Spitalseelsorge unter besonderen Voraussetzungen: Jürgen Heinze, katholischer Seelsorger am Kantonsspital Baden KSB mit Schutzmaske. | © Roger Wehrli

Spitalseelsorge: «Wir machen keine Corona-Seelsorge»

Andreas C. Müller, 14.4.20
  • Etwa 70 Personen befinden sich aktuell mit einer Covid-19-Erkrankung in einem Aargauer Spital. Davon werden etwa 20 auf der Intensivstation künstlich beatmet. Mehr als 20 Personen sind bisher im Aargau an den Folgen der Infektion gestorben.
  • Die Spitalseelsorger betreuen sowohl Personal und Betroffene als auch Angehörige – und sehen sich teilweise selbst unmittelbar von der Krankheit bedroht.
  • Die Corona-Pandemie verändert den Alltag der Spitalseelsorge, insbesondere durch die strengen Restriktionen in Spitälern, Alters- und Pflegeheimen.

 

Stefan Hertrampf ist Seelsorger am Kantonalspital Aarau KSA. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat er eine erhöhte Aufmerksamkeit und Anspannung beim Spitalpersonal festgestellt: «Es wird viel vorbereitet, um Kapazitäten für Covid-Erkrankte zu schaffen. Immer wieder wurden die Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen angepasst. Das geht nicht spurlos am Personal vorüber, das sich im Umgang mit Corona-Patienten auch einem direkten Ansteckungsrisiko aussetzt».

Die Seelsorgenden sind die einzigen «Besucher»

Hektisch sei es gleichwohl nie, beteuert Stefan Hertrampf, aber er merke, dass in jüngster Zeit vermehrt die Gelegenheit wahrgenommen werde, sich mit ihm als Spitalseelsorger zu unterhalten, wenn er auf dem Gang unterwegs sei. «Die Angestellten wissen nicht, was auf sie zukommt, wie es werden wird. Die Bilder aus Italien und Spanien sind nicht unbeachtet geblieben».

Für die Patienten ist die Situation ebenfalls anspruchsvoll. Auch jene, die nicht wegen einer Covid-19-Erkrankung im Spital liegen, dürfen keinen Besuch mehr empfangen. «Das ist schon einschneidend. Wir als Seelsorgende gehören zu den wenigen Menschen, die noch für ein Gespräch zu den Patienten dürfen. Aber auch wir müssen eine Gesichtsmaske tragen. Alle Mitarbeiter sowie alle Patienten, die Symptome von Atemwegserkrankungen zeigen, müssen das. Und das hat schon eine befremdende Wirkung. Gerade Personen, die länger im Spital bleiben müssen, wollen doch wieder einmal das Gesicht eines Mitmenschen sehen».

Aus Sicherheitsgründen ins Home Office versetzt

Ende vergangene Woche musste sich Stefan Hertrampf aus dem Dienst an der Front zurückziehen. Sein Arzt legte ihm nahe, dass er aufgrund seiner medizinischen Vorgeschichte ebenfalls zur Risikogruppe gehöre. Seither arbeitet der Seelsorger nicht mehr im Spital, sondern von zuhause aus. Kein Einzelfall, wie Hans Niggeli, Leiter ökumenische Spitalseelsorge im Kanton Aargau, gegenüber Horizonte bestätigt.

Von den gut 30 Angestellten in über 20 Institutionen hätten schon einige ihre Arbeit nach Hause verlegen müssen. In solchen Fällen sei es wichtig, per Video den Kontakt mit diesen Mitarbeitenden halten zu können und ihnen auch Aufgaben zuzuweisen, die sie von daheim aus erledigen könnten. Dass im Gegenzug die einsatzfähigen Mitarbeitenden gerne bereit sind, vor Ort auszuhelfen, freue ihn sehr, so Hans Niggeli, der einräumt, dass die Arbeit der Spitalseelsorge mit Ausbruch der Corona-Pandemie deutlich komplexer geworden sei.

Zugang zu den Patienten ist stark eingeschränkt

Da sind zum einen die Schutzvorkehrungen und Hygienemassnahmen, die immer strenger werde und je nach Institution unterschiedlich gehandhabt werden. «Gottesdienste dürfen nur noch via Spitalradio übertragen werden, und aufsuchende Seelsorge ist in den Spitälern ebenfalls nicht mehr möglich. Wir dürfen nur noch auf Anfrage kommen – und ohne Mundschutz und Distanz geht gar nichts», erklärt Hans Niggeli. Sich also zu jemandem aufs Bett setzen, auch einmal die Hand ermutigend auf die Schulter legen: Das liegt alles nicht mehr drin. «Und in den Alters- und Pflegeheimen dürften die Seelsorgenden sowieso nur noch im Notfall ins Haus – und dann mit Schutzkleidung».

