Das Bistum Basel «zwingt» seine Pfarreien in Pastoraräume. Anders im Bistum Chur, der zweitgrössten Deutschschweizer Diözese (im Bild die Kathedrale des Bischofssitzes in Chur): Dort dürfen Pfarreien auch «Einzelpfarreien» bleiben. | © kath.ch

Pastoralräume: Nicht überall Pflichtprogramm

Das Bistum Chur kennt keinen Masterplan zur Pastoralraumerrichtung

Andreas C. Müller, 5.10.17

Das Bistum Basel tut sich schwer mit der Errichtung seiner Pastoralräume. Ein Blick über die Bistumsgrenzen hinaus zeigt: In der Diözese St. Gallen sowie im Bistum Chur hat man deutlich weniger Probleme. Ausschlaggebend sind im Wesentlichen drei Gründe: Gute Kommunikation, das Festhalten an den Pfarreileitungen und Mut, Einzelpfarreien zuzulassen.

Erst acht von 24 Pastoralräumen hat das Bistum Basel im Aargau errichtet. Dies, nachdem bereits im Jahre 2006 noch unter dem damaligen Bischof Kurt Koch die Idee lanciert wurde, mittels Bildung von grösseren Gebietseinheiten seelsorgerische Dienstleistungen zu bündeln – quasi als Antwort auf die abnehmende Zahl von Gläubigen und den grassierenden Priestermangel.

«Information funktioniert nicht, indem man Papiere schreibt»

Erst 54 von 104 Pastoralräumen im gesamten Bistumsgebiet hat das Bistum Basel innerhalb von 12 Jahren errichtet – also etwas mehr als die Hälfte. Das Bistum St. Gallen hingegen hat im gleichen Zeitraum alle seine Pfarreien in sogenannten «Seelsorgeeinheiten» untergebracht.

Vor zwei Jahren wurde im Bistum St. Gallen die letzte von insgesamt 33 Seelsorgeeinheiten errichtet. Wie erklärt man sich diesen Erfolg? «Bei uns war die Umsetzung viel einfacher, weil wir viel kleinräumiger sind», glaubt die Kommunikationsverantwortliche Sabine Rüthemann. Zum Vergleich: Während das Bistum Basel etwa 1,1 Millionen Gläubige in 511 Pfarreien umfasst, finden sich in der Diözese St. Gallen lediglich 263 000 Gläubige in 142 Pfarreien.

«Das Ganze steht und fällt mit guter Information. Eine solche funktioniert nicht, indem man Papiere schreibt, sondern indem man mit den Leuten redet.» Und natürlich sei nicht immer alles nur in Minne abgelaufen. «Die grösste Schwierigkeit bestand darin, den Leuten zu erklären, was das alles soll», erinnert sich Sabine Rüthemann. Man habe verschiedenen Ängsten begegnen müssen: «Dass die Pfarreien verschwinden, die Grossen die Kleinen „fressen“. Und viele Pfarreiverantwortliche hatten auch Angst vor Kompetenzverlust.»

Basler Bischof übt Druck aus

Im Laufe der Umsetzung hätten die Leute jedoch sehen können, dass die Ängste unbegründet waren. «Die Pfarreien sind immer noch da und können nebst den Angeboten für die ganze Seelsorgeeinheit ihre Traditionen weiter pflegen», erklärt Sabine Rüthemann. Es gebe Seelsorgeeinheiten, in denen die Zusammenarbeit bereits sehr gut funktioniere. Und die Menschen profitierten von verschiedenen Vorteilen. «Die Gläubige können sich denjenigen Seelsorger als Ansprechperson auswählen, zu dem sie den besten Draht haben. Frauen können auch gezielt zu einer Frau gehen.» Das habe man früher weniger und mit mehr Zurückhaltung gemacht. «Und für das Seelsorgepersonal eröffnen sich neue Möglichkeiten bei Vertretungen, bei der Aufgabenverteilung nach jeweiligen Talenten – zum Beispiel bei der Jugendarbeit, der Diakonie – sowie auch bei regionalen Projekten.»

Im Bistum Basel setzt man zunehmend auf Druck: Beispielsweise erklärte Bischof Felix Gmür 2014 in einem Brief an die Seelsorgenden, dass ER bis Ende des Jahres die Struktur der Pastoralräume in jenen Regionen festlegen werde, wo dies nicht von selbst erfolge (Horizonte berichtete). Und per August 2018 werden die Dekanate aufgelöst – unter anderem auch, um Pfarreien, die noch nicht zu einem Pastoralraum gehören, direkt dem regionalen Bischofsvikariat zu unterstellen. Ein weiterer Versuch, Druck auszuüben, wie das Basler Pfarrblatt «Kirche heute» dem Kommunikationsverantwortlichen Hansruedi Huber entlocken mochte. Gegenüber Horizonte präzisiert Generalvikar Markus Thürig: «Mit der Übertragung der Dekanats- auf die Pastoralraumstrukturen ab August 2018 kann psychologischer Druck entstehen – wer möchte schon der Letzte im Prozess der Pastoralraumerrichtungen sein?»

