Angehörige des Pastoralraums Region Brugg-Windisch auf dem Weg zur Komplet ins Kloster Fahr. | © Roger Wehrli

Schritt für Schritt zu einer neuen Kirche

Marie-Christine Andres Schürch, 16.4.19
  • Das Gebet «Schritt für Schritt» bittet um Veränderung in der Kirche,  für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung.
  • Bereits wird das Gebet in rund 30 Pfarreien und Gemeinschaften im In- und Ausland regelmässig gebetet.
  • Die Gebets-Initiative ging von vier Theologinnen aus, darunter die Priorin des Klosters Fahr, Irene Gassmann.
  • Vergangenen Donnerstag besuchte die Aargauer Landeskirche mit Interessierten die Komplet im Kloster Fahr, wo die Gebetsinitiative im Februar ihren Anfang genommen hatte.

 

Der Weg zu Veränderung in der Kirche führt über die Autobahn. «Richtung Zürich, Ausfahrt Urdorf Nord», kündigt der Chaffeur an und startet den Motor. Ein gutes Dutzend Frauen und Männer sitzt in seinem Bus, der vom Bahnhof Brugg ins Kloster Fahr fährt.

Initiantinnen um Priorin Irene

Seit dem 14. Februar beten die Benediktinerinnen im Kloster Fahr jeden Donnerstag das Gebet «Schritt für Schritt». Priorin Irene Gassmann sowie die Theologinnen Dorothee Becker, Anne Burgmer und Jeanine Kosch hatten gemeinsam die Initiative zum Gebet ergriffen. Es lädt die Menschen ein, wöchentlich um Veränderung in der Kirche und um Mut und Zuversicht für den eigenen Weg mit der Kirche zu beten.

Gemeinsame Busfahrt

Die römisch-katholische Kirche im Aargau steht überzeugt hinter den Gebetsanliegen. Kirchenratspräsident Luc Humbel habe die gemeinsame Fahrt ins Fahr angeregt – um Unterstützung zu zeigen, aber auch, damit sich die Mitreisenden inspirieren lassen und vielleicht in der eigenen Pfarrei das Donnerstagsgebet einführen, erklärt Esther Kuster, Kommunikationsverantwortliche der Landeskirche.

Nicht bloss klagen

Die Männer und Frauen im Bus kommen aus verschiedenen Pfarreien im Pastoralraum Region Brugg-Windisch. Roland Nachbaur aus Lupfig, Synodenmitglied, fährt mit «weil man nicht nur über den Zustand der Kirche klagen, sondern versuchen sollte, etwas zu ändern.» Christine Huber aus Gebenstorf betet «Schritt für Schritt» wöchentlich in der Meditation in ihrer Pfarrei. Sie freut sich, das Gebet nun dort zu erleben, wo es seinen Anfang nahm.

Bewegende Feier, klare Worte

Die Komplet im Kloster Fahr bewegt. In fünf Abschnitten findet der Text «Schritt für Schritt» klare Worte für den Machtmissbrauch, die fehlende Gleichberechtigung der Frauen und die Diskriminierung Homosexueller innerhalb der Kirche. Zur Sprache kommt auch das hartnäckige Verharren im Ist-Zustand, welches viele Gläubige an ihrer Kirche verzweifeln lässt. «Gott, du unser Vater und unsere Mutter, wir alle wissen, wie es um unsere Kirche steht. Unrecht geschah und geschieht, Macht wurde und wird missbraucht». Zwei Schwestern beten die Abschnitte im Wechsel. Dazwischen erklingt das «Kyrie eleison» und Weihrauch steigt zur Kirchendecke.

«Wenn nichts mehr hilft…»

Die Idee, Veränderungen Schritt für Schritt auf kontemplativem Weg zu erreichen, war aufgrund verschiedener Denkanstösse gereift. So hatte eine Besucherin im Kloster Fahr im Gespräch über die Ohnmacht angesichts der skandalerschütterten Kirche gemeint: «Wie war das denn seinerzeit mit diesen Montagsgebeten in der DDR?» Später habe Bischof Felix Gmür bei der Vernissage des Buches über das Projekt «Für eine Kirche mit* den Frauen» angeregt, es nicht bei einmaligen Aktionen zu belassen, sondern das Thema Gleichstellung auch kontemplativ weiterzuverfolgen. Den Entschluss der Initiantinnen, auf das Gebet zu setzen, hatte Priorin Irene Gassmann gegenüber kath.ch unter anderem begründet mit: «Wenn alles nichts mehr nützt, bleibt das Gebet.»

