Die seelsorgliche Begleitung von Menschen, die mit Sterbehilfe-Organisationen ihrem Leben ein Ende setzen wollen, ist innerhalb der Kirche umstritten. Immer mehr Seelsorgende wie auch Andreas Zimmermann wollen auch für diese Personen da sein. | © Andreas C. Müller

Seelsorge und «Exit» – Kein Widerspruch

Andreas C. Müller, 8.11.18
  • Katholische Seelsorgende begleiten Menschen, die mit der Sterbehilfe-Organisation«Exit» ihr Leben beenden möchten – auch wenn das von Seiten der Kirche nicht gern gesehen wird.
  • Andreas Zimmermann ist Seelsorger in der «pflegimuri» und hat eine 60-jährige Bewohnerin begleitet, die zu Beginn dieses Jahres mit «Exit» ihrem Leben ein Ende gesetzt hat. Andreas Zimmermann war bis zuletzt dabei. Mit Horizonte hat er über diese Erfahrung gesprochen.

 

Herr Zimmermann, Sie haben Anfang dieses Jahres eine Frau begleitet, die mit der Sterbehilfeorganisation «Exit» ihr Leben beendet hat. Wie kam es dazu?
Andreas Zimmermann:
Ich habe Frau Heimgartner (Name von der Redaktion geändert) im Sommer des vergangenen Jahres auf der Terrasse kennengelernt. Die 60-jährige vermochte trotz verschiedener Einschränkungen die Menschen für sich einzunehmen und war sehr kommunikativ. Wir kamen ins Gespräch und Frau Heimgartner wünschte auch seelsorgliche Besuche. So trafen wir einander häufiger. Bei unseren Gesprächen meinte sie dann oft, dass sie «einfach nicht mehr mag», und dass sie «mithilfe von Exit möglichst bald gehen» wolle. Und Frau Heimgarner fragte mich dann auch, ob ich sie bis zum Schluss seelsorglich begleiten würde.

War für Sie sofort klar, dass Sie das machen werden?
Das war für mich die erste Anfrage dieser Art. Für mich aber schnell klar, dass das als Seelsorger zu meinen Aufgaben zählt, jeden Bewohner und jede Bewohnerin seelsorglich zu begleiten – völlig unabhängig davon, in welcher Situation sich diese Person befindet. Dabei ist mir aber wichtig, dass ich mein Gegenüber und sein Handeln nicht beurteile und somit auch nicht seinen Entscheid, die Hilfe von «Exit» in Anspruch zu nehmen. Man muss aber zur Situation in der «pflegimuri» noch sagen: Obschon es erlaubt ist, mit «Exit« zu sterben, kommt es doch sehr selten vor – auf 100 Sterbefälle ist es nur ungefähr eine Person,.

Hat Frau Heimgartner mit Ihnen darüber gesprochen, warum sie sterben wollte?
Ja. Seit ihrer Geburt war Frau Heimgartner beim Gehen eingeschränkt. Sie wurde, so erzählte sie mir, im Laufe ihres Lebens an die 50 Mal wegen unterschiedlichen Dingen operiert. Seit Jugendjahren hat sie getrunken und stark geraucht. Als ich sie kennenlernte, litt sie an der Lungenkrankheit COPD und benötigte immer wieder Sauerstoff.

Aber gleichwohl schien sie nicht depressiv, hat sich gern mit anderen Menschen unterhalten. So zumindest haben Sie es beschrieben.
Der Verlust ihres einzigen Sohnes hatte ihr gemäss eigenen Angaben den Lebenswillen genommen – er war vor ein paar Jahren im Alter von gerade erst 30 Jahren nach kurzer Krankheit völlig überraschend verstorben. Frau Heimgartner sah hernach keinen Sinn mehr darin, noch irgendwie «durchzuhalten».

