Für das Gebiet Homberg-Tierstein plant das Bistum Basel einen Pastoralraum mit 9 000 Gläubigen. In den Tiersteiner Gemeinden Wittnau, Wölflinswil und Kienberg  sowie in Herznach kann man der Idee «eines noch grösseren Verbandes» wenig abgewinnen. | © Vera Jenni

Fricktal: Pastoralraumprojekt spaltet den Homberg

Andreas C. Müller, 2.12.17
  • Zeihen-Hornussen sagt überraschend «Ja» zum Pastoralraum «AG 20», Herznach verweigert hingegen den Projektkredit.
  • Weil auch die Gemeinden in der Region Tierstein kein Geld gesprochen haben, ist der geplante Pastoralraum vorerst blockiert.
  • Die Bistumsregionalleitung will sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht äussern. In Solothurn bedauert man, dass der Pastorale Entwicklungsplan sein visionäres Potenzial nicht richtig entfalten konnte.

 

Überraschende Entwicklung in Zeihen-Hornussen: Wider Erwarten gewährte am Freitagabend, 1. Dezember, die Kirchgemeindeversammlung mit 17 zu 10 Stimmen den Kredit für den geplanten Pastoralraum mit Herznach-Ueken, Frick/Gipf-Oberfrick und Oeschgen sowie den Tiersteiner Gemeinden Wittnau, Wölflinswil-Oberhof und Kienberg – alles in allem etwa 9 000 Gläubige.

Der Projektleiter hofft auf neue Chance in einem Jahr

Auch die Kirchgemeinde Frick/Gipf-Oberfrick hat den Kredit diese Woche gesprochen. Weil jedoch am Donnerstag die Herznacher mit 35 zu 2 Stimmen als vierte Kirchgemeinde nach Wittnau, Wölflinswil und Kienberg gegen den Pastoralraum votiert hat, dürfte der Projektstart auf vorerst unbestimmte Zeit verschoben sein. Am Montag stimmt noch Oeschgen über den Projektkredit ab, doch dürfte das Resultat die Situation nicht wesentlich beeinflussen.

Auf die Frage, was geschieht, wenn mehrere Gemeinden «Nein« sagen, hatte Bischofsvikar Christoph Sterkman vor den Abstimmungen in Herznach und Zeihen noch erklärt, dass dies unter Umständen den Projektstart um ein Jahr verzögern könnte. Martin Linzmeier, der nach dem Verzicht von Bernhard Lindner nun als designierter Projektleiter für den angedachten Pastoralraum feststeht, äussert sich weniger optimistisch. «Das wird schwierig, denn es gibt von verschiedenen Kirchgemeinden kein Geld für das Projekt». Im besten Fall werde man im kommenden Jahr unter anderen Vorzeichen nochmals über das Projekt befinden können. Das heisst: Wenn beispielsweise geklärt sei, wer in Frick die Nachfolge von Pfarrer Sidler antrete.

In Herznach glaubt man nicht an einen Meinungswandel

Glaubt man den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Kirchgemeindeversammlungen in Herznach und Wittnau, dann ist der geplante Pastoralraum bis auf Weiteres vom Tisch. «Warum sollten wir in einem Jahr anderer Meinung sein?», heisst es immer wieder. Und hinter vorgehaltener Hand sprechen manche auch von einer Retourkutsche gegenüber dem Bistum. Dieses sei bei der kritisierten Grösse des Pastoralraums unflexibel geblieben und habe die Ängste und Anliegen der Menschen nicht ernst genommen.

Auf mögliche Optionen angesichts der Pattsituation angesprochen, wollte sich Bischofsvikar Christoph Sterkman gegenüber Horizonte nicht äussern. «Ich warte die letzte Kirchgemeindeversammlung ab. Und dann steht als nächstes das Gespräch mit den betroffenen Verantwortlichen vor Ort an. Dort ist auch der Ort, wo weitere Erwägungen im Moment hingehören.»