Kirchgemeinden verweigern Gefolgschaft

Es zeigt indessen, dass alle Versuche, den Prozess im Sinne des Bistums zu beschleunigen, bis anhin kaum Früchte getragen haben. Verschiedentlich legen sich die Kirchgemeinden quer, so unter anderem in Kaiseraugst-Arisdorf-Giebenach. Laut einem Bericht der Aargauer Zeitung hat die Kirchgemeinde ihrem Gemeindeleiter, Diakon Stephan Kochinky, sogar untersagt, an einem Pastoralraum mitzuarbeiten. Man halte dies für den falschen Weg. Auch das grösste Projekt im Aargau, der «Pastoralraum Aargauer Limmattal», scheiterte vorerst am Widerstand der Kirchgemeinden. Wann und ob die geplante Mega-Seelsorgeeinheit in der ursprünglich vorgesehenen Form überhaupt kommt, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt ungewiss.

Der Grund für die Verzögerungen sind vielfältig: Einerseits gelingt es offenbar nicht, das Vorhaben der Basis zu vermitteln, andererseits hat die angedachte Struktur der Seelsorgeeinheiten Folgen für das Personal. Bereits 2014 erklärte das Bistum im bereits erwähnten Brief, dass bei der Pastoralraumbildung verschiedene Seelsorgende ihre leitende Funktion verlieren würden. Mit der Errichtung der meisten Pastoralräume werden nämlich die Gemeindeleitungen aufgehoben. Es existiert hernach nur noch ein Pastoralraumleitungsteam unter Führung einer Person.

Bistum St. Gallen tastet Gemeindeleitungen nicht an

Im Dekanat Zurzach wird am 27. Oktober 2017 der Pastoralraum «Surbtal-Würenlingen errichtet. 2019 soll der «AG 26» im Gebiet Leibstadt-Döttingen folgen. Laut Angaben von Dekanatsleiter Stefan Essig ist allerdings der Pastoralraum für Bad Zurzach-Studenland «noch in einer Warteschlaufe». Vorgesehen ist auch hier ein sogenannter «Typ B-Pastoralraum» mit einer Leitung. Das hätte zur Folge, dass Ursula Schmidt-Metzger, die Gemeindeleiterin von Schneisingen, ihre Stelle verlieren würde. Auf die Frage, ob man das denn in Kauf nehmen könnte, erklärte die Wislikofer Kirchenpflegepräsidentin Alice Fischer unlängst: «Nein, natürlich nicht, aber es kommt darauf an, wer die Leitung für das Pastoralraumprojekt hat.» Seit dem Weggang von Raimund Obrist vor knapp einem Jahr hat man sich offenbar gescheut, das heisse Eisen weiter zu schmieden.

Jedoch gibt es im Bistum Basel auch einige wenige grössere Seelsorgeeinheiten, innerhalb derer die Gemeindeleitungen erhalten bleiben (sogenannte «Typ A-Pastoralräume»). So beispielsweise im Pastoralraum «Region Aarau», wo nach wie vor allen angeschlossenen Pfarreien Leitungspersonen vorstehen. Wie seitens des Bistums jedoch bereits verschiedentlich erklärt wurde, soll diese Leitungsform die Ausnahme bleiben. Dem noch zu bildenden Pastoralraum «AG 20» im Grossraum Frick-Homberg-Thierstein wird sie hingegen zugestanden. Uneins ist man sich jedoch in der Frage der Leitungseinheiten: Das Bistum tendiert auf drei Leitungseinheiten, die Seelsorgenden wollen vier.

Anders im Bistum St. Gallen: «Jeder Ort behält seine Pfarreibeauftragten (Anmerkung der Redaktion: das entspricht in etwa der Gemeindeleitung)», erklärt die Kommunikationsverantwortliche Sabine Rüthemann. «Alle Mitarbeitenden mit bischöflicher Missio bilden gemeinsam das Pastoralteam mit einem Teamkoordinator, beziehungsweise einer Teamkoordinatorin.»

Kein diözesaner Masterplan im Bistum Chur

Auch im Bistum Chur, mit 280 Pfarreien und knapp 700 000 Gläubigen das zweitgrösste Deutschschweizer Bistum, existieren sogenannte «Seelsorgeräume». Zu genauen Zahlen befragt, meint Bistumssprecher Giuseppe Gracia: «Es gibt keine Liste. Wir haben 17 Seelsorgeräume.» Recherchen von Horizonte zeigen, dass allein in den Kantonen Zürich/Glarus acht solche Seelsorgeräume errichtet wurden und man in diesem Gebiet insgesamt 56 derartige Seelsorge-Einheiten anstrebt. Total 15 Pfarreien sollen jedoch «Einzelpfarreien» bleiben.

