Am vergangenen Donnerstag lösten Oberstufenschülerinnen und -schüler aus Niederweningen knifflige Aufgaben auf dem jüdischen Kulturweg in Lengnau. | © Roger Wehrli

Pizza für Familie Bloch

Marie-Christine Andres Schürch, 25.9.18
  • «Dialogue en Route» ist ein Projekt der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz IRAS COTIS.
  • Landesweit gehören 63 ausgewählte religiöse Stätten, Kulturorte und Bildungshäuser zu den Stationen von «Dialogue en Route». Neu auch  der jüdische Kulturweg Endingen-Lengnau.
  • Vor wenigen Tagen testeten Schülerinnen und Schüler der 3. Oberstufe aus Niederweningen den jüdischen Kulturweg auf einem Postenlauf.

 

Vier Achtklässler stehen vor dem Haus der Familie Bloch in Lengnau und sollen der jüdischen Familie eine koschere Pizza liefern. Eine echte Knacknuss! Ist die Pizza Prosciutto koscher? Und in welcher Hälfte des Hauses mit der Doppeltüre wohnen die Blochs?

Testlauf

Der Pizzalieferdienst und die Familie Bloch sind fiktiv. Die geschilderte Situation ist eine Aufgabe aus dem Postenlauf auf dem Jüdischen Kulturweg in Lengnau. An diesem Nachmittag testet die 3. Oberstufenklasse aus Niederweningen mit Lehrer Dave Burgherr den Postenlauf. Den Jüdischen Kulturweg Endingen-Lengnau gibt es zwar bereits seit zehn Jahren. Seit diesem Herbst ist er aber Teil des nationalen Projekts «Dialogue en Route». Landesweit zählen 62 weitere ausgewählte religiöse Stätten, Kulturorte und Bildungshäuserzu den Stationen im Angebot von Dialogue en Route. Dazu gehören das Kloster Einsiedeln und die Ranftschlucht genauso wie die Albanische Moschee in Kreuzlingen oder der Krishna-Tempel in Zürich.

Leben statt nur lesen

An den Stationen sollen Schulklassen und Gruppen religiöses Wissen er«leben» statt nur in der Theorie davon zu hören. Wichtiger Teil des Projekts ist das Netzwerk von jungen Frauen und Männern zwischen 18 und 26 Jahren, so genannte «Guides», welche die Gruppen an den Stationen betreuen. Die jungen Guides absolvieren dafür eine kurze Ausbildung an einer der am Projekt beteiligten Pädagogischen Hochschulen. Daneben schöpfen sie für den Austausch mit den Schülern aus ihrer eigenen Lebenswelt und Erfahrung. Die Angebote reichen von der geführten Tour über Workshops oder Schnitzeljagden bis zum Podiumsgespräch. Für Lehrpersonen erarbeitet Dialogue en Route zusammen mit den lokalen Partnern didaktisches Begleitmaterial für Lehrpersonen.

Test-Bericht

Bereits seit einem Jahr sind die Stationen in der Ostschweiz und rund um Zürich in Betrieb. Neu eröffnete Dialogue en Route vergangene Woche die Stationen in der Nordwest- und Zentralschweiz sowie im Tessin. Schulklassen testeten die Stationen in Basel, Einsiedeln und eben Lengnau. Im Beisein von Gemeindeammann Franz Bertschi und SP-Nationalrat Cédric Wermuth sowie Susanne Holthuizen als Vertreterin des Jüdischen Kulturwegs, berichteten die Schüler von ihrem Testlauf. Eine Schülerin hielt fest: «Obwohl wir schon vieles gehört hatten, wurde uns erst hier richtig bewusst, unter welchen Einschränkungen die jüdische Bevölkerung gelitten hat. Sie durften viele Plätze nicht benützen, kein Land besitzen und nur ganz bestimmte Berufe ergreifen».

Romandie kommt nächstes Jahr

Die interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz Iras Cotis koordiniert das Projekt Dialogue en Route. «Nächstes Jahr werden Stationen in der Romandie dazukommen, die Eröffnung geschieht in drei Tranchen», erklärt Iras Cotis-Geschäftsführerin Katja Joho. Sie betont, Dialogue en Route sei zwar vor allem für Schulklassen konzipiert, stehe aber durchaus auch Kirchgemeinden und Einzelpersonen offen, die sich fürs Kennenlernen bestimmter Stationen interessieren.

 

 

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Die heute weltbekannte Familiendynastie Guggenheim hat ihr Stammhaus in Lengnau. Schülerinnen entdecken die Familiengeschichte der Guggenheims. | © Roger Wehrli
Menschen und Schicksale kennenlernen
Juden und Christen lebten im Surbtal mehr als 200 Jahre eng beieinander. Unter dem gleichen Dach, aber mit zwei verschiedenen Eingängen. | © Roger Wehrli
Doppeltüre
Susanne Holthuizen als Vertreterin des jüdischen Kulturwegs Endungen-Lengnau begrüsst die Schülerinnen und Schüler sowie die anwesenden Politiker und Presseleute. | © Roger Wehrli
Susanne Holthuizen
Auf dem Postenlauf lernen die Schulklassen die jüdischen Traditionen kennen. | © Roger Wehrli
Eintauchen in die jüdische Lebenswelt
Zwei Schüler knobeln an einer Frage in der Lengnauer Synagoge.  | © Roger Wehrli
Knifflige Fragen
Auch SP-Nationalrat Cédric Wermuth brachte die Frage nach der koscheren Pizza ins Grübeln. Er betonte in seiner kurzen Ansprache, wie wichtig es sei, einander zuzuhören - im Parlament wie auch zwischen den Religionen. | © Roger Wehrli
Cédric Wermuth
Dialogue en Route führt Gruppen und Schulklassen an Orte, wo sie mitten in der Geschichte stehen und diese erleben können. | © Roger Wehrli
Erleben statt bloss Zuhören

Station im Surbtal: Jüdischer Kulturweg

Dialogue en Route wurde von der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz IRAS COTIS ins Leben gerufen. Träger sind die Schweizerische Bischofskonferenz, der Schweizerische Evangelische Kirchenbund, die Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz FIDS und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund.

Während mehr als 200 Jahren waren Endingen und Lengnau die einzigen Dörfer der Eidgenossenschaft, in der sich Juden niederlassen durften. Um 1850 lebten im Surbtal 1500 Juden. Synagogen, Tauchbäder, eine Metzgerei, jüdische Schulhäuser und Wohnhäuser, ein Alters- und Pflegeheim und ein jüdischer Friedhof sind aus dieser Zeit erhalten. Auf dem Jüdischen Kulturweg wird die Geschichte der Surbtaler Juden an mehr als 20 Stationen mittels Text- und Bildtafeln erzählt. Jährlich verzeichnet der Jüdische Kulturweg rund 10 000 Besucherinnen und Besucher. Ein Projektteam arbeitet darauf aufbauend am Projekt «Doppeltür». Es soll die jüdische Geschichte des Surbtals als packendes Erlebnis am Schauplatz vermitteln. www.doppeltuer.ch

 

 

 

 

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