Wie denken Sie über Menschen, die mit einer Sterbehilfeorganisation ihr Leben beenden möchten – insbesondere solche, die nicht unmittelbar vom tödlichen Verlauf einer schlimmen Krankheit betroffen sind?
Wissen Sie, ich habe im Rahmen meiner seelsorgerischen Tätigkeit hier schon einiges gesehen. Die Betroffenen entwickeln ihren Sterbewunsch ja nicht leichtfertig, sondern weil sie leiden. Bei einer Muskelerkrankung beispielsweise funktioniert neben vielem anderen irgendwann auch die Darmmuskulatur nicht mehr. Das bedeutet permanent Durchfall und Windeln. Und auch das Schlucken geht nicht mehr. Und da ist dann noch die Angst vor dem Erstickungstod. Oder dann sind da Menschen, die nicht mehr aufstehen können, Tag und Tag liegend im Bett verbringen und mich fragen: «Warum kommt der Herrgott mich denn nicht holen? Mein Leben hat doch so keinen Sinn mehr.» Da kann ich gut verstehen, dass jemand einfach nicht mehr will.

Verstehen ist das eine, aber was für eine Haltung vertreten Sie als Seelsorger?
Ich muss ja nicht beurteilen, ob das richtig oder falsch ist, was die Menschen machen. Meine Aufgabe ist es, als Seelsorger für die Menschen da zu sein, wenn sie das wollen.

Aber bei Sterbehilfe verweigern nicht selten die Seelsorgenden die Arbeit – und das mit dem Segen ihrer Bischöfe. Auch Felix Gmür hat sich da ja klar positioniert.
Ja, durchaus. Und das belastet die Menschen, die einfach nicht mehr wollen und in der Sterbehilfe den einzigen für sie gangbaren Weg sehen. Diese Menschen wollen nicht allein gelassen werden. Gott, das Gebet und seelsorgliche Begleitung sind ihnen wichtig. Entsprechend erleichtert sind sie, wenn sie merken, dass die Seelsorgenden sich nicht von ihnen abwenden.

Und wie rechtfertigen Sie das theologisch?
Ich persönlich bin überzeugt, dass es vom biblischen Hauptgebot der Liebe aus meine Pflicht als Christ ist, auch solche Menschen, die sich für «Exit» entschieden haben, nicht allein zu lassen.

Und wollen die Sterbewilligen nicht auch wissen, wo Sie stehen?
Natürlich. Ich wurde sogar schon gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, mit «Exit» zu gehen.

Und was haben Sie geantwortet?
Ich habe ehrlich geantwortet und gesagt, dass ich das für mich in einer sehr schlimmen persönlichen Situation auch nicht ausschliessen würde.

Das zeigt im Grunde sehr deutlich, wo sie stehen. Wurden Sie deswegen vom Bischof schon zu einer Aussprache bestellt?
Nein, bis jetzt nicht und ehrlich gesagt hoffe ich, dass auch der Bischof die Begleitung dieser Menschen als Teil meiner seelsorglichen Aufgabe ansieht.

Auch der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau gegenüber stehen Sie in der Verantwortung, da diese ja Ihren Lohn zahlt. Haben Sie von dort Rückendeckung?
Mein Vorgesetzter weiss um diese Fälle und ich fühle mich unterstützt.

Also Seelsorge und Sterbehilfe müssen kein Widerspruch sein?
Richtig! Davon bin ich überzeugt. Das gilt übrigens auch für Palliative Care. In der «pflegimuri» jedenfalls wird das so gehandhabt. Hier wird alles getan, damit es den Menschen bis zum letzten Atemzug so gut wie möglich geht und sie so gut als möglich schmerzlindernd unterstützt werden. Zusätzlich erlaubt die «pflegimuri» auch den letzten Schritt mithilfe von «Exit».

Apropos letzter Schritt: Wie war das denn bei Frau Heimgartner? Waren Sie bis zuletzt dabei?
Ja, es war ihr ganz wichtig, dass ich bis zuletzt dabei bin.