Für die Errichtung der Seelsorgeräume im Bistum Chur gibt es «keinen diözesanen Masterplan. Wir haben nur ein Dokument, das die Struktur von Seelsorgeräumen definiert», erklärt Bistumssprecher Giuseppe Gracia. Konkret heisst das: Im Gegensatz zu den Bistümern St. Gallen und Basel gibt es zwar Vorgaben, wie ein Pastoralraum, beziehungsweise ein Seelsorgeraum aufgebaut sein muss, jedoch setzt das Bistum Chur bei der Bildung dieser Räume auf die Entwicklung von unten. Die Initiative muss von der Basis ausgehen, das Bistum will keinen Druck machen. Denn: «Nicht überall ist der Wille bei den Gläubigen da, einen Seelsorgeraum einzurichten», anerkennt Giuseppe Gracia. «Es werden Pastoralräume eingerichtet, allerdings eher spärlich. Die Schaffung neuer Seelsorgeräume stagniert».

Nur Priester dürfen leiten

Ein Blick in die «Rahmenordnung für Seelsorgeräume» des Bistums Chur offenbart noch einen weiteren Unterschied zu den beiden anderen Deutschschweizer Bistümern: Die Leitung über einen Seelsorgeraum kann nur von einem Geistlichen, dem sogenannten «Seelsorgeraumpfarrer» ausgeübt werden. Die weiteren Vorgaben für die Struktur der Seelsorgeräume erinnert an das Bistum Basel: Die Gemeindeleitungen verschwinden – es gibt lediglich noch Ansprechpersonen vor Ort. «Wo die Umstände es erfordern, kann die Seelsorge allerdings zugleich mehreren Priestern solidarisch übertragen werden, jedoch mit der Maßgabe, dass einer von ihnen Leiter des seelsorglichen Wirkens sein muss», erklärt Giuseppe Gracia. «Dieser Priester muss die Zusammenarbeit leiten und dem Bischof gegenüber verantworten».

Im Bistum Chur beurteilt man die Bildung von grösseren Seelsorgeeinheiten offenbar kritischer als im Bistum Basel. Gewiss, es gebe gelungene Beispiele, erklärt Giuseppe Gracia. Der Bistumssprecher räumt jedoch ein, dass «grössere Teams immer die Gefahr von Konflikten bergen – einfach weil mehr Leute involviert sind. Es zeigt sich auch, dass es gar nicht so einfach ist, Leitungspersonal zu finden, das geeignet und willens ist, grösseren Einheiten vorzustehen.»

Wegen «Übergrösse», so der Churer Bistumssprecher, habe man auch den Seelsorgeraum Dietikon-Schlieren «wieder auseinandergenommen». Das Generalvikariat für die Kantone Zürich und Glarus sowie die katholischen Kirchgemeinden Schlieren und Dietikon erklärten im Januar 2016 die Auflösung. Just zu der Zeit, als das Bistum Basel in unmittelbarer Nachbarschaft das Grossprojekt «Pastoralraum Aargauer Limmattal» lancierte, welches gut anderthalb Jahre später von den Kirchgemeindeversammlungen zum Marschhalt gezwungen wurde (Horizonte berichtete).

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In der Auflösung der Dekanate sieht das Bistum Basel ein weiteres Instrument, bei der Bildung von Pastoralräumen Druck auszuüben. Gegenüber Horizonte präzisierte Generalvikar Markus Thürig: «Mit der Übertragung der Dekanats- auf die Pastoralraumstrukturen ab August 2018 kann psychologischer Druck entstehen – wer möchte schon der Letzte im Prozess der Pastoralraumerrichtungen sein?» | © Bistum Basel
Markus Thürig: Psychologischer Druck

Kommentar

Andreas C. Müller

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Man darf sich fragen, ob es dem Bistum Basel je gelingen wird, alle seine Pfarreien in sogenannten Pastoralräumen zusammenzufassen. Verschiedenenorts verweigern sich nämlich die Kirchgemeinden dem Diktat des Bistums. Doch warum sollte nicht gelingen, was den St. Gallern gelungen ist? Ja, warum eigentlich nicht. Doch dann darf nicht mit Druck operiert werden. Das Bistum St. Gallen hatte zwar einen viel kleineren Raum zu strukturieren, doch der Erfolg gründet auf zwei Faktoren: St. Gallen hat einerseits die Pfarreileitungen nicht angetastet und es andererseits verstanden, gut zu kommunizieren. «Information funktioniert nicht, indem man Papiere schreibt, sondern indem man mit den Leuten redet», bringt es die Kommunikationsverantwortliche Sabine Rüthemann auf den Punkt.

Im bekanntermassen konservativen Bistum Chur hat man einen anderen Weg gefunden, an dem sich das Bistum Basel in gewisser Weise ein Beispiel nehmen könnte. Gewiss: Dass im Bistum Chur Laientheologinnen und Laientheologen a priori keine Aussicht auf eine Leitungsfunktion in einem Pastoralraum haben, ist diskriminierend – und zwar in besonderem Masse für Frauen. Doch das Bistum Chur schreibt seinen Pfarreien nicht vor, in welcher Form sie sich zu Pastoralräumen zusammenschliessen sollen. Mehr noch: Es anerkennt, dass nicht zwingend für jede Pfarrei ein Pastoralraum der richtige Weg in die Zukunft ist. Warum kann sich das Bistum Basel dies nicht auch eingestehen?

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