09.03.2020

«Sie wollte nicht sterben – sie konnte nicht mehr leben»

Von Christian Breitschmid

  • In der Kantonsschule Wohlen wird vom 14. bis 19. März über ein Thema gesprochen, über das sonst gerne geschwiegen wird: Suizid. Die Ausstellung dazu heisst «Leben, was geht!»
  • Ausstellungsmacher Martin Steiner hat selber erlebt, was es heisst, von einem Selbstmord betroffen zu sein und nicht darüber reden zu können.
  • Die Ausstellung bietet viele Möglichkeiten, sich mit dem Thema auf verschiedenen Ebenen auseinanderzusetzen, vor allem aber, mit Betroffenen direkt oder über Podcasts ins Gespräch zu kommen.

 

Zwei Jahre ist es her, dass sich die Frau von Martin Mattmüller das Leben nahm. Sie hinterliess einen traumatisierten Mann und zwei Töchter, die, wie ihr Vater, sich erst einmal nicht zu helfen wussten. Erst durch den Austausch mit anderen Suizidbetroffenen in den Selbsthilfegruppen «Refugium» und «Nebelmeer» (siehe Text rechts), gelang es ihnen, Worte und Bilder für das Unbegreifliche zu finden. Der erste Schritt zur Verarbeitung war getan. «Alle Betroffenen haben ein riesengrosses Gefühlschaos der Trauer durchgemacht und sind dabei auch Verzweiflung, Wut und Verletzung begegnet. Über all das zu reden, hilft. Dann kommt die Erkenntnis: ich bin nicht der einzige und was ich erlebt habe ist keine Schmach.»

Informationen aus erster Hand

Ausstellungsmacher Martin Steiner wäre froh gewesen, er hätte damals auch Menschen gehabt, die mit ihm über das Unfassbare gesprochen hätten. Zuerst, als der Bruder eines engen Freundes in den Tod ging und dann, als sich der Abwart der Kantonsschule Wohlen vor gut zweieinhalb Jahren suizidierte. Aus diesen prägenden Erfahrungen heraus kam der junge Kantilehrer auf die Idee zur Ausstellung «Leben, was geht! Suizid im Gespräch». Dazu hat er 20 Menschen vors Mikrophon gebeten, um ihre Erfahrungen und Erlebnisse als Betroffene im Zusammenhang mit Freitoden aufzunehmen. Diese Aufnahmen können jetzt schon auf der Website der Ausstellung unter www.leben-was-geht.ch angehört werden. Dazu liefert der Webauftritt von «Leben, was geht!» noch viele weitere Denkanstösse, Hintergründe und vor allem auch weitere Links für alle, die sich offen mit dem Thema Suizid auseinandersetzen wollen.

Die 20 «Living Books», so der neudeutsche Ausdruck für Menschen, die ihre Geschichte erzählen, sind das eigentliche Herzstück der Ausstellung. Besonders interessant dürfte es für die Ausstellungsbesucher am Wochenende vom 14./15. März werden, wenn 14 dieser persönlich Betroffenen und Fachpersonen in der Aula und der Mediothek der Kantonsschule für direkte Gespräche zur Verfügung stehen. «Wir stellen uns einen Turnus von 10 bis 15 Minuten pro Gesprächsinsel vor», sagt Martin Steiner. «Aber die Leitung liegt bei den Menschen, die die Ausstellung besuchen. Sie sollen den Takt vorgeben. Sie sollen die Eindrücke aufnehmen, den Raum begehen und alles in Ruhe auf sich wirken lassen.» Dazu gibt es auch Posten mit Lesestoff und die Werke der beiden Gastkünstlerinnen Livia Müller und Jessica Bucher. Über der Ausstellung prangt eine grosse Leinwand, auf der Nachrichten der Ausstellungsbesucher und -macher via Handy hochgeladen werden können.

