05.05.2020

«Schöne Post» kommt gut an

Von Christian Breitschmid

  • Kinderzeichnungen und -briefe sollen Menschen, die wegen der Coronamassnahmen nicht am öffentlichen Leben teilnehmen dürfen, eine Freude bereiten.
  • Die Aktion «Schöne Post» wurde von der Fachstelle Alter und Familie des Kantonalen Sozialdienstes in Zusammenarbeit mit der Sektion Gesundheitsförderung und Prävention des Kantons Aargau lanciert.
  • Die Redaktion Horizonte hat «ihre» Kinder die Probe aufs Exempel machen lassen und hat «Schöne Post» verschickt.

 

Munter geht es hin und her, das Gespräch zwischen Erika Meier-Sommerhalder und den beiden Schwestern Madita und Linda Müller, die über Skype mit der 78-jährigen Bewohnerin des Pflegeheims «pflegimuri» verbunden sind. «Wann haben Sie zum letzten Mal Besuch bekommen?» fragt die 10-jährige Madita. «Das ist schon lange her», antwortet Erika Meier, «halt bevor alles geschlossen wurde. Aber in normalen Zeiten wäre ich jetzt vor allem viel mit der freiwilligen Helferin unterwegs, die für mich zuständig ist. Wir machen Ausflüge oder gehen shoppen. … Und du, Linda, hörst lieber zu, gell?» Die 6-Jährige nickt und lächelt in die Kamera, während ihre Schwester weiter mit Erika Meier plaudert und schliesslich mit ihr vereinbart, dass die Schwestern sie besuchen kommen, wenn die Coronakrise überstanden ist.

Noch lange keine Normalität

Doch wie lange dauert es noch, bis die Gefahr durch das Coronavirus gebannt ist? Wann dürfen ältere und kranke Menschen wieder uneingeschränkt Besuche empfangen und ohne Distanzregeln am sozialen Leben teilnehmen? Carmen Frei, Verantwortliche Kommunikation bei «pflegimuri», spricht Klartext: «Die Normalität wird noch während Monaten nicht zurückkehren.» Für die Bewohner von Alters- und Pflegeheimen bedeutet das wohl, dass die Zeit der Kontakte auf Distanz noch länger andauert. Nicht überall ist man in der komfortablen Lage, extra Begegnungsräume einrichten zu können, die den Sicherheitsstandards genügen. Und nicht alle Betagten sind in der Lage, sich via Computer oder Handy mit ihren Lieben auszutauschen.

«Schöne Post» zur Freude

Aufgrund dieser Tatsachen hat sich die Leiterin der Fachstelle Alter und Familie beim Kantonalen Sozialdienst, Christina Zweifel, eine einfache und darum für jedermann machbare Aktion ausgedacht. «Schöne Post» heisst dieses Unterfangen, das genau das tut, was der Titel verspricht: Menschen, die in Alters- und Pflegeheimen leben, aber auch die Menschen, die sich in Heimen und Spitälern oder in der Spitex für alte und kranke Menschen einsetzen, sollen Post erhalten. Auf der Webseite des Kantons steht unter der Rubrik «Schöne Post»: «Zeichnest oder schreibst du gerne? Bist du zwischen 3 und 99 Jahren alt? Möchtest du einem älteren Menschen in einem Pflegeheim eine Freude machen? Oder möchtest du dich bei den vielen Krankenpflegenden, Ärztinnen und Ärzten und Personen, die im Spital arbeiten, für ihre ausserordentliche Leistung bedanken? Dann schick deine Zeichnung, deinen Brief, dein Gedicht an das Pflegeheim, die Spitex oder das Spital in deiner Region. Hier findest du alle Adressen, die du brauchst.»

