Seit 2014 taucht in Diskussionen immer wieder der Begriff Nahraumpastoral auf - In ersten Veranstaltungen vor bald fünf Jahren ging es um «die Kirche im Dorf». Aus diesen Anfängen entwickelte sich dann im Jahr 2016 das pionierhafte Projekt Nahraumpastoral in gemeinsamer Trägerschaft der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau mit dem Bistum Basel. Vor einigen Tagen veröffentlichten die Träger konkrete Handlungsfelder und Jahresziele für 2019 und 2020. | © Anne Burgmer

Pilotprojekt Nahraumpastoral: Neue Ziele

Anne Burgmer, 7.3.19
  • 2016 führten das Bistum Basel und die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau ein Pilotprojekt zum Thema Nahraumpastoral durch, an dem sich zwei Pastoralräume im Aargau beteiligten.
  • 2018 zogen Bistum und Landeskirche in einer Medienmitteilung Bilanz und kündigten weitere Überlegungen an.
  • Für die Jahre 2019 und 2020 haben die Vertreter von Landeskirche, Pastoralkonferenz und Bistum Basel nun Handlungsfelder und Jahresziele benannt.

 

Seit fast fünf Jahren ist die sogenannte Nahraumpastoral im Aargau ein Thema. Zeit, einen Überblick zu liefern und den neuesten Stand der pionierhaften Zusammenarbeit zwischen der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau und dem Bistum Basel zu beschreiben.

Eine Premiere für die Schweiz

In den Jahren 2014 und 2015 wurde erstmals von«Nahraumpastoral» im Kirchen-Aargau gesprochen. In Veranstaltungen diskutierte man Wege lebendiger Kirche vor Ort. Zwar wurde es zunächst still um das Thema, doch die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau und das Bistum Basel legten mitnichten die Hände in den Schoss – im Gegenteil.

2016 wurde bekannt, dass die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau und das Bistum Basel gemeinsam ein Pilotprojekt zum Thema Nahraumpastoral lancierten. In Kenntnis bereits existierender Projekte im In- und Ausland mit Freiwilligen bot die Landeskirche dem Bistum eine Zusammenarbeit an; eine Art Premiere, denn ähnliche Ansätze in anderen Bistumskantonen – beispielsweise im Thurgau – wurden nicht in Kooperation aufgegleist. «Das Angebot unsererseits ist sehr positiv aufgenommen worden», resümierte Heinz Altorfer, Vizepräsident des Kirchenrates der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau, nachdem 2018 erste Schlüsse aus dem Projekt gezogen wurden, das mit den Pastoralräumen Region Brugg-Windisch und Am Mutschellen durchgeführt wurde.

2018: Bistum und Landeskirche im Widerspruch zueinander

Doch die Medienmitteilung vom Januar 2018 über das Projekt brachte nach Recherchen von Horizonte auch widersprüchliche Auffassungen ans Licht. Einerseits, so die Landeskirche, sei es darum gegangen, zu sehen, was es brauche und was man tun könne, um freiwillig engagierte Kirchenmitglieder zu bestärken und zu begleiten, sich aktiv vor Ort in die Pastoral einzubringen. Andererseits, so das Bistum, habe das Projekt eben nicht zum Ziel, Freiwillige in den pastoralen Dienst zu rekrutieren, sondern die Bildung von Gemeinschaften und Gruppierungen und ihrer Vernetzung, der eine besondere Bedeutung zukomme, zu ermöglichen. Im Pastoralen Entwicklungsplan (PEP) heisse es ganz klar: Die Gläubigen seien weniger aufgerufen, Aufgaben der Seelsorgenden zu übernehmen.

Eine weitere Einschätzung – seitens verschiedener Seelsorgenden – war, dass das Projekt insgesamt zu wenig mutig und innovativ gewesen sei. Die Medienmitteilung stellte zum Schluss klar: «Gemeinsam halten Bistum und Landeskirche als gemeinsame Trägerschaft fest, dass sich das Pilotprojekt mit den beiden Pastoralräumen gelohnt hat, auch wenn nicht alle Ziele erreicht worden sind. (…) Die Entwicklungen sollen weiter beobachtet und allfällige weitere Schritte durch die beiden Träger geplant werden. Dazu wollen sich Bistum und Landeskirche in einem Jahr wieder zum Erfahrungsaustausch und zur Meinungsfindung treffen».

Am 25. Februar 2019 verschickte die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau nun eine Medienmitteilung über diese Meinungsfindung. Auf der ersten Seite betont das Schreiben die Wichtigkeit der Gemeinschaftsbildung vor Ort, auf der Zweiten beschreibt es Handlungsfelder und Jahresziele für 2019 und 2020.

«Die Menschen wollen wissen, wer sie beerdigt»

Auf die Frage an verschiedene Unterzeichnende des Papiers, was denn neu und innovativ an der Sache ist, sind sich fast alle in einem Punkt einig: Dass Landeskirche und Bistum tatsächlich bei einem Pastoralprojekt zusammenarbeiten. Darüber hinaus werde gemäss Generalvikar Markus Thürig deutlich, dass es sich lohne, kirchliches Leben aktiv zu gestalten. Neu sei, so Heinz Altorfer, dass die beiden Kooperationspartner gemeinsame Ziele auf konkrete Aktivitäten bezogen formulierten und diese transparent gemacht würden.

