Was, wenn ein Priester sich verliebt? Das muss nicht heissen, dass die betroffene Person nicht mehr im kirchlichen Dienst tätig sein kann. Die Hürden sind allerdings hoch. Und Schuld daran haben nicht die Bischöfe, sondern der Vatikan. | © kna-bild

Wenn Priester sich verlieben

Sylvia Stam/kath.ch, 23.7.18
  • Letzte Woche gab der Pfarrer von Brigels seine Demission bekannt, weil er sich in eine Frau verliebt habe und die Beziehung öffentlich leben wolle. Ob der Betroffene weiterhin im kirchlichen Dienst tätig sein will, ist derzeit nicht bekannt.
  • Kann ein Priester, der sich für eine Partnerschaft entscheidet, weiterhin für die Kirche tätig sein? Ja, sofern der Vatikan seine Entlassung aus dem Klerikerstand ermöglicht, der Papst ihn von der Zölibatspflicht entbindet und das zuständige Bistum den Betroffenen wieder einstellt.

 

In Zeiten des Priestermangels kommt es für eine betroffene Gemeinde wie Brigels ungelegen, wenn der Priester demissioniert. Und dies nicht, weil er sich etwas hätte zuschulden kommen lassen oder er die Freude an seiner Berufung verloren hätte. Der Grund ist die Liebe. Doch ein solcher Fall muss nicht das Ende der Kirchenkarriere bedeuten. Um weiterhin kirchlich tätig zu sein, müsste er beim zuständigen Bischof einen begründeten Antrag auf Entlassung aus dem Klerikerstand – früher Laisierung genannt – sowie auf Entbindung von der Zölibatspflicht stellen, erklärt Kirchenrechtler Urs Brosi.

Voraussetzung: Entbindung vom Zölibat

Der Bischof hat den Antrag zu prüfen. «Dazu lässt er den bittstellenden Priester sowie Zeugen befragen. Dabei geht es etwa um die Lebensgeschichte, das Motiv der Priesterweihe, die aktuelle Situation, die allfällige Möglichkeit zur Rückkehr zum priesterlichen Dienst und anderes.» Bei Bedarf werde ein fachärztliches oder psychologisches Gutachten eingeholt, so Urs Brosi. «Zentral sind die Fragen nach der Ursache für den ‹Fehlentscheid›, Priester werden zu wollen, sowie die Klarheit, dass der Betroffene nicht mehr zur Wiederaufnahme der priesterlichen Lebensform zu bewegen sei und endgültig aus dem Klerikerstand entlassen werden möchte.»

Der zuständige Bischof leitet den Antrag des Priesters zusammen mit seinen Untersuchungsakten und einer persönlichen Einschätzung des Sachverhalts an die Kleruskongregation in Rom weiter. Ob er die Weiterleitung verweigern kann, gehe aus dem kirchlichen Recht (Codex Iuris Canonici, CIC) nicht hervor, erklärt Urs Brosi.

Mit der Laisierung verliert der Betroffene alle Rechte und Pflichten des Klerikers. Er darf also keine Eucharistie mehr feiern und keine Beichte mehr abnehmen. Der Laisierte muss dem Bischof nicht mehr gehorsam sein, und für den Bischof besteht umgekehrt keine Unterhaltspflicht mehr gegenüber dem Betroffenen.

Päpste liessen Betroffene hängen

Mit der Entlassung aus dem Klerikerstand, die von der Kleruskongregation, einem Organ des Apostolischen Stuhls, gewährt wird, ist der Betroffene laut Urs Brosi jedoch noch nicht vom Zölibat entbunden. Dazu bedürfe es nochmals einer eigenen Entscheidung, die nur der Papst fällen könne.

«Rom entlässt einen Betroffenen eher aus dem Klerikerstand, als dass dieser vom Zölibat entbunden wird», so Urs Brosi. Wegen der Unterhaltspflicht habe die Kirche ein Interesse daran, Zölibatsbrüchige aus dem Klerikerstand zu entlassen. Solange sie jedoch nicht vom Zölibat entbunden seien, sei für die Betroffenen weder eine kirchliche Trauung noch eine erneute Anstellung im kirchlichen Dienst möglich.

Das Antwortschreiben, das so genannte «Reskript», wird «gnadenweise» gewährt, der Betroffene hat also keinen Anspruch darauf. Laut Urs Brosi machen die Päpste damit unterschiedlich rasch vorwärts: Während das Reskript unter Papst Paul VI. in der Regel innert Jahresfrist verfasst worden sei, habe sich Johannes Paul II. insbesondere mit der Entbindung von der Zölibatspflicht «Jahre bis Jahrzehnte» Zeit gelassen (siehe auch rechts).

Unter Benedikt XVI. habe sich an dieser Praxis wenig geändert, nur die Möglichkeiten zur Entlassung von problematischen Priestern aus dem Klerikerstand gegen deren Willen seien erweitert worden. Von Franziskus sei nicht bekannt, dass er die Praxis seiner Vorgänger gelockert habe.

Bistum nicht zur Wiedereinstellung verpflichtet

Wenn der Betroffene aus dem Klerikerstand entlassen und von der Zölibatspflicht entbunden wurde, kann er wieder in einen kirchlichen Dienst aufgenommen werden. «Es besteht für das Bistum jedoch keine Verpflichtung, den Betroffenen wieder einzustellen», sagt Urs Brosi.

