Seit 2016 gibt es das Netzwerk Psy4Asyl. Es bildete sich aus Psychologinnen und Psychologen und fokussiert auf die Traumabewältigung für Menschen mit Fluchthintergrund. Der grösste Teil der Arbeit wird freiwillig und unbezahlt geleistet und zielt auch darauf ab, medizinische Folgekosten zu senken, so Sara Michalik-Imfeld. | © Werner Rolli

Traumatherapie als Chance – Das Netzwerk Psy4Asyl

Anne Burgmer, 7.6.18
  • Seit 2016 engagiert sich das Neztwerk aus Psychologinnen und Psychologen meist unentgeldlich in der therapeutischen Begleitung von Menschen mit Fluchterlebnissen.
  • Im Gespräch mit Horizonte erklärt Sara Michalik-Imfeld, wie das Netzwerk durch seine Arbeit zur Reduktion von medizinischen Folgekosten beitragen kann

 

In Aarau, in der Nähe des Rathauses, oben im Dachgeschoss eines der hübschen alten Stadthäuser, hat Sara Michalik-Imfeld ihre Praxis. In einem der Räume stehen viele Holztiere auf einem Regal, welches vollgestopft ist mit Spielsachen. Es gibt einen hochgebockten Sandkasten und allerlei Kisten mit weiterem Spielzeug. Sara Michalik-Imfeld ist Fachpsychologin für Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychologin.

Reaktion auf Therapienotstand

Die 43-Jährige begleitet therapeutisch Menschen jeden Alters mit Fluchthintergrund aus Syrien, Afghanistan und Eritrea: Diese Menschen erzählen von Erlebnissen, die niemand selber erleben möchte. «Es sind schreckliche Geschichten, die wir im Netzwerk Psy4Asyl hören. Weil wir gesehen haben, wie unzureichend die therapeutische Versorgung im Asylbereich, grade bei den UMAs, den unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern war, haben wir – das sind einige Kolleginnen und Kollegen aus dem Verband der Aargauer Psychologinnen und Psychologen – im März 2016 dieses Netzwerk gründet», erzählt Sara Michalik-Imfeld. Jetzt im Juni 2018 seien es knapp 30 Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen, die sich bei Psy4Asyl engagieren. Unentgeltlich.

Das Trauma erkennen

Viele der Menschen, die das Netzwerk begleitet, seien schwer traumatisiert und bräuchten Einzeltherapie, erzählt Sara Michalik-Imfeld. Manchmal seien es aber bereits kleien Dinge, die die traumatisierten Menschen entlasten. «Jemand, der ihnen zuhört und ihnen erklärt, dass es ganz normal ist, nach einem schlimmen Erlebnis schlecht zu schlafen und sich nicht konzentrieren zu können. Wir zeigen, was hilft sich zu beruhigen, von den schlimmen Erinnerungen abzulenken und sich zu entsprannen», präzisiert Sara Michalik-Imfeld. Also malt die Therapeutin einen Menschen und erklärt, wie Denken, Körperreaktion und Verhalten zusammenwirken. Mit einfachen Symbolen könne dann gezeigt werden wo etwas schmerzt oder warum schlimme Erinnerungen im Kopf kreisen. Eine einfache Methode, denn sie kommt mit wenig gesprochenem Wort aus und Kopfweh oder Schmerzen im Bauch kennen keine Nationalitätsunterschiede.

Chance zur Kostenreduktion

Eine grosse Problematik sei, so die Psychologin, dass die körperlichen Symptome oft nicht dem traumatischen Erlebnis, einer Vergewaltigung oder einer Kriegserfahrung zugeordnet würden. Deshalb würden die Menschen erstmal zum Arzt geschickt oder gingen selbst auf den Notfall, wenn die Schmerzen nicht aufhörten. «Das ist natürlich verständlich, aber man kann die Psyche und den Körper nicht losgelöst voneinander betrachten. Auf lange Sicht könnten medizinische Kosten und weitere Folgekosten reduziert werden, wenn eine Fachstelle bei den Flüchtlingen eine Abklärung macht und so einordnen kann, wie es der Person geht und ob ein erlebtes Trauma für das körperliche Unwohlsein verantwortlich ist», zeigt sich Sara Michalik-Imfeld überzeugt. Aufklärung über Traumata und ihre Folgen ist also ein wichtiger Bereich neben der Einzel- und Gruppentherapie mit den Geflüchteten, denn anders als in Bern, Zürich oder Winterthur gibt es im Aargau keine ausgewiesene Fachstelle mit Kompetenz für Kriegs- und Folteropfer. Das Netzwerk Psy4Asyl hat sich mit seiner Arbeit derweil aber über die Kantonsgrenzen hinweg einen Namen gemacht. «Mit unserer Gründung 2016 waren wir sehr früh mit unserem Angbeot für traumatisierte Flüchtlinge. Entsprechend gross ist mittlerweile unsere Erfahrung und das Interesse an dieser Erfahrung», erklärt Sara Michalik-Imfeld.

