Immer wieder kommt es vor, dass Leute beim Pfarramt anklopfen und einen religiösen Gegenstand abgeben wollen. Im Umgang mit den ausrangierten Devotionalien sind seelsorgerliches Feingefühl und kreative Aufbewahrungsideen gefragt. | © Marie-Christine Andres

Wegwerfen ist die letzte Option

Häufig finden ausrangierte religiöse Gegenstände den Weg aufs Pfarramt

Marie-Christine Andres Schürch, 20.4.17

Immer wieder kommt es vor, dass Leute beim Pfarramt anklopfen und einen religiösen Gegenstand abgeben wollen. Im Umgang mit ausrangierten Devotionalien sind seelsorgerliches Feingefühl und kreative Aufbewahrungsideen gefragt.

Eine Notiz der Pfarrei Birmenstorf in «Horizonte» weckte die Neugier der Redaktion. Unter der Überschrift «Devotionalien» stand da: «In letzter Zeit wurden in der Kirche diverse Gegenstände, die eine religiöse Bedeutung haben, deponiert. Wir bitten Sie, Devotionalien nur nach Absprache mit unserem Pfarrer zu hinterlegen. Dann kann auch der passende Ort zum Hinstellen gefunden werden.»

Das Kruzifix des Grossvaters

Das Lateinische Wort «Devotio» bedeutet auf Deutsch «Hingabe» oder «Ehrfurcht». Devotionalien sind Gegenstände, die der Andacht dienen sollen, man könnte auch sagen: Hilfsmittel zum Gebet. Dazu gehören zum Beispiel Kruzifixe, Rosenkränze, Heiligenbilder und –statuen oder Medaillen. In der Birmenstorfer Kirche waren in den vergangenen Wochen eine Statue von Bruder Klaus, ein Kreuz und eine Jesuskindfigur aufgetaucht, wie Pfarradministrator Celestine Thazhuppil erzählt. Er vermutet: «Die Menschen haben Angst, diese Dinge wegzuwerfen und bringen sie deshalb in die Kirche.» Wie die Recherche von Horizonte zeigt, kennen auch andere Aargauer Pfarreien dieses Phänomen. Alle befragten Pfarreisekretärinnen, Sakristane und Seelsorger haben entsprechende Erfahrungen gemacht. Besonders häufig scheint es vorzukommen, dass Pfarreiangehörige, die das Haus von verstorbenen Verwandten räumen, beim Pfarramt anklopfen und religiöse Gegenstände vorbeibringen. Ab und zu passiert es auch, dass Dinge – wie in Birmenstorf – kommentarlos in der Kirche deponiert werden. Dem Bistum ist das Anliegen bestens bekannt. Urs Brunner, Pastoralverantwortlicher im Bischofsvikariat Pastoral und Bildung, sagt: «Es kommt vor, dass Gläubige sich direkt an den Bischof wenden, um Devotionalien abzugeben.» Es sei nicht primär Angst, welche die Leute am profanen Entsorgen religiöser Gegenstände hindere, sondern ein Gefühl von Ehrfurcht und Pietät. Er erinnert sich an Fälle aus seiner eigenen Zeit als Seelsorger und macht ein Beispiel: «Ein Kruzifix, das der Grossvater zeitlebens über seinem Bett hängen hatte, wirft die Enkelin nicht einfach weg.»

Bistum: «Seelsorgende müssen Feingefühl beweisen»

Wegwerfen ist also keine Option. Weder für diejenigen, welche Dinge loswerden möchten, noch für die Seelsorgenden, welche sie entgegennehmen. Aber wohin mit all den Kreuzen, Bildern und Figuren? Von Seiten des Bistums gibt es keine offizielle Regelung, wie mit ausgedienten Devotionalien zu verfahren ist. Es legt diese Verantwortung in die Kompetenz der Seelsorgenden vor Ort. Der Pastoralverantwortliche Urs Brunner plädiert dabei für gesunden Menschenverstand und seelsorgerliches Feingefühl. Obwohl klar sei, dass – gut biblisch ausgedrückt – alles seine Zeit habe und alles irgendwann entsorgt werden müsse, wäre es fatal, jemandem zu sagen ‚Wirf doch den alten Kram weg’. «Der Seelsorger nimmt die Dinge entgegen und hilft im Idealfall mit einem guten Wort beim Abschiednehmen.» Es sei ein Dienst am Nächsten, jemandem einen solchen Gegenstand abzunehmen und nach bestem Wissen und Gewissen damit zu verfahren.

Versteckt in den Mauerritzen

Diesen Dienst erfüllt auch Schwester Ursula Niecholat. Als Sakristanin in der Pfarrei St. Verena in Bad Zurzach findet sie immer wieder kleine Zeichen des Glaubens in ihrer Kirche. So zum Beispiel Heiligenbildchen, Plaketten, Anhänger oder auch mal einen Rosenkranz. Die Devotionalien wirft sie nicht weg, sondern gibt ihnen einen ganz besonderen Platz im Münster. Im Verbindungsgang zwischen Kirche und Krypta liegt eine Besenkammer mit altem Gemäuer. In die Mauerritzen steckt Schwester Ursula die Bildchen und Anhänger. Für die Ordensschwester steckt in dieser Handlung auch eine Symbolik: Der persönliche Glaube der Pfarreiangehörigen trägt als Fundament die Kirche. Und sie ist offenbar nicht allein, wie eine Anekdote zeigt: «Als bei uns im Kloster der alte Lift wegmusste, kamen in der Mauer Statuen zum Vorschein, die frühere Schwestern dort deponiert hatten.», erzählt die Sakristanin.