Kanal soll offen bleiben

Die Adressen aller Alters- und Pflegeinstitutionen im Kanton Aargau sind auf der Webseite übersichtlich und nach Bezirken geordnet aufgelistet. Die «Schöne Post» macht also keinen Umweg über die Kantonsverwaltung, sondern erreicht direkt ihre Adressaten. Aber dennoch weiss Christina Zweifel, dass ihre Idee gut ankommt: «Ich habe von mehreren Institutionen gehört, dass sie Post bekommen und sich sehr darüber gefreut haben. Entwickelt haben wir diese Aktion ja zusammen mit der Sektion Gesundheitsförderung und Prävention. Man muss in dieser Zeit auch auf die psychische Gesundheit achten, für sich selbst und für andere. Dazu können solche Aktionen beitragen. Darum wünsche ich mir sehr, dass dieser Kanal auch nach der Coronakrise weiter offen bleibt.»

Dank kam postwendend

Der Versuch aufs Exempel, den die Redaktion Horizonte mit «Schöne Post» unternommen hat, war ein voller Erfolg. Die Töchter von Chefredaktor Andreas C. Müller schickten ihre Bilder nach Muri und fanden so eine neue Skype-Freundin in Erika Meier. Eleni, Livia und Anina, die Töchter von Redaktorin Marie-Christine Andres Schürch, beglückten mit ihren Werken die Bewohner des Alterszentrums St. Bernhard in Wettingen. Dafür erhielten sie vom Stock G des Altersheims eine Dankeskarte, auf der alle Bewohner für die jungen Künstler unterschrieben haben. Auch die Zeichnung von Kian Suter, Sohn von Horizonte-Redaktorin Cornelia Suter, hat ihr Ziel erreicht: strahlende Augen im Alters- und Pflegeheim Unteres Seetal in Seon.

«Eine Freude neben vielen»

Dieter Baumann, Leiter Aktivierung im Alterszentrum St. Bernhard, freut sich über die Aktion «Schöne Post»: «Wir zeigen die Bilder unseren Bewohnern und hängen sie dann gut sichtbar auf. So ergeben sich viele Gespräche in den Häusern und auf allen Stockwerken. Auch zu Einzelbesuchen können wir die Zeichnungen mitnehmen, um über das Bild ins Gespräch zu kommen.» In Seon sind neben Kians Zeichnung auch noch 97 Eulen angekommen. «Eine Mutter hat mit ihrer 8-jährigen Tochter zusammen für jede und jeden unserer 97 Bewohner eine eigene Stoffeule genäht», erzählt der Leiter des Alters- und Pflegeheims Unteres Seetal, Emanuel Duso. In allen von Horizonte kontaktierten Heimen ist die Stimmung trotz Coronakrise gut. «Das ist ja auch nicht die erste Sondersituation, die Institutionen wie die unsrigen zu meistern haben», sagt dazu Carmen Frei von «pflegimuri». «Die Aktion <Schöne Post> ist für die Bewohnerinnen und Bewohner eine Freude neben vielen anderen, die sie tagtäglich erleben können.»

Auch am Mutschellen zeichnen Kinder

Zwei Seelen, ein Gedanke, möchte man sagen. Auch im Pastoralraum am Mutschellen kam die Idee auf, älteren Menschen in dieser Coronazeit mit Zeichnungen von Kindern eine Freude zu bereiten. Pastoralraumleiter Robert Weinbuch rannte mit diesem Vorschlag bei seinem Team offene Türen ein. Auf allen Pfarrämtern des Pastoralraums werden seit dem 13. März Kinderzeichnungen gesammelt und dann an betagte Pfarreimitglieder weitergeleitet. Michael Jablonowski ist Pfarreiseelsorger in Bergdietikon und freut sich über den Erfolg dieser Aktion: «Wir haben Dutzende von Bildern allein hier in Rudolfstetten-Bergdietikon erhalten. Wenn wir die Adressen der Künstler haben, dann bitten wir die Empfänger, sich bei diesen direkt zu bedanken. Auf diese Weise sind schon einige Briefkontakte entstanden. Wir werden diese Aktion auf jeden Fall weiterführen, solange noch Bilder reinkommen.»

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