Für einen Bischof sei oft relevant, ob der Mann bereit sei, in einer «tieferen Rolle», etwa als Pastoralassistent, tätig zu sein, ohne dies der Kirche zum Vorwurf zu machen und ohne die gesetzten Grenzen zu überschreiten. Ein Indikator dafür sei, wie der Betroffene aus dem kirchlichen Dienst ausgeschieden sei, ob dies beispielsweise auf glaubwürdige und authentische Weise geschehen sei. Aus der Schweiz ist Urs Brosi kein Bistum bekannt, das Ex-Priester grundsätzlich nicht mehr in den kirchlichen Dienst aufnimmt.

Bistum Basel: Einstellung in Führungsfunktion möglich

Im Bistum Basel hätten in den letzten zehn Jahren etwa vier bis fünf Priester ihr Amt wegen einer Partnerschaft niedergelegt, sagt Bistumssprecher Hansruedi Huber gegenüber kath.ch. «Einige von ihnen sind nach dem Laisierungsverfahren in unterschiedlichen Positionen wieder eingestellt worden», etwa als Pastoralraumleiter oder als Pastoralassistent, so Huber. In Funktionen also, in denen sie auch weiterhin Karrieremöglichkeiten hätten. «Wenn jemand einen guten Job gemacht hat, lässt man ihn nicht freiwillig gehen», sagte Huber in der Sendung «10 vor 10» (16. Juli) von Schweizer Fernsehen SRF schmunzelnd.

Bistum St. Gallen: Ex-Priester ist heute Pastoralassistent

Auch im Bistum St. Gallen können Ex-Priester weiterhin in der Kirche tätig sein. Der Bistumssprecherin Sabine Rüthemann sind zwar keine Zahlen bekannt, sie geht aber von einer mit dem Bistum Basel vergleichbaren Situation aus. Ihr sind ehemalige Priester bekannt, die nach Abschluss des Verfahrens wieder in den kirchlichen Dienst aufgenommen wurden, etwa als Pastoralassistenten oder auf Fachstellen des Bistums. Auch unter den beiden Vorgängern von Markus Büchel war dies gemäss Sabine Rüthemann üblich. So ist etwa ein Priester, der 2011 wegen einer Liebesbeziehung demissionierte, heute als Pastoralassistent im Bistum tätig.

 

 

 

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Im Bistum Basel wurden laut Sprecher Hansruedi Huber bereits einige Ex-Priester wieder eingestellt - etwa als Pastoralraumleiter. In Funktionen also, in denen sie auch weiterhin Karrieremöglichkeiten haben. | © Felix Wey
Hansruedi Huber, Bistum Basel
Auch Sabine Rüthemann, der Sprecherin des Bistums St. Gallen, sind ehemalige Priester bekannt, die wieder in den kirchlichen Dienst aufgenommen wurden. | © kath.ch
Sabine Rüthemann, Bistum St. Gallen
Wenn ein Priester sich verliebt hat und gleichwohl weiter im kirchlichen Dienst stehen möchte, müsste er beim zuständigen Bischof einen begründeten Antrag auf Entlassung aus dem Klerikerstand – früher Laisierung genannt – sowie auf Entbindung von der Zölibatspflicht stellen. | © zvg
Kirchenrechtler Urs Brosi

Vatikan: Entbindung vom Zölibat erst mit 40 Jahren

Vom Zölibat entbinden kann nur der Papst. Johannes Paul II verfügte, dass Gesuche um Dispens von der Zölibatspflicht erst behandelt werden, wenn die Priester das 40. Lebensjahr erreicht haben. Eine nach modernem Rechtsverständnis sehr umstrittene Praxis. | © kna-bild

In den 1970er-Jahren stiegt die Zahl der um Entlassung bittenden Priester stark. In Lateinamerika wollten junge Männer aus übergrossem sozialpolitischem Idealismus Priester werden und waren sich der kultisch-liturgischen Dimension des Priesters zu wenig bewusst. Andernorts begehrten sie des sozialen Prestiges wegen nach der Weihe, ohne die Aufgaben eines Priesters wirklich zu lieben. Johannes Paul II. wollte deshalb die Anforderungen bei der Aufnahme in und bei der Entlassung aus dem klerikalen Stand erhöhen.

Ausserdem gab es Fälle von Priestern, die ihren Entlassungsentscheid nach einer ersten Verliebtheitsphase wieder bereuten. Johannes Paul II verfügte deshalb, dass die Gesuche um Dispens von der Zölibatspflicht erst behandelt werden, wenn die Priester das 40. Lebensjahr erreicht haben. So sollte verhindert werden, dass jüngere Priester zu schnell um eine Entlassung bitten und alsbald wieder in den Klerikerstand zurückkehren möchten.

Die von Johannes Paul II. 1980 eingeführten Verfahrensnormen sind gemäss Kirchenrechtler Urs Brosi allerdings nicht unumstritten. Nach einem modernen Rechtsverständnis hat die kirchliche Autorität kein Recht, einen Priester, der nicht mehr als Priester weiterleben möchte, gegen seinen Willen in den priesterlichen Verpflichtungen festzuhalten. Anstelle der Entlassung «aus Gnade» sollte ein Anspruch auf ein transparentes Verfahren innerhalb vertretbarer Fristen bestehen.
Sylvia Stam

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