Tritt zusammen mit fünf anderen prominenten Schweizer Katholikinnen aus der katholischen Kirche aus: Die feministische Theologin und Publizistin Doris Strahm. | © Vera Rüttimann

Sechs bekannte Katholikinnen treten aus

Andreas C. Müller, 21.11.18
  • Sechs bekannte Schweizer Katholikinnen treten wegen «anhaltendem frauenfeindlichem Verhalten von Klerikern und dem kirchlichen Lehramt» aus der Kirche aus.
  • Der Schweizerische Katholische Frauenbund sowie auch Franziska Driessen-Reding, Präsidentin des Zürcher Synodalrats, kritisieren diesen Entscheid.

 

«Wir gehen!» ist die Mitteilung über- und unterschrieben. Die frühere grüne Nationalrätin Cécile Bühlmann, die ehemalige Direktorin des Hilfswerks Fastenopfer, Anne-Marie Holenstein, Monika Stocker, ehemalige Nationalrätin und Stadträtin von Zürich, Doris Strahm, feministische Theologin und Publizistin, Regula Strobel, auch sie feministische Theologin, sowie die ehemalige Nationalrätin und Mitglied des Europarats, Ruth-Gaby Vermot, wollen nicht mehr einer Institution angehören, die die Rechte der Frauen verneine und «Frauen aufgrund ihres Geschlechts aus der kirchlichen Hierarchie, der heiligen (Männer-)Herrschaft» ausschliesse.

«Hartnäckig bleiben und Kirche von Innen verändern»

In einer Stellungnahme äussert der Schweizerische katholische Frauenbund SKF zwar Verständnis für die Frustration der sechs Frauen, doch bedauert der SKF auch, dass diese dadurch allen Teilen der Kirche den Rücken kehrten. Der SKF lehnt ebenfalls «die gegenwärtige Machtverteilung in der Institution Katholische Kirche ab und fordert tiefgreifende Veränderungen», wie es in der Mitteilung weiter heisst. Doch werden Frauen und Männer aufgefordert, hartnäckig zu bleiben und die Kirche von innen her zu verändern.

Sie hätten sich diesen Schritt nicht leicht gemacht, schreiben die sechs durch ihr Engagement in Kirche und Politik bekannten Frauen. Die Frauenfeindlichkeit habe in der römisch-katholischen Kirche aber seit Jahrhunderten System, zölibatär lebende Kirchenmänner bestimmten über Körper und Sexualität der Frau und würden eine rigide menschenfeindliche Sexualmoral vertreten.

«Kriminalisierung abtreibender Frauen»

Der sprichwörtliche letzte Tropfen, der für die sechs unterzeichnenden Frauen das Fass zum Überlaufen brachte, sei der Vergleich des Schwangerschaftsabbruchs mit einem Auftragsmord durch Papst Franziskus am 10. Oktober gewesen. Diese schockierende Aussage sei nicht nur ein verbaler Ausrutscher, sondern zeige eine Grundhaltung der Kirche: Frauen würden kriminalisiert, während die an der Schwangerschaft beteiligten Männer überhaupt nicht in die Pflicht genommen würden. Die Aussage des Papstes hatte international weit über feministische Kreise hinaus für Empörung gesorgt. Eine entsprechende Petition wurde beispielsweise auch vom Schweizerischen katholischen Frauenbund unterstützt.

Sie begründen Ihren Austritt damit, dass Sie den «römisch-katholischen Machtapparat mit seiner patriarchalen Theologie» nicht länger unterstützen wollen, reagiert Franziska Driessen-Reding, Präsidentin des Zürcher Synodalrats, auf den Entscheid der sechs prominenten Katholikinnen. Der Austritt schade aber nicht diesem «Machtapparat», sondern den kantonalkirchlichen Strukturen, welche ja gerade ein gewisses Korrektiv zum Klerikalismus seien und Orte der Partizipation aller darstellten, kritisiert Franziska Driessen-Reding in einem offenen Brief. «Diese Kantonalkirchen ermöglichen oder fördern ja jene andere Kirche vor Ort, weil sie für Geschlechtergerechtigkeit und das gute Leben aller Menschen» eintritt. Genau dieser Kirche fühle auch ich mich als Synodalratspräsidentin verpflichtet.»

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Hatte Abtreibung mit einem «Auftragsmord» verglichen: Papst Franziskus. | © Andrea Krogmann
Papst Franziskus
Laut Simone Curau Aepli, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes, unterstützt der SKF Frauen, die eine Abtreibung vorgenommen haben - etwa mit dem «Solidaritätsfonds für Mutter und Kind». Die SKF-Präsidentin sieht für die Kirche bei den Betroffenen ein «grosses Potenzial», weitere Unterstützungsarbeit zu leisten, zumal diese Frauen oft allein gelassen würden. | © SKF
SKF-Präsidentin Curau-Aepli
 
Andreas C. Müller

Kommentar

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Sechs prominente Katholikinnen haben genug und treten aus. Sie geben den vielen Frustrierten ein Gesicht, die Jahr um Jahr der katholischen Kirche den Rücken kehren. Wie viele es im laufenden Jahr sind, wird sich im kommenden Frühjahr weisen. Dann werden wieder die Mitgliederzahlen veröffentlicht. Alles andere als weitere Verluste wären eine grosse Überraschung. So wird sich wohl ein unumkehrbarer, tragischer Trend fortsetzen. Tragisch deshalb, weil die Kirchen immer mehr Aufgaben im Bereich Sozialarbeit und Integration übernehmen, für die eigentlich der Staat zuständig wäre. Tausende Freiwillige bieten Deutschkurse für Flüchtlinge an, machen Besuche bei älteren Menschen oder unterstützen sozial Schwache.

Vor diesem Hintergrund muss man den Austritt der sechs Katholikinnen als unklug kritisieren, denn er hat Signalwirkung und wird andere zum gleichen Schritt motivieren – zum Leidwesen jener, die auf die Unterstützung der Kantonal- und Ortskirchen angewiesen sind. Doch es wäre ignorant, kein Verständnis für die Austritte aufzubringen. Denn nach wir vor vergeht kein Jahr, in welchem man sich als Mitglied der katholischen Kirche aufgrund bestimmter Vorkommnisse nicht schämen muss. Und in der Diskussion mit den «Säkularen» gehen vor allem den Frauen immer öfter die Argumente aus, die dafür sprechen, dabei zu bleiben.

Umso mehr verdienen all jene Frauen Respekt, die sich aller Widrigkeiten zum Trotz als Kirchenmitglieder weiter engagieren und für eine andere Kirche kämpfen: Der Schweizerische Katholische Frauenbund, die Zürcher Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding oder auch die junge Katholikin Jacqueline Straub, die mit dem Anspruch antritt, Priesterin zu werden. Sie vermitteln das Bild einer möglichen Veränderung und Hoffnung. Bleibt zu hoffen, dass die Kantonal- und Ortskirchen, die in der Schweiz aufgrund des dualen Systems wenigstens finanziell gegenüber dem klerikalen Machtapparat im Vorteil sind, derartiges Engagement nach Kräften unterstützen. Ansonsten verlieren nicht nur all jene, die der Kirche am meisten bedürfen – sondern wir alle.

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