In gewohnt ansprechender Weise predigte der Basler Bischof Felix Gmür anlässlich der Errichtung des Pastoralraums Oberes Freiamt in der voll besetzten Kirche von Sins. Es seien spannende Zeiten, in denen wir lebten, erklärte er in Anlehnung an die Reorganisation der Seelsorge in grösseren Seelsorgeräumen. Am kommenden Wochenende werden die Pastoralräume Möhlinbach und Region Laufenburg errichtet. | © Anne Burgmer

Oberes Freiamt: Jetzt kann es losgehen!

Anne Burgmer, 22.1.18
  • Felix Gmür, Bischof von Basel, errichtete am 20. Januar 2018 den 10. Pastoralraum im Aargau, den Pastoralraum Oberes Freiamt, bestehend aus den Pfarreien von  Abtwil, Auw, Dietwil, Oberrüti und Sins. Mühlau tritt erst 2020 bei.
  • Nach dem Festgottesdienst feierten 350 bis 400 Menschen beim Apéro riche und zeigten sich auf Nachfragen meist zuversichtlich und gespannt, was die Zukunft im Pastoralraum betrifft.

 

Nicht nur Felix Gmür, Bischof von Basel, hatte es die Musik angetan. Lauter, anhaltender Applaus belohnte zum Schluss des Festgottesdienstes den Ad-hoc-Chor sowie das Bläserensemble. Aus allen fünf Pastoralraumpfarreien hatten sich die Sängerinnen und Sänger zusammengetan, um gemeinsam mit einem Bläserensemble der Musikgesellschaft Abtwil den Gottesdienst zu gestalten.

Der Pastoralraum ist offen für Veränderung

Vorangegangen waren eindrückliche Momente. So die Vervollständigung des Pastoralraum-Logos. Dessen Grundlage ist ein Kirchenfenster aus dem Chorraum der Kirche Sankt Rupert in Oberrüti. Es besteht aus verschiedenfarbigen Punkten. Jede Pfarrei wird durch eine Farbe repräsentiert. Die Menge und die Position der Punkte entsprechen dem ungefähren Grössenanteil der Pfarrei am Pastoralraum und zeigen ihre geographische Lage im Seelsorgeraum. Die grauen Punkte zeigten, so Pastoralassistent Andres Lienhard in der Erklärung des Logos, dass der Pastoralraum offen sei für Veränderungen in der Zukunft. Eine Frau formulierte bei der Feier im Anschluss an den Gottesdienst fast enthusiastisch: «Der Prozess ist endlich fertig, jetzt kann es losgehen!».

Mit der Offenheit ist beispielsweise auch gemeint, dass die Pfarrei Sankt Anna, Mühlau, erst im Jahr 2020 zum frisch errichteten Pastoralraum dazu stossen wird. «Mühlau hatte spezielle Wünsche, als der Prozess losging. Das betraf zum Beispiel die Präsenz eines Pfarradministrators vor Ort. Daraufhin wurde mit allen anderen Kirchgemeinden in Absprache mit der Diözesankurie vertraglich festgelegt, dass diese Wünsche erfüllt werden und Mühlau gleichzeitig nicht am Pastoralraumprozess beteiligt ist. Das passte für alle», erklärte Gabriele Tietze-Roos auf Nachfragen.

Die Kirche verändert sich

Ohne schriftliche Vorlage, verständlich und mit Augenzwinkern predigte Felix Gmür in gewohnt ansprechender Weise. Ausgehend vom Lesungstext, der von der Klage Davids um die im Krieg getöteten Saul und Jonatan handelte (2 Sam 1) sagte Felix Gmür: «Dieser Text zeigt, dass nach Aufstieg Niedergang und Trauer folgen. Es geht um Veränderung». Die Kirche wie sie bisher funktioniert habe, verändere sich ebenfalls und auch das löse Trauer aus; manchmal auch bei ihm, bekannte Felix Gmür.

Gleichzeitig seien es spannende Zeiten, in denen wir lebten. Für David sei das Wichtigste gewesen, von Gott zu erzählen. Von Gott zu erzählen, die Botschaft weiterzutragen und Zeugnis abzulegen, nannte Felix Gmür denn auch als Aufgaben für Christen von heute. Grundlage dafür sei die ehrliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhältnis zu Gott.

Eine ganz andere Assoziation brachte der Reformierte Pfarrer von Sins, Hansueli Hauenstein, am Schluss als Gast ins Spiel und traf damit den Nerv der Anwesenden. «Ich möchte von Hirten und Schöfli sprechen und meine das in keiner Weise despektierlich», begann Hansueli Hauenstein. Letztlich sei der Pastoralraum eine Weide, grösser als die Weide der Pfarrei, und mit frischem Gras.

Auch Schafe können Hirtenaufgaben übernehmen

In protestantischer Nüchternheit gebe er jedoch zwei Dinge zu bedenken:  Erstens sei es eine Herausforderung für die Hirten, die «Schöfli» auf der neuen, grösseren Weide an ihre jeweils passenden Futterstellen oder Ställe zu bringen. Zweitens hinke das Bild, denn auch Schafe seien in der Lage, Aufgaben der Hirtinnen und Hirten zu übernehmen. Hirtinnen und Hirten seien umgekehrt auch nur Schafe, die Zuwendung bräuchten. «Schafe, egal welcher Farbe oder Funktion: schaut zueinander und sorgt für eure Hirten», appellierte Hansueli Hauenstein.

