen Beruf gelernt, sondern 14 Jahre im Militärdienst verbracht habe. Nun wird er bald einen Reinigungskurs bei der SBB absolvieren. Tanja sagt, sie habe im Moment Zeit, sich für ein solches Projekt wie «Co-Pilot» zu engagieren und deshalb gefunden: «Wenn ich das nicht mache, wer dann?».

Selbständig fliegen

Zwei Stunden später sind alle wieder an der Wärme, plaudern und stärken sich am Buffet. Die Anspannung ist fort, fast wirken die Paare schon ein wenig vertraut. Von nun an werden Piloten und Co-Piloten selbständig zusammen «fliegen». Zwei bis viermal im Monat treffen sich die Teams. Wo und wann, ist ihnen überlassen. Auch was sie tun möchten, sprechen sie untereinander ab. Die Treffen dienen einerseits dem Austausch, die Freiwilligen können jedoch in verschiedenster Hinsicht Unterstützung und Bereicherung sein: Bei der Wohnungssuche, der Deutsch-Konversation, der Freizeitgestaltung oder im ganz normalen Alltag.

«Matching bewährt sich

«Grundsätzlich ist es gut, wenn die Paare Dinge unternehmen, welche die Flüchtlinge später auch selber einmal machen können. Also eher Bräteln im Wald als Europapark», erklärt Isabelle Odermatt. Nebst einem Austausch Ende April bekommen die Freiwilligen von ihr Tipps und Unterstützung. Erfahrungsgemäss läuft die Zusammenarbeit zwischen Piloten und Co-Piloten sehr gut. Im Kanton Solothurn, wo das Integrationsprojekt seit einem Jahr besteht, mussten von 57 Paaren nur gerade zwei während des Projekts aufgeben. Das «Matching» anhand von Fragebogen über die persönlichen Interessen und Wünsche scheint sich zu bewähren. Am 14. März starten die nächsten Teams in Aarau und nach den Sommerferien, am 23. August 2018 findet für interessierte Freiwillige ein Infoabend im Chorherrenhaus in Baden statt.

«Das schaffst du»

Dennoch erwartet die Co-Piloten eine Aufgabe, die nicht immer nur leicht und lustig sein dürfte. Eine Co-Pilotin sagt besorgt und mitfühlend über ihre junge Pilotin aus dem Iran: «Ich glaube, sie ist sehr isoliert». Sie spricht ihr Mut zu: «Jetzt gehen wir Schritt für Schritt, schreiben lernen, Deutsch sprechen – du wirst das schaffen».

 

 

 

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Co-Pilotin gesucht! Die Migranten - Einzelpersonen oder Familien - sind die Piloten. Als «Co-Piloten» werden die Freiwilligen bezeichnet, die die Integration unterstützen. | © Roger Wehrli
Co-Pilotin gesucht!
Vor dem ersten Zusammentreffen waren Flüchtlinge und Freiwillige gleichermassen nervös. Bald wich aber die Anspannung. | © Roger Wehrli
Erstes Zusammentreffen
Obwohl sich die beiden noch nicht lange kennen, vertrauen sie einander sehr persönliche Dinge an. Viele Migranten haben Schweres erlebt. | © Roger Wehrli
Persönliches kommt zur Sprache
Der dritte Posten befindet sich in der Stadtkirche. Dort faltet jede und jeder einen Papierflieger. | © Roger Wehrli
Flieger falten...
Die Projektleiterin Isabelle Odermatt (Bildmitte) betreut das Caritas-Integrationsprojekt. Sie steht bei Turbulenzen mit Rat und Tat zur Seite. | © Roger Wehrli
Isabelle Odermatt, Projektleiterin
Ebenso wie die Papierflieger sollen auch die Piloten und Co-Piloten flugtüchtig werden. | © Roger Wehrli
...und abheben!
Die Pilotenfamilie aus Tibet bemalt für ihre Co-Piloten-Familie aus Untersiggenthal eine Tasse. | © Roger Wehrli
Gegenseitiges Geschenk
Vögel zählen beim Rathaus Baden - auf Tigrinya und Schweizerdeutsch. | © Roger Wehrli
Tigrinya und Schweizerdeutsch
Fototermin auf dem Theaterplatz in Baden: Die Paare können ihr Foto gleich mitnehmen. | © Roger Wehrli
Fototermin auf dem Theaterplatz
Von jetzt an treffen sich die Freiwilligen und die Migranten zwei bis viermal pro Monat. Wie sie die Treffen gestalten, dürfen sie selber bestimmen. | © Roger Wehrli
Zusammenstehen, nicht nur fürs Foto
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