Andreas Zimmermann arbeitet an der «Pflegi» in Muri, dem regionalen Alters- und Pflegeheim: «Noch bis vor Kurzem war ich in der Institution gut präsent, konnte sogar regelmässig noch kurze Andachten feiern. Dann sind die Einschränkungen innert kürzester Zeit immer enger geworden: Distanzvorschriften, keine Gottesdienste mehr. Die Bewohnerinnen und Bewohner dürfe er zudem nicht mehr zu «normalen Besuchen» aufsuchen, erklärt Andreas Zimmermann gegenüber Horizonte. Nur noch in existentiellen Krisensituationen» und nach Absprache mit der Heimleitung. Andreas Zimmermann betont aber: «Ich hatte stets das Gefühl, dass Einschränkungen aufgrund der Anweisungen des Kantons erfolgen, und nicht, weil das Haus nicht mehr wollte.»

Seelsorge via Telefon in den Alters- und Pflegeheimen

Er versuche, mit den Leuten telefonisch im Kontakt zu bleiben, erklärt Andreas Zimmermann. Er habe ja Verständnis für die Massnahmen, denn jede und jeder, der von Aussen komme, bedeute ein Risiko. «Aber für die Menschen, die keinen Besuch mehr bekommen, ist es schon hart. Auch, dass keine Gottesdienste mehr stattfinden. Unter den älteren Menschen ist dieses Angebot nach wie vor sehr beliebt.»

Die Reaktionen auf die Telefonseelsorge seien unterschiedlich, so Andreas Zimmermann. «Die meisten freuen sich sehr, wenn sie angerufen werden und wollen gar nicht mehr aufhören zu reden. Die Menschen beschäftigt die aktuelle Situation sehr, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Einige wenige haben aber auch Mühe mit der Situation eines Telefonats, was nicht zuletzt mit den physischen Voraussetzungen zu tun hat», erklärt Andreas Zimmermann. Wenn beispielsweise das Gehör nur noch schlecht funktioniere oder die Motorik mit dem Halten eines Apparats überfordert sei.

Not macht auch die Seelsorgenden erfinderisch

«In der aktuellen Krise ist viel Kreativität gefordert», weiss Hans Niggeli. Bereits würden verschiedene Ideen umgesetzt: Gottesdienstübertragungen, Flyer mit Aufforderungen zu verbindenden Gebeten, Kontakt halten übers Telefon, spezielle Hotlines fürs Personal und Anderes. Da gehe enorm viel, freut sich Hans Niggeli. Der Leiter ökumenische Spitalseelsorge im Aargau weiss aber auch, dass die aktuelle Situation für das Team eine hohe Belastung darstellt. «Manche haben mehr Angst als andere. Das sorgt schon für Anspannung».

Und dann die Handhabe mit der Schutzbekleidung: Auf normalen Stationen werde Berufsbekleidung getragen, die nach dem Ende jeder Schicht in die Wäscherei abgegeben werden muss. Auf den Intensiv- und Isolierstationen muss umfassende Schutzbekleidung getragen werden.

«Die Angehörigen dürfen am Ende nicht dabei sein»

Wie am Kantonsspital Aarau hat man auch am Kantonsspital Baden Covid-19-Patienten. Ein mehrköpfiges Spitalseelsorgeteam betreut auch diese Personen. «Die Auswirkungen der erlassenen Schutzmassnahmen sind deutlich zu spüren», erklärt der katholische Seelsorger Jürgen Heinze. «Das Besuchsverbot, die Schliessung der Caféteria, die Hygienemassnahmen: Das ist für manche Patientinnen und Patienten nicht leicht.» Spitalseelsorger Edwin Rutz wurde unlängst auf die Intensivstation gerufen: «Das war ein sterbender Patient an einem Beatmungsgerät». Die Angehörigen hatten um die Krankensegnung gebeten.

Edwin Rutz kennt diese Situationen. «Das ist in unserem Beruf nichts Ungewöhnliches. Wir kommen oft zum Einsatz, wenn es zu Ende geht. Insofern machen wir keine spezielle Corona-Seelsorge. Wir machen, was wir immer tun. Aussergewöhlich ist nur, dass in solchen Momenten jetzt keine Angehörigen mehr bei mir sind».

Ein Viertel der Hospitalisierten auf Intensivstation

Eine Situation, die Edwin Rutz und seine Kollegen in nächster Zeit wohl noch öfter haben werden. Bricht man die Zahlen herunter, so landet im interkantonalen Vergleich etwa ein Sechstel aller Covid-19-Erkrankten im Spital. Etwa ein Viertel der Hospitalisierten muss auf die Intensivstation. Diese wiederum haben ein sehr hohes Risiko, zu sterben.

 

 

 

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