30.05.2019

Pfarreien im Wasserschloss - Zoff um die Zukunft

  • Seit Monaten provoziert das Kirchenverständnis des mitarbeitenden Priesters in den Pfarreien Gebenstorf und Turgi einen Konflikt mit anderen pastoralen Mitarbeitenden und Pfarreimitgliedern.
  • Während sich der Kirchenpflegepräsident der zuständigen Kirchgemeinde Gebenstorf-Turgi hinter den Priester stellt, fordert eine 50-köpfige Initiativgruppe dessen Kündigung.
  • Anstellungsträger des Priesters ist auch die Kirchgemeinde Birmenstorf. Dort ist man mittlerweile der Ansicht, dass er besser in seiner ursprünglichen Position als Jugendseelsorger verblieben wäre.

 

Die Fronten sind verhärtet. Auf der einen Seite positioniert sich Daniel Ric, Kirchenpflegepräsident der Kirchgemeinde Gebenstorf-Turgi, und stärkt dem Priester und dessen pastoralen und liturgischen Kurs den Rücken. Das Wichtigste sei für ihn, so der Kirchenpflegepräsident, dass gegen Pater Adam weder etwas kirchenrechtlich noch etwas strafrechtlich Relevantes vorliege. Man habe 2015 wegen des Übergangs von der fünfstufigen zur sechsstufigen Primarschule im Aargau eine Lehrperson für den Religionsunterricht in der 6. Klasse gesucht. Pater Adam habe er aus seiner Zeit als Lehrer an der Freien Katholischen Schule in Zürich gekannt und für geeignet gehalten. Ab diesem Zeitpunkt feierte Pater Adam aushilfsweise auch immer wieder Eucharistiefeiern.

Auf der anderen Seite steht eine Initiativgruppe aus rund 50 Personen unterschiedlichen Alters, die in den Pfarreien Turgi und Gebenstorf in verschiedenen Bereichen teilweise seit vielen Jahren das Pfarreileben aktiv gestalten. Unabhängig voneinander hatten sich in den Pfarreien Gruppen gebildet, die am 6. August 2018 die Zusammenarbeit beschlossen. Fünf Tage später, am 11. August, informierte die Gruppe, vertreten durch fünf Delegierte, die Kirchenpflege über diese Zusammenarbeit.

Dem Bistum zu misstrauen war ein Fehler

Hilde Seibert, 78, diplomierte Erwachsenenbildnerin und eine der Delegierten, formuliert im Gespräch Sätze, die hellhörig machen. Sie habe den Eindruck, es werde eine Atmosphäre des Schweigens und Vertuschens etabliert, die jede Art von Missbrauch – im Fall Gebenstorf-Turgi den von Macht – begünstigen könne. Die anderen Aussagen hört man seitens von Basis-Katholiken selten: «Wir hätten damals, als es um die Anstellung von Pater Adam als mitarbeitender Priester ging, aufmerksamer sein sollen. Denn das Bistum zögerte lange, Pater Adam die Missio zu erteilen. Wir jedoch vertrauten unserer Kirchenpflege und misstrauten dem Bistum. Das stellte sich aus unserer Sicht schon bald als Fehler heraus, den ich sehr bedaure.»

Auf die Frage, warum die Missio (die kirchliche Beauftragung) dennoch erteilt wurde, antwortet Christoph Sterkman, der als Bischofsvikar in der Regionalleitung St. Urs für derartige Fragen zuständig ist: «Die Zusage für eine Ernennung als mitarbeitender Priester mit Pfarrverantwortung von allen drei Pfarreien im zukünftigen Pastoralraum Wasserschloss wurde auf das ausdrückliche Begehren der beiden Kirchenpflegen und mit Zustimmung des Gemeindeleiters erteilt. In der Vereinbarung ist ausdrücklich festgehalten, dass ein anderer Dienst im Bistum Basel ausgeschlossen ist.»

«Du machst unsere Pfarrei kaputt.»

Im Oktober 2018, nur etwas über dreizehn Monate nach Vertragsbeginn von Pater Adam, und nur wenig mehr als einen Monat nach dem Zusammenschluss der Initiativgruppe, lud die Kirchenpflege Gebenstorf-Turgi zu einer Versammlung ein. Thematisiert wurde beispielsweise die starke Zunahme von Eucharistiefeiern. Zwar führten diese zu einer Zunahme der Gottesdienstbesucher, wie Statistiken zeigten. Die reine Anzahl der Besucher sei jedoch, so eine Kritik der Initiativgruppe, nicht aussagekräftig. Es werde nicht erhoben, ob die Besucher auch in der Kirchgemeinde Gebenstorf-Turgi Kirchensteuern zahlten und damit zur Finanzierung der Kirchgemeinde beitragen würden.