Eine Ladung Rosenkränze im Osterfeuer

Doch längst nicht alle Dinge, die auf dem Pfarramt abgegeben werden, passen in Mauerritzen. Davon zeugt die Sammlung von Hauswart Sacha Rebetez. Im Keller des Pfarreiheims bewahrt er auf, was Gläubige nicht wegwerfen wollten. Für Horizonte nimmt er sorgfältig einige der Kreuze und Statuen hervor. Darunter eine Art Schrein, gut einen halben Meter hoch und einen Meter lang. Eine Ladung Rosenkränze habe man letztes Jahr dem Osterfeuer übergeben, bemerkt Sacha Rebetez. Denn behalten könne man beim besten Willen nicht alles. Das sagt nicht nur der Hauswart der Pfarrei St. Verena, sondern Seelsorgende quer durch den Kanton. Dabei handeln alle nach ihrem Gewissen und ihren Möglichkeiten. Der Birmenstorfer Pfarrer Celestine Thazhuppil versucht zum Beispiel, die Gegenstände weiter zu vermitteln an Leute, die Freude daran haben. Ab und zu entsorge man halt doch etwas, geben einige zu.

Devotionalienhandel im Abwärtstrend

Bad Zurzach mit dem Grab der Heiligen Verena ist auch Wallfahrtsort. Da wäre es naheliegend, dass dort nicht nur ausgediente Devotionalien abgegeben, sondern auch neue gekauft werden. Denn traditionell sind Wallfahrtsorte Zentren des Devotionalienhandels. Doch das einzige, was die Pfarrei regelmässig verkaufe, seien die Wallfahrtskerzen, erzählt Schwester Ursula. Es gebe Einzelpersonen, die nach einem Andenken an die Heilige Verena fragten, doch eine grosse Nachfrage nach Devotionalien stelle sie nicht fest. Eine rückläufige Tendenz im Geschäft mit sakralen Gegenständen macht auch Ursula Brändli aus. Die Bad Zurzacherin weiss, wovon sie spricht. Zusammen mit ihrem Mann und einem Team von fünf Teilzeit-Verkäuferinnen betreibt sie die Firma «Ars pro deo Rickenbach AG» und den dazugehörigen Laden am Klosterplatz in Einsiedeln. Das Spezialgeschäft für christliche Kunst, sakrale Kultgegenstände und Devotionalien wurde 1910 gegründet und existiert seit über hundert Jahren. Im Jahr 2002 übernahm das Ehepaar Güntensperger Brändli zusammen mit einem weiteren Partner die Mehrheit am Familienunternehmen, um den Traditionsbetrieb und die Arbeitsplätze zu retten. Dazu gehörten auch grosse Lagerbestände an Ikonen, Kreuzen und Gottesdienstutensilien. «Was wir nach wie vor gut verkaufen, sind Karten, Kerzen, Rosenkränze und Schutzengel in allen Variationen. Aber auch Madonnen, Weihrauch und Grabkerzen sowie Krippen und Krippenfiguren», zählt Ursula Brändli auf. «Beliebt sind auch Andenken und Geschenke an kirchliche Anlässe wie Erstkommunion und Firmung sowie für Hochzeitspaare.» Aber die teils sperrigen Ikonen und geschnitzten Bildnisse im Lager, vielfach Handarbeiten aus dem Südtirol, seien deutlich weniger gefragt als früher. Die hohe Qualität von Ars pro deo hat ihren Preis. Und weil heute sogar die Priester das günstigste Angebot im Internet suchen, kämpft das Geschäft ums Überleben. Trotzdem setzen die Betreiber auf Qualität: «Es gibt viel Ramsch auf dem Devotionalienmarkt. Wir arbeiten aber bewusst nur mit wenigen, langjährigen Lieferanten und setzen auf ein ausgewogenes Sortiment und fundierte Beratung im Laden.», erklärt Ursula Brändli. «Auf dass das Traditionsunternehmen trotz oder gerade wegen des Internetverkaufs auch sein zweites Jahrhundert überlebe!»

Versteckte Wünsche und Mitteilungen

In Birmenstorf hat sich die Person, welche die Gegenstände in der Kirche abgestellt hat, bis heute nicht gemeldet. Aber der Birmenstorfer Pfarrer Celestine Thazhuppil macht sich Gedanken: «Gut möglich, dass mit dem Abstellen der Bruder-Klaus-Statue jemand darauf hinweisen wollte, dass wir das diesjährige 600-Jahr-Jubiläum feiern sollten. Das haben wir nämlich bis jetzt noch nicht getan.» Auch Schwester Ursula Niecholat könnte sich vorstellen, dass hinter gewissen Gegenständen ein Wunsch oder eine versteckte Mitteilung steckt. Das Abbild der Heiligen Familie lag neben dem Fürbittenbuch: «Ich glaube, dass da jemand bewusst ein Zeichen des Glaubens setzen wollte.» Die Heilige Familie übrigens ist nicht in den Mauerritzen der Besenkammer verschwunden. Sie hat bei Schwester Ursula ein neues Zuhause gefunden.

 

Mehr zum traditionsreichen Familienunternehmen: www.arsprodeo.ch

 

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