Vertrauensvoll in neue Zeiten: Keiner weiss, was kommt

Wie ein  Echo auf die Worte des Reformierten Pfarrers sagte eine Frau an einem der zahlreichen Stehtische beim anschliessenden Apéro: «Ja, es fallen Angebote weg – doch gleichzeitig bekommen wir über die anderen Orte neue Sachen dazu, die wir bisher nicht hatten. Das finde ich toll». «Das Bild mit der Wiese gefällt mir», meinte auch Pastoralraumpfarrer Thomas Zimmermann im Gespräch. «Für mich heisst der Pastoralraum auch, dass ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vertraue. Dass sie zum Beispiel die Firmvorbereitung gut machen und ich nicht daneben stehen muss».

Egal wen man fragte, immer wieder antworteten die Anwesenden: «Wir schauen mal, was nun kommt. Wir fangen ja jetzt an und wissen nicht, wie es wird». Ähnlich formulierte es Martina Suter, die als Leitungsassistenz administrative Aufgaben im Pastoralraum übernehmen wird. «Es kommt jetzt viel Arbeit auf uns zu, aber die Errichtung ist ein wichtiger Zwischenhalt. Es ist der Abschluss der Konzeptarbeit. Den Tag heute können wir einfach geniessen».

Felix Gmür: Erleichterung, wenn der Strukturprozess vorbei ist

Die Reaktion von Felix Gmür auf die Frage, ob er erleichtert sei, wenn der gesamte Pastoralraumprozess im Bistum Basel beendet sein wird, war eindeutig: «Ja, ich bin erleichtert, wenn das vorbei ist. Der Strukturprozess bindet Energie und Kapazitäten, die woanders fehlen. Ich kann die Kirchgemeinden nicht zwingen, doch die Pastoralräume sollen auf struktureller Ebene letztlich entlasten. Viele Leute sehen das nicht und sehen nur, was vielleicht verloren geht oder sich verändert». Wenn der Strukturprozess durch sei, sei wieder Luft für die inhaltliche Arbeit da.

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Musikalisch wurde der Gottesdienst in bester und festlicher, zum Mitsingen reizender Weise begleitet vom Ad-hoc-Chor der Kirchenchöre Auw, Dietwil, Oberrüti, Sins und dem Bläserensemble der Musikgesellschaft Abtwil. | © Anne Burgmer
Ad-hoc-Chor und Bläserensemble
«Er spinnt. Man könnte noch handfester sagen, er hat en Egge ab»: In gewohnter Manier predigte Felix Gmür, Bischof von Basel, frei und verständlich. Oft mit einem Augenzwinkern und nie ohne sich mit einzuschliessen.| © Anne Burgmer
Predigt: Felix Gmür
Der Moment der eigentlichen Errichtung ist unspektakulär. Gleichzeitig mit der Errichtung des Pastoralraums werden die Seelsorger in ihre Ämter eingesetzt: Thomas Zimmermann als Pastoralraumpfarrer, Andres Lienhard als Pastoralassistent und Otmar Scherrer als Kaplan in allen Pfarreien des Pastoralraumes. | © Anne Burgmer
Offizielle Errichtungsworte
350 bis 400 Gläubige aus den fünf Pfarreien feierten die Pastoralraumerrichtung in der Kirche Mariä Geburt in Sins. | © Anne Burgmer
Volle Kirche in Sins
Noch unvollständig: das neue Logo des Pastoralraums Oberes Freiamt. | © Anne Burgmer
Noch fehlen Punkte
Vertreterinnen und Vertreter der Pfarreien und verschiedener Organisationen trugen die Fürbitten vor. | © Anne Burgmer
Fürbitten
Hansueli Hauenstein, Reformierter Pfarrer in Sins, sprach zum Abschluss des Gottesdienst ebenfalls einige Worte und verglich den neuen Pastoralraum mit einer vergrösserten Weide, die sowohl für Hirten, wie für die verschiedensten Schafe Chance und Herausforderung zugleich ist. | © Anne Burgmer
Hansueli Hauenstein, Reformierter Pfarrer Sins
Pastoralraumpfarrer Thomas Zimmermann beschloss den Gottesdienst mit der Einladung zum Apéro riche in der Mehrzweckhalle. Dann nahm er Bezug auf ein Sprachbild aus seiner Begrüssung: «Wir drücken hier nicht einen Reset-Knopf in einem Wirtschaftsunternehmen, sondern hier geht es um Gott. Deshalb singen wir gemeinsam zum Abschluss». | © Anne Burgmer
Thomas Zimmermann, Pastoralraumpfarrer
Gabriele Tietze-Roos begleitet als Bistumsregionalverantwortliche St. Urs  den Pastoralraumprozess Oberes Freiamt. | © Anne Burgmer
Gabriele Tietze-Roos, Bistumsregion St. Urs
Die Menschen feiern. In ihren Statements scheinen verschiedene Stimmungen durch: Der Pastoralraum sei eine Notwendigkeit, eine Herausforderung. Mehrfach fällt das Wort Umgewöhnung. Insgesamt sind die Männer und Frauen offen für das, was jetzt neu beginnt. | © Anne Burgmer
Apéro riche in der Mehrzweckhalle
Martina Suter und Thomas Zimmermann im Gespräch. Im Aargau gibt es nur eine weitere Person, die die Aufgabe der Leitungsassistenz in einem Pastoralraum versieht. | © Anne Burgmer
Martina Suter und Thomas Zimmermann
Gelöste Stimmung in der Mehrzweckhalle. Martina Suter (vierte von links, weisse Bluse) kommt, das betonte Felix Gmür im Gottesdienst, eine spezielle Rolle zu. Sie besorgt die Leitungsassistenz und übernimmt gewisse administrative Aufgaben. Damit trägt sie dazu bei, dass Thomas Zimmermann mehr Kapazitäten für die Kernaufgaben eines Pfarrers hat. «Es ist eine Aufgabe, die nicht vorhersehbar war und jetzt erst ganz neu entsteht», erklärte Felix Gmür. | © Anne Burgmer
Gelöste Stimmung
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