Aus dem Herz der Kirche

Markus Wentink, seit Anfang Jahr Mitarbeiter der Fachstelle Bildung und Propstei, begleitete die Fahrt ins Fahr. Er attestiert der Gebetsinitiative eine grosse Strahlkraft: «Priorin Irene Gassmann ist glaubwürdig und wirkt aus dem Herz der Kirche heraus.» Bereits wird das Gebet in rund 20 Schweizer sowie zehn deutschen Kirchen und Klöstern gebetet. Das Kloster Einsiedeln aber, das mit dem Fahr ein Doppelkloster bildet, betet «Schritt für Schritt» nicht. «Wir nehmen das Anliegen des Klosters Fahr mit dem ‚Gebet am Donnerstag’ jeweils in den Fürbitten der Vesper am Donnerstag auf, sodass wir auf diese Weise mit dieser entstehenden Gebetsgemeinschaft verbunden sind», erklärt der Informationsbeauftragte des Klosters Einsiedeln, Pater Lorenz Moser, auf Anfrage. Das mache Einsiedeln auch mit anderen Anliegen so, die an die Gemeinschaft herangetragen würden. Das Kloster Einsiedeln verpasst damit die Gelegenheit, ein entschiedenes Zeichen der Solidarität mit dem Schwesterkloster zu setzen.

Das Gebet breitet sich aus

Obwohl Priorin Irene aus ihrer Enttäuschung kein Geheimnis macht, freut sie sich lieber über die positive Resonanz, die das Gebet ausgelöst hat. Die breite Unterstützung stärke sie und ihre Mitschwestern, sagt sie beim Apéro. Zu Beginn der Feier hatte sie wiederum die Namen von drei Pfarreien verlesen können, die neu ebenfalls mitbeten.

«Genau das hört jetzt auf»

Bei den Gästen aus dem Pastoralraum Region Brugg-Windisch stösst das Gebet «Schritt für Schritt» auf Anklang. «Stark, dass so deutliche Worte gewählt wurden», findet eine junge Frau. Deutliche Worte wählten die Initiantinnen auch angesichts der – überwiegend männlichen – Versuche, das Gebet inhaltlich und formal zu kritisieren. In einer Bestandesaufnahme nach den ersten zwei Monaten halten sie auf der offiziellen Webseite fest: «Wir haben das Gebet bewusst so und nicht anders formuliert. Es entspricht dem, was wir aus unseren jeweiligen Erfahrungen und Positionen heraus vor Gott legen wollen […]. Uns Frauen wurde in der katholischen Kirche lange genug gesagt, wie es richtig geht und genau das hört jetzt auf.»

 

Nächste Fahrt am 23. Mai 2019

Jeden Donnerstag um 19.30 Uhr beten die Schwestern im Kloster Fahr in der Komplet um Veränderung in der Kirche. Bereits hat sich das Gebet «Schritt für Schritt» an rund 30 Orten in der Schweiz, in Deutschland und Luxemburg verbreitet, auch drei Aargauer Pfarreien beten schon mit. Weitere Pfarreien im Kanton planen, das Gebet einzuführen. Eine laufend aktualisierte Liste aller Gebetsorte finden Sie auf der offiziellen Webseite. Am Donnerstag, 23. Mai, um 18.30 Uhr bietet die röm.-kath. Kirche im Aargau Interessierten noch einmal die Möglichkeit, mit dem Bus von Brugg ins Kloster Fahr zum Gebet «Schritt für Schritt» zu fahren. Anmeldung an: landeskirche@kathaargau.ch

www.gebet-am-donnerstag.ch

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Markus Wentink arbeitet seit Anfang Jahr bei der Fachstelle Bildung und Propstei. Er begleitete die Fahrt ins Kloster Fahr. «Priorin Irene ist glaubwürdig und agiert aus dem Herz der Kirche heraus. Das verleiht der Gebetsinitiative zusätzlich Kraft.» | © Roger Wehrli
Markus Wentink, Bildung und Propstei
Priorin Irene Gassmann (links) und ihre Mitschwestern ziehen zur Komplet in die Klosterkirche im Fahr ein. | © Roger Wehrli
Einzug zum Nachtgebet
Die Benediktinerinnen im Kloster Fahr beten jeden Donnerstag für Veränderung in der Kirche. Unaufgeregt, aber entschlossen und mit klaren Worten. | © Roger Wehrli
Unaufgeregt und entschlossen
Jeden Donnerstag kommen Menschen aus der Umgebung zum Mitbeten in die Klosterkirche. «Es stärkt uns, diese Unterstützung zu spüren», sagt Priorin Irene Gassmann. | © Roger Wehrli
Mitbeten und mitverändern
Die Feier in der Klosterkirche mit dem Gebet «Schritt für Schritt» bewegte die Besucherinnen und Besucher. | © Roger Wehrli
Bewegende Worte
Beim Apéro mit Brot und Punsch kamen Gottesdienstbesucherinnen und -besucher mit den Benediktinerinnen ins Gespräch. | © Roger Wehrli
Apéro mit Brot und Punsch
Die unkomplizierte Herzlichkeit und die Kontaktfreudigkeit der Fahrer Schwestern beeindruckte die Anwesenden. | © Roger Wehrli
Herzliche Gastfreundschaft
«Ich könnte mir gut vorstellen, das Gebet am Donnerstag auch in unserem Pastoralraum einzuführen», sagte Dorothee Fischer (rechts), Seelsorgerin im Pastoralraum Region Brugg-Windisch.
Nächste Fahrt am 23. Mai 2019
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