Häufige Worte, die im Kontext mit Jenseitsvorstellungen fallen, sind: Licht, Helligkeit, Wärme. Horizonte hat sich auf Spurensuche begeben. | © Anne Burgmer

Was glauben wir über das Leben nach dem Tod?

Anne Burgmer, 17.10.19
  • In zwei Wochen feiern wir Allerheiligen und gedenken unserer Toten. Welche Vorstellungen aber machen wir Lebenden uns vom Dasein nach dem Tod? Gibt es ein Jenseits und wie sieht es aus? Horizonte begab sich auf Spurensuche.
  • Es zeigt sich: Die Vorstellungen vom Jenseits sind ebenso zahlreich wie individuell. Laut statistischer Erhebung glauben zudem mehr Frauen als Männer an ein Leben nach dem Tod und längst nicht alle Angehörigen religiöser Gemeinschaften.

 

«Ich habe noch nie jemanden erlebt, der nicht die Vorstellung von einem «erlebbaren Danach» hatte», so Dieter Hermann, Geschäftsführer des Hospiz Aargau. Etwa 400 Menschen hat er in Brugg für die letzten Tage des Lebens im Hospiz stationär ein schützendes Obdach gegeben. Mit vielen hatte er persönlichen Kontakt, hat sie begleiten und mit ihnen ins Gespräch kommen dürfen.

Steter Wandel der Jenseitsvorstellungen

Die Vorstellung von einem «Danach» nach dem Tod lässt sich bereits früh im Kontext der Bestattungskultur mindestens indirekt ablesen, wenn den Verstorbenen Waffen, Lebensmittel und Schmuck für den Weg, die Reise oder eben das «Danach» mitgegeben wurden.

Die Vorstellung eines «Danach» veränderte sich in verschiedenen Kulturen und geschichtlichen Epochen. Auch zur Frage, ob nur die Seele oder auch der Körper in das Jenseits übertritt, gab es verschiedene Vorstellungen. Oft wurde der Übergang in das «Danach» mit Gerichtsvorstellungen verbunden: War das Leben eines Verstorbenen nach den Massstäben der jeweiligen Überzeugung gut, durfte er in einen paradiesischen Ort eintreten. Die Alternative waren Orte des Leidens oder eine Art Dämmerexistenz und Warten.

Vorfreude und Neugier auf das Leben danach

Wird heute vom Jenseits gesprochen, meint man damit das Gegenteil von Diesseits. Der Begriff Diesseits umfasst die irdische Welt. Alles, was wissenschaftlich mess- und erfassbar ist. Jenseits, dieser Begriff bezieht sich auf meist religiöse Vorstellungen eines transzendenten Bereiches jenseits der sichtbaren, diesseitigen Welt, in den die Verstorbenen eingehen. Wie dieser transzendente Bereich zu verstehen ist, unterscheidet sich in den verschiedenen Religionen und Überzeugungen.

Mit Blick auf die Menschen, die er im Hospiz stationär in Brugg begleiten durfte, erläutert Dieter Herman: «Für alle ging es weiter und für alle war die Zukunft positiv! Und was ganz spannend ist: Viele Menschen, wenn sie abgeschlossen haben, warten final auf den Todesmoment und werden oftmals vorfreudig und sind neugierig ob dem, was da kommen wird.» Die Jenseitsbilder, welche die Menschen äusserten, seien unterschiedlich, so Dieter Herman. Ganz häufig höre er aber von Blumenwiesen, von Sonnenschein, von wartenden Angehörigen und Freunden, welche früher verstorben sind.

Reformierte glauben eher nicht an ein Leben nach dem Tod

Die Zahlen der 2014 durchgeführten Erhebung zu Sprache, Religion und Kultur (ESRK) des Bundesamtes für Statistik (BfS), an der 16 500 Männer und Frauen ab 15 Jahren teilnahmen, macht deutlich: An ein Leben nach dem Tod glauben mit Sicherheit oder wahrscheinlich nur etwas über 40 Prozent der befragten Männer und nur wenig über 50 Prozent der Frauen. In einer Auswertung der Zahlen mit Blick auf die Konfessionen und Religionen durch das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut St. Gallen (SPI) heisst es: «Der Glaube an ein Leben nach dem Tod findet unter allen Konfessionen und Religionen eine grosse Zustimmung. Die Mehrheit aller befragten Personen glaubt «eher oder sicher» an ein Leben nach dem Tod. Einzig bei den Mitgliedern der protestantischen Kirche (47 Prozent) und bei den Konfessionslosen (29 Prozent) sind die Menschen mit Glauben an ein Jenseits in der Minderheit. Der grösste Anteil an Personen, die sicher oder eher an ein Leben nach dem Tod glauben, findet sich mit 82 Prozent bei den Mitgliedern evangelikaler Gemeinschaften und mit 67 Prozent bei den Mitgliedern muslimischer Gemeinschaften».