Doch nicht nur die Sorge um die Steuergelder beschäftigt die Initiativgruppe und deren Delegierte. Sie machen sich Sorgen um das Pfarreileben, welches unter dem Konflikt um die liturgische Haltung des Priesters leidet. «Sehen Sie, ich habe nichts gegen Eucharistiefeiern – niemand von uns hat etwas gegen diese Form der Liturgie. Doch wenn ich nach einem Gottesdienst kaum mehr zehn Leute treffe, die ich kenne, dann finde ich das bedenklich. «Früher gab es nach der Kirche noch Gespräche, das ist jetzt nicht mehr so», beschreibt es Elisabeth Gemperle, 78, seit 1983 in Gebenstorf und seit 2002 im Kirchenchor aktiv.

«Ich bin so weit, zu sagen: Ich trete aus!»

Hedi Strebel, 78, stellte ihre Position an der besagten Versammlung im Oktober 2018 gegenüber dem Kirchenpflegepräsidenten Daniel Ric klar und sagte ihm: «Du machst unsere Pfarrei kaputt».

Beat Bühlmann, 50, reicht es ebenfalls: «Ich bin das erste Mal soweit, zu sagen: Ich trete aus! Ich bin nicht mehr bereit, diese Situation mit meinen Kirchensteuergeldern zu finanzieren.» Ob er das auch dem Kirchenpflegepräsidenten mitgeteilt habe? «Ja, und seine Antwort hat mich geschockt. Daniel Ric meinte, auf mein Geld könne die Kirchgemeinde verzichten, nicht aber auf meine Person. So eine Aussage von einem Kirchenpflegepräsidenten, der die Verantwortung für die Verwaltung der Finanzen unserer Kirchgemeinde hat – das geht doch nicht», sagt Beat Bühlmann. Eine Kündigung hier, eine Krankmeldung dort, Kirchenaustritte und Rücktritte: Für die Delegierten ist die Situation nicht mehr tragbar.

Eucharistiefeiern gehören zu den Aufgaben eines Priesters

Auf verschiedene Kritikpunkte angesprochen, erklärt Daniel Ric: «Meiner Einschätzung nach sind die Leute der Initiativgruppe im Moment schockiert, weil jemand Neues von aussen gekommen ist, der Dinge anders macht als bisher. Das entspricht ihnen nicht, gefällt aber Leuten, die bisher kaum präsent waren oder sich nicht angesprochen fühlten. Wir sind eine Migrationsgemeinde – nicht nur in Gebenstorf-Turgi – sondern auch auf Schweizer Ebene. Die Eigenheiten der lokalen Kirche, und dazu gehört auch, wie Kirche hier in den letzten 30 bis 40 Jahren gestaltet wurde, ist für viele Zugewanderte unverständlich. Eine stärkere Orientierung an den Richtlinien der Weltkirche halte ich hier für sinnvoll. Andernfalls grenzt man einen grossen Teil der Katholiken aus. Doch die Kirche soll eine Zukunft haben».

Die Richtlinien der Weltkirche, die Daniel Ric hier anspricht, sind das, was jeden katholischen Christen zu einem Teil der Kirche macht: die Taufe und die allen Katholiken gemeinsamen weiteren Sakramente und Gebete – die liturgischen Vollzüge. Deren Höchstform ist die Eucharistiefeier. Weil sie weltweit durch das Messformular, eine Art Protokoll, geregelt ist, stiftet sie Identität. Selbst wenn ein Katholik die Landessprache nicht spricht, findet er sich im Ablauf der Messe normalerweise zurecht. Weil die Kirche in der Eucharistie ihr zentrales Sakrament feiert, soll es jedem Katholiken möglich sein, am Wochenende eine Messe zu besuchen. Das ist im Bistum Basel nicht anders geregelt als in anderen Diözesen. Das ist der Grund, warum Pater Adam die Eucharistiefeier fördert, es ist eine seiner Aufgaben als Priester.

Frust angesichts unerfüllter Erwartungen

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit: Einerseits erlaubt die Kirche alternative Gottesdienstformen und eine Gestaltung des Pfarreilebens, die den lokalen Gegebenheiten entspricht. Wie Kirche ist, entscheidet sich an mehr als an Eucharistiefeiern. Andererseits hat die lokale Kirche, auf die Daniel Ric hinweist, in der Schweiz eine Doppelstruktur. Weltweit einzigartig, ist diese nicht einfach zu verstehen – selbst Schweizer Katholiken kommen ins Stolpern, wenn es um Details geht (ein erklärendes Video ist unten verlinkt). Neben der sogenannten pastoralen Seite – welcher Pater Adam als Priester angehört – steht gleichberechtigt die sogenannte staatskirchenrechtliche Seite. Dieser obliegt die Verwaltung der Kirchgemeinden, der Steuergelder, der Liegenschaften und auch die Anstellung von Personal.