Bistumssprecher: «Potential konnte nicht entfaltet werden»

Die Situation in den Regionen Homberg und Tierstein ist auch in Solothurn nicht unbemerkt geblieben. Hansruedi Huber, Kommunikationsverantwortlicher beim Bistum Basel, hat die Medienberichte über die jüngsten Entwicklungen an der Pastoralraumfront im Fricktal aufmerksam verfolgt. Auf die Frage, inwieweit die Bistumsregionalleitung in Anbetracht der gehässigen Reaktionen von Seiten der Kirchenbasis bei der Kommunikation Fehler gemacht habe, meint Hansruedi Huber: «Ein Kulturwandel ist schwierig, weil es um Einstellungen und Verhalten geht. Selbst für direktiv geführte Unternehmen ist ein Kulturwandel nur mit einer starken Vision, einem nachhaltigen Programm und grossen personellen und finanziellen Ressourcen zu erreichen. Im demokratischen Konglomerat Kirche ist dies in jeder Beziehung viel schwieriger».

Und schliesslich resümiert Hansruedi Huber: «Jedenfalls konnte der Pastorale Entwicklungsplan (PEP) sein visionäres Potential nie richtig entfalten und ist in der Wahrnehmung der Leute schnell zu einem Strukturprogramm verkommen, dessen Pflichtkonsumcharakter eher blockiert als mobilisiert.» Als Bankrotterklärung will der Bischofssprecher dies jedoch nicht verstanden wissen. «Es gibt Pastoralräume, die sich erfolgreich auf die Bedürfnisse ihrer regionalen Märkte spezialisieren konnten. Von diesen Beispielen können wir lernen und den Pastoralen Entwicklungsplan neu aufladen».

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Abonnieren Sie unseren Newsletter. Er erscheint alternierend zur Printausgabe alle zwei Wochen – immer mit den aktuellsten Horizonte-Geschichten und oftmals spannenden Verlosungen.
Martin Linzmeier ist nach dem Verzicht von Bernhard Lindner nun designierter Projektleiter für den angedachten Pastoralraum. Der Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick hofft, dass im besten Fall im kommenden Jahr unter anderen Vorzeichen nochmals über das Projekt abgestimmt werden kann. | © Roger Wehrli
Martin Linzmeier - Designierter Projektleiter
Auf mögliche Optionen angesichts der Pattsituation angesprochen, wollte sich Bischofsvikar Christoph Sterkman gegenüber Horizonte nicht äussern. | © Felix Wey
Bischofsvikar Christoph Sterkman
«Jedenfalls konnte der Pastorale Entwicklungsplan (PEP) sein visionäres Potenzial nie richtig entfalten und ist in der Wahrnehmung der Leute schnell zu einem Strukturprogramm verkommen, dessen Pflichtkonsumcharakter eher blockiert als mobilisiert.» | © Felix Wey
Bischofssprecher Hansruedi Huber

Kommentar

Andreas C. Müller

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Trotz des «Ja» in Hornussen-Zeihen»: Der geplante Pastoralraum «AG 20» ist bis auf Weiteres blockiert. Die Gemeinden des Tiersteins haben geschlossen den Projektkredit verweigert, ebenso Herznach. Dass sich das binnen eines Jahres ändert, scheint unwahrscheinlich.

Was ist schiefgelaufen? Wenn in der Wirtschaft jemand Geld für ein Projekt gesprochen haben will, dann muss er erstens überzeugen und zweitens eine verbindliche Lösung anbieten können. Beim Pastoralraum «AG 20» gab es noch zu viele Unklarheiten, als die ersten Kirchgemeinden über den Projektkredit zu befinden hatten. Unter anderem stand der Projektleiter nicht fest.

Auch hatte ein Grossteil der Kirchgänger nicht für das Projekt mobilisiert werden können. Viele äusserten Angst vor einem  Bürokratiemonster, beklagten, dass man von Seiten der Bistumsregionalleitung keine befriedigenden Antworten auf drängende Fragen erhalten hätte und ärgerte sich über den Auftritt der Bistumsregionalleitung im Allgemeinen.

Dass das Pastoralraumprojekt «AG20« im Fricktal nun steckenbleibt, ist bedauerlich für alle jene, die sich dafür engagiert haben, aber auch für jene, die im Glauben an den pastoralen Aufbruch mit «Ja» gestimmt haben. Offensichtlich konnte aber der Pastorale Entwicklungsplan (PEP) einmal mehr sein visionäres Potential nicht richtig entfalten. Nach den jüngsten Entwicklungen im Fricktal sind die Verantwortlichen beim Bistum Basel gefordert: Sie müssen auf die Menschen zugehen und von fixen Vorstellungen abrücken. Neue Wege sind gefragt, damit auch jene gewonnen werden, die sich fragen: «Warum sollen wir denn in einem Jahr für das Projekt sein?»

Weitere Artikel der Kategorie «Aargau»