Pastoraltheologin Christiane Bundschuh-Schramm, Gastreferentin an der Aargauischen Pastoralkonferenz vom 15. November in Wislikofen. | © zvg

Sinn in Tüten

Anne Burgmer, 6.11.17
  • In der deutschen Diözese Rottenburg-Stuttgart konzipiert eine Gruppe Hauptamtlicher einen neuen Weg, das Evangelium zu verbreiten
  • Glaube und der Austausch darüber können nicht mehr von oben verordnet, sondern nur noch als Angebot organisiert werden
  • Das Sinnsucher-Projekt will die Menschen ermutigen,  mit Freunden, Familie oder Bekannten über Glaubensvorstellungen zu sprechen
  • Die Aufgabe der Kirche ist es, Möglichkeiten zum Austausch zu schaffen, in denen sich das Evangelium ereignen kann

 

Am Mittwoch, 15. November trifft sich die Aargauische Pastoralkonferenz (PK), die Versammlung aller Aargauer Seelsorgerinnen und Seelsorger, in Wislikofen zu ihrer Jahrestagung. Das Thema ist «In-SPIRIerT-sein – Impulsgebende Pastoral». Die Jahrestagung versteht sich neben der jährlichen diözesanen Weiterbildung auch als Fortbildungsanlass für die Seelsorgenden auf kantonaler Ebene. Deshalb lädt der Vorstand der PK jeweils Gäste ein und organisiert Arbeitseinheiten zum Thema. Gastreferentin ist dieses Jahr die Pastoraltheologin Christiane Bundschuh-Schramm, die mit dem Projekt «Sinnsucher» in der deutschen Diözese Rottenburg-Stuttgart einen neuen Weg der Verkündigung mitorganisiert. Im Telefoninterview erklärte sie, worum es bei diesem Projekt geht.

Frau Bundschuh-Schramm, was sollen sich die Leserinnen und Leser unter «impulsgebender Pastoral» vorstellen?
Christiane Bundschuh-Schramm:
Hinter dem Begriff stehen mehrere Grundspuren. Zunächst geht es darum, dass Glaube und Spiritualität freigegeben werden. Wir können beides nicht mehr als Gesamtpaket von oben nach unten verordnen. Wir können lediglich zur Auseinandersetzung mit den Themen anregen. Dann meint der Begriff auch: entdeckende Pastoral. Das Evangelium ereignet sich im Heute, im Jetzt, in Situationen und in Menschen und will entdeckt werden. Schliesslich steht dahinter eine kommunikative Pastoral, weil Gelegenheiten geschaffen werden, in denen sich Menschen über ihren Glauben austauschen.

Heisst das, es wird gar nicht in dieser Form über Glaube oder Spiritualität gesprochen?
So weit würde ich nicht gehen. Doch in der klassischen Pastoral ist die religiöse Kommunikation oft hierarchisch, normiert und wenig alltagstauglich. Das Sinnsucher-Projekt ist gedacht als «Religion to go». Es geht darum, mit einem Minimum an Organisation ein Maximum an Gelegenheit für den Austausch im Alltag zu schaffen. Dabei ist wichtig, dass wir keine Kontrolle ausüben, ob es letztlich wirklich in den Alltag hineinspielt. Es geht darum Freiheit zu schenken, in der sich das Evangelium dann vielleicht ereignet. Wir fordern nicht die Auseinandersetzung, wir verschenken die Möglichkeit zur Auseinandersetzung auf Augenhöhe.

Der Eindruck im Bistum Basel ist, dass sich das Thema hierarchische Kommunikation eher im Zusammenhang mit strukturellen Veränderungen stellt, als bei inhaltlichen Fragen zum Glauben.
Unabhängig von einer Hierarchie ist es aber in Pfarrgemeinden vor Ort oft so, dass es bestimmte, vielleicht ungeschriebene Regeln gibt, wie man über den Glauben spricht. Es kann vorkommen, dass man sich gar nicht austauscht, denn was wäre, wenn sich herausstellt, dass man gar keinen Konsens innerhalb einer Pfarrgemeinde hat? Vielleicht formuliert jemand etwas und eine andere denkt: Oh, so wollte ich das eigentlich auch schon sagen und habe mich nicht getraut. Auch diese Freiheit will das Sinnsucher-Projekt ermöglichen.

Jetzt haben Sie viel vom Sinnsucher-Projekt gesprochen. Was ist das denn genau?
Das Sinnsucher-Projekt beinhaltet verschiedene thematische Briefumschläge, die wir Tüten nennen. Es gibt zum Beispiel Tüten zum Thema Weihnachten, Karfreitag, Ostern oder auch eine Geburtstagstüte und eine Urlaubstüte. Wenn man diese Tüten öffnet, ist darin Material für eine Gesprächsrunde. Zum Beispiel Karten, die man einfach vorliest, umsetzt und so spielerisch ins Gespräch kommt. Manchmal braucht man noch einen Würfel oder ein Eile-mit-Weile-Männchen, doch im Prinzip könnte man auch in der Kantine die Schlüsselbunde auf den Tisch legen.

Wer leitet so eine Gruppe dann an?
Das ist verschieden. Es kann ein hauptamtlicher Mitarbeiter im Rahmen einer Gruppe sein oder eine Frauengruppe in der Pfarrgemeinde. Es kann ein interessierter Mensch sein, der sich entschliesst, im Freundes- oder Familienkreis zum Thema ins Gespräch zu kommen. Ich weiss von einem Ehepaar, das sich mit anderen trifft, wenn eine neue Tüte erschienen ist. Wichtig ist uns, dass es für die Durchführung keinen Fachmenschen braucht. Es geht ohne Theologen am Tisch.

