Die Fachstelle «Pastoral bei Menschen mit Behinderung» der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau verschickt jede Woche Mut-Botschaften mit Bastelanleitungen, Bibeltexten und Geschichten. | © Tanja Huggel

Mut-Botschaften und feste Rituale helfen in der Krise

Marie-Christine Andres Schürch, 25.4.20
  • Auch für Menschen mit Behinderung – in Institutionen oder selbständig lebend – hat sich der Alltag radikal verändert: Werkstätten sind geschlossen, sie dürfen keinen Besuch empfangen und haben viele Fragen, auf die es keine klaren Antworten gibt.
  • Die «Fachstelle Pastoral bei Menschen mit Behinderung» arbeitet mit Pfarreien, Institutionen und Vereinen zusammen, damit alle am kirchlichen Leben teilhaben können. Sie versucht, Menschen auch in der momentanen Situation zu unterstützen.
  • Die Fachstellenleiterin, eine Betreuerin und eine Betroffene berichten, wie sie mit den Einschränkungen der Pandemie zurechtkommen.

 

Zu Beginn des Lockdowns nahm Isabelle Deschler ihre Agenda hervor und begann, alle Termine zu streichen. «So viel freie Zeit», habe sie sich gedacht, erinnert sich die Leiterin der Fachstelle «Pastoral bei Menschen mit Behinderung». Bald aber wurde ihr bewusst, was da für eine Arbeit auf sie zukam. «Anlässe streichen, alle informieren, neue Angebote ausdenken und aufgleisen – das brauchte anfangs viel Zeit.»

Jede Woche eine Mut-Botschaft

Um über die Änderungen zu informieren, verschickten Isabelle Deschler und ihre Mitarbeiterinnen einen Brief. Dabei kamen sie auf die Idee, während der Corona-Zeit regelmässig so genannte «Mut-Botschaften» zu verschicken.

Seither gelangt einmal pro Woche ein Brief mit Geschichten, Bibelzitaten aber auch Bastelanleitungen an die ehemaligen und aktiven Kursteilnehmer und an die Institutionen, mit denen die Fachstelle zusammenarbeitet. Viele der selbständig wohnenden Menschen mit Beeinträchtigung erwarten diese Botschaften freudig. Die Mutpost hilft ihnen, mit anderen in Verbindung zu bleiben.

Abwechslung und Ablenkung gegen das Gedankenkarussell

Zum Beispiel Tamara Sennrich. Die 31-Jährige lebt trotz ihrer Beeinträchtigung selbständig. Sie bekommt IV, arbeitet aber regelmässig in der Kindertagesstätte bei Deutschkursen in Aarau mit. Wegen der Corona-Pandemie sind die Deutschkurse bis im August abgesagt. In dieser Situation freut sich Tamara Sennrich über Kontakt zur Aussenwelt. Ablenkung tue ihr gut, sagt sie: «Wenn ich so viel alleine zu Hause bin, mache ich mir tausend Gedanken und Sorgen.»

Keine klaren Antworten

Tamara Sennrich besuchte vor der Pandemie regelmässig die Angebote der Fachstelle und gestaltete auch Gottesdienste mit. Halt geben ihr im veränderten Alltag das Gespräch mit anderen Menschen und auch mit Gott. «Manchmal zünde ich eine Kerze an und frage ihn, warum das Coronavirus da ist und wie lange das noch so geht. Eine Antwort habe ich bis jetzt noch nicht gefunden.»

Larissa Meyer kennt diese Schwierigkeiten. Sie arbeitet als Betreuerin auf einer Wohngruppe der Stiftung «Orte zum Leben» in Oberentfelden. Dass es auf viele Fragen der Klientinnen und Klienten im Zusammenhang mit dem Coronavirus keine klaren Antworten gibt, ist eine grosse Herausforderung. «Die Unsicherheit darüber, wie lange der momentane Zustand dauert, macht hier vielen zu schaffen,» sagt Larissa Meyer.

Fixe Essenszeiten und Beschäftigung

Die einen Bewohner der Stiftung «Orte zum Leben» arbeiten in der Tagesstätte, andere in Werkstätten. Wegen der Pandemie-Massnahmen sind viele Werkstätten sowie die Tagesstätte geschlossen, das Arbeiten fällt weg und der Tagesablauf der Bewohner hat sich stark verändert. Wichtig sei jetzt, den Leuten durch feste Strukturen Sicherheit zu geben, sagt Larissa Meyer. «Wir haben fixe Essenszeiten und sorgen für Beschäftigung.»

«Gewohnte Bahnen sind mir lieber»

Tamara Sennrich betont ebenfalls, dass sie klare Strukturen mag und macht ein Beispiel. Im gewohnten Alltag erhält sie Unterstützung durch Pro Infirmis und die Psychiatrie-Spitex. Weil Pro Infirmis nun bis Ende Mai nicht vorbeikommt, übernimmt die Psychiatrie-Spitex teilweise deren Aufgaben. «Alles vermischt sich, damit habe ich Mühe. Ich habe es lieber, wenn alles in gewohnten Bahnen verläuft.»

Abschiedsfeier im Heim statt Beerdigung

Die Theologin, Seelsorgerin und Fachstellenleiterin Isabelle Deschler weiss, dass Strukturen und Rituale für Menschen mit Behinderung besonders wichtig sind. Das zeigte sich beim Tod eines Bewohners auf der Wohngruppe von Betreuerin Larissa Meyer. Weil die Mitbewohner coronabedingt nicht an die Beerdigung gehen durften, gelangte die Institution an die Fachstelle. Isabelle Deschler organisierte, unter Einhaltung der Hygienemassnahmen und Abstandsregeln, eine Abschiedsfeier im Heim. «Die Feier war für die Leute wichtig, um den Tod zu begreifen und sich zu verabschieden», sagt Betreuerin Larissa Meyer. Isabelle Deschler betont: «In solchen Situationen muss man abwägen zwischen der Gefahr durch das Virus und der Gefahr durch das psychische Leiden der Menschen.»

«Physical distancing» ist belastend

Im Alltag scheint es vor allem das Abstandhalten zu sein, das psychisch belastend ist. Tamara Sennrich sagt: «Ich treffe zwar ab und zu Leute, aber es kommt mir komisch vor, so distanziert mit jemandem umgehen zu müssen.» Sie sei eine, die den Kontakt zu anderen Leute sehr schätze und brauche. Die momentane Situation belaste sie auch deshalb sehr.

«Darüber sprechen wir oft»

Aus ihrer Sicht zeige sich in der jetzigen Situation, wie wichtig der persönliche Kontakt zu den Leuten sei, sagt Isabelle Deschler. Und sie stelle fest, dass Menschen mit Behinderung gar nicht so viel schlechter verstehen, warum die Pandemie das gesellschaftliche Leben momentan weitgehend lahmlegt. Das bestätigt auch Betreuerin Larissa Meyer: «Dass unsere Bewohner ihre Familie nicht sehen können, ist schwierig, darüber sprechen wir oft mit ihnen. Aber trotzdem gehen die Menschen recht gut mit den vielen Einschränkungen um.»

 

Film statt Gottesdienst

Der traditionelle Pfingstgottesdienst der Fachstelle «Pastoral bei Menschen mit Behinderung» in Königsfelden fällt dieses Jahr aus. Doch Isabelle Deschler und ihre Mitarbeiterinnen planen, einen Film zu produzieren und online zu stellen: Die Pfingstgeschichte, erzählt von Isabelle Deschler und Sarah Bütler, musikalisch begleitet von Priska Walss mit dem Alphorn.

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