SP-Grossrat und Gewerkschaftspräsident Florian Vock spricht an der Segens- und Solidaritätsfeier am 17. Mai in Rheinfelsen. | © Roger Wehrli

«Selbst das Reich Gottes kommt nicht von alleine»

Marie-Christine Andres Schürch, 9.5.19
  • Am Freitag, 17. Mai,  findet die Segens- und Solidaritätsfeier für gleichgeschlechtlich Liebende in Rheinfelden statt.
  • SP-Grossrat Florian Vock ist an der Feier dabei. Er engagiert sich schweizweit für die Anliegen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen.
  • Im Vorfeld der Segens- und Solidaritätsfeier erklärt Florian Vock, warum er teilnimmt, auch wenn er selber keiner Kirche mehr angehört

 

Florian Vock ist ein geübter Redner. Und ein sehr gefragter dazu. Letzte Woche sprach der SP-Grossrat und Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbundes an den 1. Mai-Feiern in Aarau und Lenzburg. Am 29. Juni hält Florian Vock als schweizweit engagierter Aktivist eine Rede in Basel zur Erinnerung an 50 Jahre Stonewall, dem ersten Aufstand von Lesben, Schwulen und Transmenschen gegen diskriminierende Polizeikontrollen.

Segensfeier in Rheinfelden

Dazwischen, am Freitag, 17. Mai, nimmt der 29-Jährige an der Segens- und Solidaritätsfeier in der katholische Kirche Rheinfelden teil. Susanne Andrea Birke von der Fachstelle Bildung und Propstei sowie Kurt Adler von der Fachstelle Diakonie organisieren diese Feier bereits zum sechsten Mal.

Zehn Jahre Politerfahrung

Die unterschiedlichen Rede-Einsätze zeigen die Bandbreite von Florian Vocks Engagement. Seit zehn Jahren ist er engagiert in der sozialdemokratischen Bewegung, aktuell als Grossrat und Nationalratskandidat sowie Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbundes. Der gebürtige Gebenstorfer studierte Soziologie und Philosophie und leitet bei der Aids-Hilfe Schweiz Präventionskampagnen. Als schwuler Mann ist er im Vorstand der Schwulenorganisation Pink Cross, dem Schweizer Dachverband schwuler und bisexueller Männer.

Nicht alles hinnehmen

Egal, an welchem Rednerpult er steht, Florian Vock hat eine klare Haltung: «Ich will den Menschen Mut machen, nicht einfach alles so hinzunehmen, wie es ist. Wir alle haben die Kraft, aber auch die Verantwortung, die Welt zu verändern.» Als Susanne Andrea Birke den jungen Politiker und Aktivisten letztes Jahr an der Demonstration der Pride in Zürich sprechen hörte, fand sie: «Da ist einer, der etwas zu sagen hat.»

Religionen sind gesellschaftliches Leben

Im persönlichen Gespräch wird klar, dass da einer sitzt, der nicht nur redet, sondern ebenso viel nachdenkt. Ob über Gott, Marx oder den Papst: Florian Vock spricht ruhig, mit einer Prise Selbstironie, hinterfragt und präzisiert seine Überlegungen, diskutiert leidenschaftlich gerne. Als Philosophie-Student habe er Antworten auf die grossen Fragen des Lebens gefunden, die ihm näher lägen als Gott, erklärt er. Aus der reformierten Kirche ist er ausgetreten. Doch Florian Vock betont: «Was mich von einem strengen Atheisten unterscheidet, ist, dass ich der Religion einen Wert für die Gesellschaft beimesse. Heutzutage sind soziale Systeme wertvoll, wo nicht einfach Geld, sondern menschliche Werte im Mittelpunkt stehen.»

Diskriminierung verletzt

Vor allem den Transzendenz-Bezug der Kirche finde er hoch spannend, sagt Florian Vock. Der wichtigste Auftrag der Kirche sei doch, die grossen Fragen zu diskutieren, welche die Menschen bewegen. Die Stellung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transmenschen in der offiziellen römisch-katholischen Kirche sei nicht seine Kampfzone. Jedoch habe er Freundinnen und Freunde, die als «anderssexuelle» Katholiken unter der Diskriminierung durch ihre Kirche leiden. «Für sie will ich mich einsetzen. Für mich ist es ein Zeichen der Solidarität, an der Segensfeier die Anliegen dieser Menschen zu unterstützen.»

Ganz oben sitzen die alten Männer

Innerhalb der Kirche hält die Diskriminierung unverändert an. Es sei jedoch nicht an ihm, die römisch-katholische Kirche ändern zu wollen oder deren Mitglieder zu kritisieren: «Man darf auch in komischen Vereinen Mitglied sein», sagt Florian Vock augenzwinkernd. Und doch hätte er einige Vorschläge auf Lager – er kommt in Fahrt, als er aufzählt, welche Änderungen der Kirche gut tun würden. Vor allem eine: mehr Demokratie! Ganz oben sässen die alten Männer. Doch an der Basis seien es vor allem die Frauen, die sich für ihre Nächsten einsetzten. Als Grossrat habe er gesehen, dass sich im Aargau vor allem linke und christliche Frauen um die unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden gekümmert hätten. «Jemand muss ja leben, was die alten Herren predigen», bemerkt Florian Vock trocken.

Politik für Gutmenschen?

Florian Vocks Wahlslogan für seine Kandidatur als Nationalrat lautet «Für Kämpfer*innen und Gutmenschen». Auf den Einwand, Gutmensch sei doch eher negativ konnotiert, entgegnet er entschieden: «In einer Gesellschaft, wo ‚Gutmensch’ ein Schimpfwort ist, müssen wir gerade das zu unserer Haltung machen. Oder um mit Leonhard Ragaz zu sprechen: ‚Selbst das Reich Gottes kommt nicht ohne engagierte Menschen.’ Wir müssen dafür kämpfen.»

 

«Gottes Liebe ist einfach da!»
Segens- und Solidaritätsfeier für gleichgeschlechtlich Liebende, ihre Freundinnen, Freunde, Bekannten und Familie. Freitag, 17. Mai 2019, 19 bis 21 Uhr in der katholischen Kirche in Rheinfelden. Musikalische Begleitung durch «gl’amoureuse», anschliessend Apéro und Zusammensitzen. Es laden ein:
 Susanne Andrea Birke, Fachstelle Bildung und Propstei und Kurt Adler-Sacher, Fachstelle Diakonie. 

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