Es ist also im Prinzip Sinn in Tüten?
Ja, im Prinzip schon. Es geht nicht um Wissensvermittlung, sondern darum, sich ehrlich über die Themen auszutauschen. Zu fragen: Wo stolpere ich und warum? Wie verstehen die Mitspieler das Thema? Das passiert ehrlicher ohne anwesende Fachleute. Aus diesem Grund haben wir die Tüten so konzipiert, dass man auch einen einzelnen Schritt aus dem Ablauf herauslösen und umsetzen kann. Deshalb haben wir mit der Geburtstagstüte oder auch der Urlaubstüte niederschwellige Tüten im Programm.

Wie sind Sie denn auf diese Idee mit den Tüten gekommen?
Wir bekamen auf unsere Basisreihe, sechs Tüten, die im Moment vergriffen sind, gute Rückmeldungen. Wir wurden gefragt: Gibt es auch etwas zu Weihnachten oder Ostern? Wir haben dann in einem Prozess der Erneuerung überlegt, dass wir gerne einen Glaubenskurs in dieser Form machen möchten, weg vom Frontalunterricht hin zum Gespräch auf Augenhöhe. Von jungen Menschen kam dann der Wunsch, Basisthemen anzugehen. Die Hemmungen zur Auseinandersetzung seien dort geringer. Diese Frauen und Männer sagten, uns interessieren Glaube, Liebe und Hoffnung. Also wird es Tüten zu diesen Begriffen und zum Thema Leben geben.

Sie sprechen von einem niederschwelligen Angebot. Wie werden die Leute darauf aufmerksam? Machen sie zum Beispiel auch im nicht-kirchlichen Umfeld Werbung dafür?
Gestartet, ganz am Anfang, sind wir als missionarische Gruppe. Am Weihnachtsmarkt in Stuttgart, einer Stadt mit grossem Anteil konfessionsloser Menschen, haben wir kleine Karten verteilt. «Weihnachten ist…» stand auf der einen Seite und auf der Rückseite dann ein Antwortvorschlag. Letztlich berührt diese Sache das Thema des «Zeuge seins». Es braucht mutige Menschen, die ausserhalb des binnenkirchlichen Raumes in ihrem Umfeld über das Thema Glauben sprechen wollen. Menschen, die religiöse Kommunikation riskieren. Wir brauchen also beides: Orte, wo wir als Kirche uns dazustellen können und Menschen, die mutig sind.

Sie erwähnten die hierarchische Kommunikation und sagen, es gehe darum, das Ereignis des Evangeliums in die Freiheit zu entlassen. Kann man in der Diözese Rottenburg-Stuttgart theologisch alles sagen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen?
Wir sind in einem Prozess der dialogischen Kirche. Da kann ich schlecht vorher schon sagen, was beim Dialog in den Pfarrgemeinden herauskommt.

Bei Basis-Christen ist das klar, doch was ist mit den hauptamtlich tätigen Seelsorgerinnen und Seelsorgern?
Mein Eindruck ist, dass die Hauptamtlerinnen und Hauptamtler eine grössere Schere im Kopf haben, als sie müssten. Bei der Karfreitagstüte haben wir acht Vorschläge, wie man den Kreuzestod Jesu verstehen kann. Da sind sehr traditionelle aber auch sehr neue Vorschläge dabei. Bisher ist das nicht kritisiert worden. Aber ich merke auch: Wenn ich diese Tüte in einer Pfarrgemeinde auf den Tisch lege, bekomme ich eher die traditionellen Antworten. Wenn jüngere Leute diese Tüte spielen, können sie mit der Idee des Sühnetodes nichts anfangen. Aber sie sagen, dass die Liebe stärker ist, als der Tod und dass es sich lohnt, sich für die Liebe einzusetzen, selbst wenn es etwas kostet.

Das heisst, man kann sehen, wie sich das theologische Verständnis entwickelt?
Ja. Die jungen Leute wollen nicht mehr den Umweg über das ursprüngliche Verständnis der Themen machen. Wenn sich die Kirche in ihrer Sprache nicht ändert, sind wir bald weg vom Fenster. Dann sind wir mit unserem Angebot nicht mehr relevant. Damit meine ich nicht alte Dinge in moderner Sprache zu sagen, sondern die Inhalte neu zu denken und dann authentisch zu formulieren.

Es geht also um «Übersetzertätigkeit». Was ist Ihnen, abschliessend, am wichtigsten am Sinnsucher-Projekt?
Dass wir die Menschen in ihrer Religionshoheit akzeptieren. Dass wir anerkennen, dass jeder Mensch Subjekt seines Glauben ist und damit die Deutungshoheit und Deutungsfähigkeit über seinen Glauben hat. Wir als Kirche müssen das religiöse Suchen in die Hände der Menschen geben. Dafür haben wir als Organisation die Aufgabe, Gelegenheiten für diese gemeinsame Übersetzungsarbeit zu schaffen und zwar frei von Sanktionen und Vorgaben. Die Aufgabe der Kirche für die Zukunft ist, Möglichkeiten zu schaffen, in denen sich das Evangelium ereignen und entdeckt werden kann.

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