Die Seelsorgerin Brigitta Minich, die im Vorstand der Pastorakonferenz und in der Arbeitsgruppe «Die Kirche bleibt im Dorf» tätig war, präzisiert: «Dieses Projekt ist von unten entstanden, denn an der Basis gibt es bei vielen Seelsorgerinnen und Seelsorgern und Freiwilligen schon lange das Bewusstsein dafür, dass Menschen, die sich aktiv für Kirche interessieren, auch ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit haben; dort, wo sie leben. Sie wollen beispielsweise wissen, wer sie beerdigt. Das Projekt ermöglicht es den Pastoralräumen, an der Verwirklichung der Thematik im Nahraum auf ihre je eigene Art mit ihren Angestellten und Freiwilligen weiterzudenken. Eine Stärke des Projekts dabei ist, die Freiwilligen bei dieser Zukunftsgestaltung bewusst einzubeziehen.»

Eine Antwort auf den Top-Down-Prozess

Claudia Mennen, Leiterin der Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau, bringt zwei weitere Facetten ins Spiel: Einerseits erkenne das Bistum endlich die Wichtigkeit des Nahraums an; eine Wichtigkeit, die von den Seelsorgenden an der Basis schon lange thematisiert worden sei. Konkret versteht Claudia Mennen dieses Projekt als eine Art Antwort auf den Top-Down-Prozess der Pastoralraumbildung. Andererseits habe die Diskussion um den Nahraum im Hintergrund sicher auch dazu beigetragen,  dass das Thema Zusatzausbildungen in Angriff genommen worden sei. So habe die Deutschschweizer Ordinarienkonferenz (DOK) im Oktober 2018 zwei berufsfelderweiternde Zusatzausbildungen, «Kirchliche Freiwilligenanimation» für Katechetinnen und Katecheten sowie Jugendarbeitende und «Leitungsassistenz» für Quereinsteigende beschlossen. Sowohl bei den Handlungsfeldern als auch bei den Jahreszielen führt das Februar-Papier der Kooperationspartner die Zusatzausbildung «Kirchliche Freiwilligenanimation» nach ForModula auf. Mit dieser sollen gezielt weitere Freiwillige für die Mitarbeit in den Pfarreien motiviert werden.

Andere Handlungsfelder im Papier beziehen sich auf die bessere Vernetzung innerhalb der Nahräume, die Weiterbildung Freiwilliger in bereits bestehenden Gruppen oder die Unterstützung von Teams, Kirchenpflegen, Pfarreiräten und Freiwilligen durch Beratungsangebote oder bei Bedarf durch die Fachstellen Diakonie oder Bildung und Propstei. Die beiden Fachstellen sollen, so eines der Jahresziele, ein Projekt planen, das die Förderung und Unterstützung der Freiwilligenarbeit in Pfarreien und Pastoralräumen in den Blick nimmt.

Kirche im Vergleich noch «erschreckend unprofessionell»

«Freiwillige wollen mitarbeiten, wenn sie einen klaren Auftrag haben», ist Claudia Mennen überzeugt. Dazu müssten die Freiwilligen gut begleitet werden. Wertschätzung für das Engagement von Freiwilligen sei enorm wichtig. Es dürfe nicht bei einem unverbindlichen «Vergelts Gott» bleiben. «Auch sollte es selbstverständlich sein, dass Weiterbildungen, zum Beispiel für Lektoren, Kommunionhelfer oder Mitarbeitende im Berufsdienst, vollumfänglich bezahlt werden», fordert Claudia Mennen. Die Hauptamtlichen müssten sich neu bewusst werden, dass Freiwillige professionell begleitet werden müssten. «Im Vergleich zu anderen Organisationen sind wir da erschreckend unprofessionell», sagt die Theologin.

Auch Markus Thürig gibt unumwunden zu, dass es noch Handlungsbedarf gebe. So habe die Evaluation des Projektes gezeigt, dass die Vernetzung unter den Mitarbeitenden in Pastoralräumen nicht unbedingt schon umgesetzt sei. Es gebe zwischen manchem Postulat und dem tatsächlichen Handeln noch einen «garstigen Graben». Doch fest steht: Fast fünf Jahre Diskussion und teilweise zähes Ringen um den Begriff Nahraumpastoral, wie er zu denken und zu füllen ist, bringen nun konkrete Früchte.

«Neues Handeln gründet in veränderten Haltungen»

«Wichtig erscheint mir auch, dass eines der Handlungsfelder vorsieht, das Thema in den verschiedenen Gremien und in den Pastoralräumen im Gespräch zu halten; da ist es nämlich unterschiedlich präsent», sagt Brigitta Minich.  Mit dem Papier liegt nun ein Zwischenstand vor, der gleichzeitig in die Zukunft weist. Die Überprüfung der Jahresziele, so erklärt es Heinz Altorfer, «erfolgt im Rahmen der jährlich durchgeführten Evaluationen der involvierten Fachstellen, welche dem Kirchenrat und der Bistumsregionalleitung St. Urs vorgelegt werden». Auf die Frage, ob es Themen gebe, die durch das Nahraumpilotprojekt nicht gelöst werden können oder für die ganz anders gedacht werden müsste, antwortet Markus Thürig: «Neues Handeln gründet in veränderten Haltungen. Das kann ein Projekt immer nur anstossen»; Veränderungen bringe dann der lange Atem des Lebens.

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