Mit Handy und Kopfhörern

Neben Psychiater und Therapeut, Seelsorgern, Polizistin, Bestatterinnen, Nothelfern und einem Philosophen, ist Martin Mattmüller einer von zehn Direktbetroffenen, die als «Living Books» ihre Geschichte erzählen. «Heute kann ich darüber reden», sagt der 65-Jährige. «Nach zwei Jahren ist der Tod meiner Frau zwar nicht überwunden, aber er ist in mein Leben und in das meiner Töchter integriert. Ich sage immer: meine Frau hatte Seelenkrebs. Sie wollte nicht sterben – sie konnte nicht mehr leben.» Wer am 14. und 15. März die Ausstellung in der Aula der Kantonsschule Wohlen nicht besuchen kann, kann von Montag bis Donnerstag die «Living Books» als Podcasts runterladen und hat so auch die Möglichkeit, in eine Art von Dialog mit den Erzählern zu treten. Dazu muss man aber unbedingt sein Handy und eigene Kopfhörer zur Ausstellung mitbringen. Ohne funktioniert der virtuelle Austausch nicht.

Martin Steiner freut sich auf das Wagnis dieser Ausstellung: «Der Inhalt ist für die Besucher nicht vorgefertigt. Die Ausstellung setzt Menschen voraus, die eine gewisse Offenheit haben.» «Leben, was geht!» bietet über drei Stunden Tondokumente. «Es gibt viel zu hören, zu lesen – es liegen auch Bücher auf und anzuschauen. Das wirft sicher Fragen auf und regt zu Gesprächen an.»

«Keine freie Entscheidung»

Die Ausstellung wird unter anderen von der Römisch-Katholischen Kirchgemeinde Wohlen unterstützt. Ein Engagement, das der Pfarrer von Wohlen, Pater Solomon, sehr begrüsst: «Das Aussprechen, das Darüber-Sprechen beinhaltet auch Heilung», sagt der Seelsorger, der selber schon viele Erfahrungen mit dem Thema Suizid machen musste. Die Menschen in Europa betonten immer gerne, dass sie alles selber und frei entscheiden würden, «aber Selbstmord ist keine freie Entscheidung. Da wirken Kräfte und Zwänge, die wir uns nicht vorstellen können.»

Auch wenn Pater Solomon sich schon viele Male die quälende Frage nach dem Warum gestellt hat und, wie die meisten Betroffenen, auch Vorwürfe gemacht hat, weil er vermeintlich hätte erkennen sollen, dass sich ein Mensch etwas antun könnte, spricht er mit Überzeugung: «Die Kirche hat ein Angebot zu machen, sowohl denen, die in einer Krise stecken, als auch den Menschen, die vom Suizid eines Freundes oder Verwandten betroffen sind. Das vergessen viele Leute hier, weil sie immer noch das Bild im Kopf haben vom Priester mit dem erhobenen Zeigefinger. Es wäre ein erster Schritt, wenn die Menschen die Kirche wieder als Freund sehen könnten, der für sie da ist und ihnen die Hand reicht.» Trotz seines vollen Terminkalenders als verantwortlicher Priester für sechs Pfarreien mit 13’000 Mitgliedern, nimmt er sich die Zeit, wenn jemand in Not ist. «Es gibt ein schönes Sprichwort: Vor dem Sonnenaufgang ist die Nacht am dunkelsten. Dann ist es wichtig, für jemanden da zu sein und diesem Menschen das Licht am Ende des Tunnels zu zeigen.»

Ausstellungsdaten

Die Vernissage von «Leben, was geht! Suizid im Gespräch» ist am Samstag, 14. März, um 13 Uhr, in der Aula der Kantonsschule Wohlen. Die Öffnungszeiten sind: 14. und 15. März, von 14 bis 18 Uhr, und 16. bis 19. März, von 8 bis 20 Uhr. Am Donnerstagabend, um 17 Uhr, liest in der Mediothek der Kantonsschule eine «Überlebende» aus ihrem Skript vor und gewährt einem interessierten Publikum Einblicke in ihr Leben und in ernsthafte Krisen, die sie durchlaufen und überlebt hat.

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