Wie ist das abgelaufen?
Die letzte Nacht durften ihre drei  Schwestern mit ihr auf dem Zimmer verbringen. Als morgens um 10 Uhr zwei Damen von Exit kamen, waren dann ich sowie zwei weitere Familienangehörige dabei. Frau Heimgartner war sehr klar und ruhig. Sie wollte noch eine letzte Zigarette rauchen, sich von ihren Kollegen im Raucherraum verabschieden und mit uns im Zimmer zum Abschied anstossen.

Hatte sie sich von Ihnen noch ein besonderes Ritual gewünscht?
Ja, das haben wir vorab besprochen: Ich sollte sie segnen.

Und dann?
Die beiden Damen von «Exit» haben Frau Heimgartner im Laufe des Morgens mehrmals gefragt, ob sie den geplanten Schritt wirklich tun wolle. Es hat mich beeindruckt, dass sie ganz sicher gehen wollten, dass Frau Heimgartner «es» wirklich tun will und sich ihr Entschluss nicht doch noch geändert hat. Schliesslich gaben sie ihr ein Magenberuhigungsmittel und eine halbe Stunde später das Becherlein mit dem tödlichen Mittel. Frau Heimgartners Patenkind hat sie im Arm gehalten, bis sie das Bewusstsein verlor und nach etwa 20 Minuten die Atmung aussetzte.

Wie haben Sie das erlebt?
Eigentlich sehr harmonisch. Wir hatten alle den Eindruck, dass Frau Heimgartner nun befreit ist. Als klar war, dass Frau Heimgartner nicht mehr atmet, verharrten wir zunächst in Stille. Dann musste die Polizei gerufen werden – das Gesetz verlangt das.

Rückblickend betrachtet: Wie beurteilen Sie Ihre Rolle in diesem Fall?
Das ist eine gute Frage. Zunächst einmal war es wohl für Frau Heimgartner und ihre Schwestern sehr wichtig, dass ich einfach dabei war. Weiter sollte ich auch die Abschiedsfeier in der «Pflegi» und die Abdankung in Frau Heimgartners Wohnort gestalten. Dann zeigte sich, dass ich auch in der Institution zu einer wichtigen Ansprechperson wurde. Es lässt das Team nämlich nicht unberührt, wenn so etwas geschieht. Dass Frau Heimgartner in der «Pflegi» zudem sehr offen über ihre Absichten sprach, brachte es mit sich, dass verschiedene Bewohner bei mir nachfragten. Zwei von ihnen, zu denen Frau Heimgartner einen guten Kontakt gepflegt hatte, haben mich hernach zur Abdankung begleitet.

 

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«Ich persönlich bin überzeugt, dass es vom biblischen Hauptgebot der Liebe aus meine Pflicht als Christ ist, auch solche Menschen, die sich für Sterbehilfe entschieden haben, nicht allein zu lassen», meint Andreas Zimmermann, Seelsorger in der «pflegimuri». | © Andreas C. Müller
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Palliative Care und «Exit» – Ebenfalls (k)ein Widerspruch

Auch Palliativpflege und Sterbehilfe müssen kein Widerspruch sein. In der «pflegimuri» wird alles getan, damit es den Menschen bis zum letzten Atemzug so gut wie möglich geht und sie so gut als möglich schmerzlindernd unterstützt werden. Zusätzlich ist als letzter Schritt der Freitog mithilfe einer Sterbehilfe-Organisation innerhalb der Institution erlaubt. | © Werner Rolli

Palliative Aargau und die «Pflegi Muri» organisieren am Mittwoch, 28. November 2018, um 18.30 Uhr in der «pflegimuri» einen Diskussionsabend zum oben erwähnten Thema. Als Fallbeispiel dienen wird der im Interview von Seelsorger Andreas Zimmermann geschilderte Fall. Mehr Informationen auf der Webseite von Palliative Aargau.

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