Finanziert dank Spenden

Im Aargau besteht derweil ein guter Kontakt mit den Psychiatrischen Diensten Aargau und es bieten auch Praxisgemeinschaften Zeit und Ressourcen an. Zu der direkten therapeutischen Arbeit und Unterstützung von Freiwilligen, sowie der Aufklärungsarbeit gesellt sich immer mehr bürokratische Arbeit, denn es steht immer wieder die Frage nach der Finanzierung im Raum. «Ich versuche Stiftungen davon zu überzeugen, das Netzwerk zu unterstützen. Ein grosses Problem sind die Dolmetscherkosten, denn für eine therapeutische Arbeit ist eine gute Verständigung sehr zentral. Notwendig wäre eigentlich, dass es ein kantonal finanziertes Abklärungs- und Therapieangebot geben würde. Doch dafür bräuchte es einen politischen Entscheid», sagt Sara Michalik-Imfeld und fährt fort: «Bis Ende 2018 können wir Dank Lotteriefondsgeldern und Spenden wenigstens die Dolmetscher bezahlen, doch ich selber arbeite sicher 20 Prozent ehrenamtlich für das Netzwerk und auch andere Kolleginnen und Kollegen arbeiten ohne Bezahlung. Zusätzlich zur normalen Arbeit. Wie es nach 2018 weitergeht ist noch unklar».

Später wird sie es noch genau ausrechnen: über 700 Arbeitsstunden im Wert von zirka 100‘000 Franken wurden im Jahr 2017 geleistet. Würde jeder Einwohner des Kantons Aargau 15 Rappen für eine Traumaopfer-Fachstelle spenden, wäre diese für ein Jahr finanziert. Die Energie das alles bei unsicherer Finanzierung zu stemmen, nährt sich bei Sara Michalik-Imfeld aus der Überzeugung, dass Menschen mit Traumafolgeströrungen geholfen werden kann und muss. Nur so könne deren Integration gelingen und Folgekosten vermieden werden. Und es kann gelingen: Sara Michalik-Imfeld erzählt neben schlimmen Geschichten auch von jungen Flüchtlingen, die nach ihrer Therapie stabil sind und Lehr und Arbeitsstellen antreten konnten.

Mehr Informationen über das Netzwerk Psy4Asyl.

 

Veranstaltungshinweis: Kantonaler Anlass in Brugg

Am Samstag, 16 Juni 2018, wird in Brugg der zentrale Anlass zum Kantonalen Flüchtlingstag im Aargau durchgeführt. Ab 10 Uhr wird an verschiedenen Orten, am Neumarkt, am Platz vor der Neuen Aargauer Kantonalbank, dem Eisipark und später im Vindonissa-Museum ein buntes Programm präsentiert. Dabei ist von Musik, über eine moderierte Interviewreihe, eine Velo-Werkstatt und einen Stadtrundgang aus der Aktion «Unten durch» für viele Interessierte etwas dabei. Ein gemeinsamer ökumenischer Gottesdienst in der katholischen Kirche St. Nikolaus beschliesst um 18 Uhr den Tag. Über die Homepage zum Flüchtlingstag Aargau finden Sie nicht nur das ausführliche Programm in Brugg, sondern auch weitere Anlässe in anderen Orten.

www.fluechtlingstage-aargau.ch

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Einmal im Jahr wird im Kanton der Flüchtlingstag begangen. Der zentrale Anlass ist 2018 in Brugg. Mehr Informationen finden Sie am Ende des Beitrags. | © screenshot
Kantonaler Anlass in Brugg
2017 fand der kantonale Anlass in Zofingen statt. | © Marie-Christine Andres
Gute Laune am Anlass 2017
 
Anne Burgmer

Wer bestimmt den Wert des Menschen?

Flüchtlinge sind ein Reizthema, auch wenn die Statistiken des Staatssekretariats für Migration SEM seit Monaten rückläufige Zahlen zeigen. Deswegen ist mir ein Satz, den Sara Michalik-Imfeld beim Gespräch sagte, hängen geblieben. Sinngemäss formulierte sie, dass es für Menschen oft einfacher sei zu akzeptieren, dass ein Manager mit Burnout therapeutisch begleitet werden müsse, als dass ein Mensch mit Fluchterfahrung Therapie braucht. Die Frage hinter dieser Beobachtung ist: Wer ist es wert, dass er therapeutische Hilfe bekommt?

Es geht mir nicht darum, psychische Beeinträchtigungen gegeneinander auszuspielen oder zu fragen, wer mehr leidet. Manager oder Mütter mit Zusammenbruch und Burnout, Opfer von schweren Verkehrsunfällen, Menschen mit verstörenden Kriegs- und Fluchterlebnissen – sie alle leiden unter den Traumata, die durch das Erlebte ausgelöst werden. So wie alle Menschen bei einer Schnittwunde rot bluten, «funktioniert» auch das Zusammenspiel von Psyche, Seele und Körper meistens bei allen Menschen gleich. Nimmt das eine Schaden, leidet der Rest.

Einem Mit-Menschen geht es schlecht – genau diese Überlegung sollte als allererstes handlungsbestimmend sein, unabhängig von der Frage seiner Tätigkeit oder der Frage ob er oder sie «von hier ist» oder nicht.

Natürlich ist das ein naiver Wunsch. Doch die Tendenz in der Gesellschaft, den Wert eines Menschen an Kriterien wie seinem Nutzen, seiner Herkunft oder seine Gesundheit zu koppeln, ärgert mich. Denn wer legt den Wert eines Menschen fest? Ein anderer Mensch, eine Gruppe von Menschen, eine Versicherung? Und was passiert dann mit all denen, die diesen Ansprüchen nicht genügen? Jedes Nachdenken führt zu dem Schluss: Mit dem christlichen Glauben oder den Menschenrechten lässt sich das jedenfalls nicht vereinbaren.

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