Die pastorale Seite ist streng hierarchisch gegliedert: top-down vom Papst bis zum Priester. Die staatskirchenrechtliche Seite ist demokratisch organisiert: Die Kirchgemeindemitglieder wählen, zahlen Steuern und tragen so zu einer funktionierenden Kirche bei. An diesem Punkt wird der Ärger der Basis deutlich: Sie zahlt mit ihren Steuergeldern das Gehalt eines Priesters, der zwar kirchenrechtlich richtig handelt, aber den Erwartungen eines aktiven Teils der Gemeinde nicht gerecht wird.

«Wir hätten selber aktiv werden müssen.»

Die Initiativgruppe sieht sich und ihre Vorstellung davon, wie Kirche sein soll, durch den gewählten Kirchenpflegepräsidenten nicht mehr vertreten. Ihnen ist aber auch bewusst, dass sie selber hätten aktiv werden können: «Vermutlich hätten wir selber jemanden für die Kirchenpflege aufstellen müssen, als Daniel Ric an der Pfarreiversammlung im Oktober 2018 seinen Rücktritt anbot», denkt Stefan Müller, 50, bei einem Gespräch laut nach.

«Es ist bedauerlich, dass Daniel Ric bei seiner Wiederwahl zum Kirchenpflegepräsidenten im vergangenen Jahr nicht die Konsequenzen aus dem eher schwachen Ergebnis seiner Wahl gezogen hat. Das hätte den Weg für neue Lösungen geebnet», sagt auch Thomas Rüede, ehemaliger Kirchenpfleger in Gebenstorf-Turgi.

Die Seelsorger schweigen

Der Konflikt hinterlässt Spuren auf allen Seiten. Der gewählte Gemeindeleiter Peter Daniels trat im Dezember 2018 an die Bistumsregionalleitung heran. Auf die Situation jetzt, im Mai 2019, angesprochen, sagt der Diakon, dass er aus Gründen des Selbstschutzes für Auskünfte nicht zur Verfügung stehe. Pater Adam Serafin sagt, auf seine Einschätzung angesprochen, er verstehe sich als Brückenbauer und wolle kein weiteres Öl ins Feuer giessen.

Gleichwohl müssen nun Lösungen her. In Gesprächen wird deutlich, dass die Emotionen hochkochen. Die Menschen sind verletzt. Dass Termine mit dem Bischofsvikar, die der Klärung dienen sollten, abgesagt und nicht neu angesetzt wurden, macht die Sache nicht besser. Christoph Sterkman antwortet auf Nachfragen: «Es braucht Gespräche auf verschiedenen Ebenen. Die Initiativgruppe ist eine davon. Wie immer in solchen Konflikten sind Lösungen nur möglich, wenn von allen Beteiligten eine grundlegende Bereitschaft vorhanden ist. Diese Bereitschaft zu einer nachhaltigen Konfliktbereinigung kann ich leider nicht von allen Involvierten feststellen.»

«Letztlich hat Pater Adam Serafin einen falschen Anstellungsvertrag unterschrieben und wäre besser als Jugendseelsorger angestellt geblieben. Doch selbst dann bräuchte er eine starke Leitung.» Das sagt Ruth Rippstein, Kirchenpflegepräsidentin der Kirchenpflege Birmenstorf. Doch aus verschiedenen Gründen sei 2017 die Überlegung entstanden, dass Pater Adam als mitarbeitender Priester mit Pfarrverantwortung eine geeignete Person sein könnte.

«Er ist nicht teamfähig.»

Ähnlich formuliert es Thomas Rüede: «Die Anstellung von Pater Adam als mitarbeitender Priester mit Pfarrverantwortung war für uns im Jahr 2017 ein gangbarer Weg, um irgendwann den Pastoralraum zu errichten. Mittlerweile würde ich aber sagen, dass Pater Adam besser als Jugendseelsorger angestellt geblieben wäre. Die dazumal geleistete Arbeit hat nur zu wenig Kritik geführt. So wäre eine andere Aufgabenverteilung im zukünftigen Pastoralraum möglich geworden.»

Ruth Rippstein konkretisiert die Bedenken: «Es sind mehrheitlich Mitarbeitende, die Mühe mit Pater Adam haben. Er ist – so kann man es auf den Punkt bringen – nicht teamfähig und es besteht mittlerweile die berechtigte Sorge, dass gute Mitarbeitende wegen ihm kündigen und dass auch ehrenamtlich Tätige ihr Engagement einstellen.» Es habe zwar eine Aussprache mit ihm gegeben, doch ohne Wirkung. Es brodele in Birmenstorf, wenn auch nicht so stark wie in Turgi und Gebenstorf.

Das Duale System verständlich und unterhaltsam erklärt:

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