Das neutestamtliche Zeugnis sieht in Jesus Christus die jüdischen Vorstellungen vom Paradies erfüllt. Der Himmel ist der Ort des Heils für die Auserwählten. Das heisst: für diejenigen, die zum Glauben an Christus gefunden haben. Direkt nach dem Tod, so die Vorstellung, gelangt der Mensch dorthin oder – so er gottlos ist – in die Hölle zur ewigen Verdammnis. Beim Endgericht schliesslich vergehen Himmel und Erde und die Schöpfung wird neu.

«Im Himmel wird alles gut»

Im Katechismus der Römisch-Katholischen Kirche werden zu den Themen Tod, Gericht und Auferstehung die offiziellen Positionen mit biblischen Versen, Kirchenväterworten und Passagen aus den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils beschrieben. Dort heisst es mit Blick auf die christliche Jenseitsvorstellung: «Im Himmel leben heisst «mit Christus sein». Die Auserwählten leben «in ihm», behalten oder besser gesagt, finden dabei ihre wahre Identität, ihren eigenen Namen». Im christlichen Glauben ist der Himmel der Ort, in dem dann alles umfassend gut ist. Ein Mysterium, das jedoch – so der Katechismus – über jedes Verständnis und jede Vorstellung hinausgehe.

So überrascht es nicht, dass die Vorstellungen, die sich Menschen vom Jenseits machen, zahlreich und individuell sind. Manchmal sind es Bilder, manchmal auch einfach abstrakte, offene Begriffe. So erzählt eine junge Frau, dass für sie ein Gang in die Berge zu ihrem Bild für das Jenseits führte: Aus den nebeligen Tälern hoch zur Sonne. Ein Mann beschreibt, dass sein Bild hell ist und Wärme ausstrahlt. Eine weitere Aussage: «Ich glaube, dass nach dem Tod das Leben aufgehoben ist. Im doppelten Wortsinn: aufgelöst, nicht mehr relevant – aber sorgfältig aufbewahrt in dem, was wir Gott nennen.»

Emanzipation von althergebrachten Bildern

Dieter Herman beschreibt sich auf Nachfragen als Suchenden, den seine Erfahrungen mit den Menschen im Hospiz zu einem positiven Optimismus beim Nachdenken über das «Danach» führten: «Meine Vorstellungen und Bilder sind mit der Zeit intensiver geworden – dies allerdings eher in einer emotionalen, empfindenden Art. Ich bin nach wie vor der Suchende, welcher es begreifen möchte. Meine Spiritualität lässt vieles zu und ich bin mit mir in vielem noch nicht einig mit mir in meiner Vorstellung.»

Gerade weil das Mysterium des Todes und der Auferstehung auch für glaubende Menschen über jedes Verständnis und jede Vorstellung hinausgeht oder mit traumatisierenden Folgen lange Zeit zur Erziehung missbraucht wurde, emanzipieren sich die Menschen zunehmend von den überlieferten Bildern. Die Hölle, das Gericht oder die leibliche Auferstehung von den Toten werden kaum direkt thematisiert.

«Ein Leben wie dieses gibt es nur im Diesseits»

Claudia Mennen ist Theologin und sagt unumwunden, sie glaube nicht an ein Jenseits: «Ich glaube an Gott als das Geheimnis des Lebens – ich glaube (relativ bildlos) an Gott als mein Diesseits und mein Jenseits. Deshalb habe ich eine Heimat, falle nicht ins Leere und bleibe in Beziehung. Ich bin radikal diesseitig geworden. Ich gebe Gott im Diesseits bereits einen Platz in meinem Leben und das wird auch in meinem Sterben so sein. Und was nach meinem Sterben kommt, ist mir egal! Ich hoffe nur für alle Menschen, denen Gewalt und Ungerechtigkeit angetan wurde im Diesseits, dass ihre Tränen getrocknet werden im Jenseits».

Ob ihr Leben anders sei ohne Jenseitsvorstellung? «Ohne das Vertrauen in Gott als mein Jenseits, verändert sich mein Diesseits sehr. Die Hoffnung auf Gott entlastet das Hier und Jetzt davon, dass alle Wünsche und Träume aufgehen müssen. Zugleich bin ich davon überzeugt, dass es ein Leben, so wie dieses, nur im Diesseits gibt», so Claudia Mennen.

«Ohne Jenseits ist die irdische Endlichkeit bedrückend»

Dieter Herman dagegen bricht eine Lanze für die Vorstellungen von einem «Danach»: «Ohne Jenseitsvorstellung wäre die irdische Endlichkeit bedrückend und der Tod hätte ein anderes Gesicht». Auch ein anderer katholischer Gesprächspartner meint: «Dem Leben ohne Jenseitsvorstellung würde die Dimension der Ewigkeit fehlen. Das Leben wäre ein Abrollen der Zeit.»

 

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