06.02.2014

Wenn Sport politisch instrumentalisiert wird

Von Horizonte Aargau

Am 7. Februar 2014 ist es soweit. Im russischen Sotschi am Schwarzen Meer werden die XXII. Olympischen Winterspiele eröffnet. Bis zum 23. Februar 2014 messen sich Athleten aus aller Welt in der gesamten Bandbreite wintersportlicher Disziplinen, verfolgen Zuschauer das Geschehen vor Ort oder am Fernsehen. Jenseits des sportlichen Geschehens allerdings wurde bereits im Vorfeld der Spiele umfassende und massive Kritik geäussert. Angefangen bei den Kosten, die mit rund vierzig Millionen Euro jede Dimension sprengen, über Umweltsünden im Rahmen der Baudurchführungen oder der Behandlung der Arbeitskräfte. Weit schwerwiegender allerdings sind Bedenken, die Politiker und Menschenrechtsaktivisten rund um den Globus in Bezug auf die Missachtung von Menschenrechten äusserten.

Auch kurz vor der Eröffnung der Winterspiele ist noch nicht alles fertig. Verschiedene Presseberichte lassen auf teilweise chaotische Zustände bei den Unterkünften und Hotels schliessen. Das Prestigeprojekt von Wladimir Putin, der die Spiele vor sieben Jahren nach Sotschi holte und mit ihnen das grösste Ereignis seit Zusammenbruch der Sowjetunion, hat Flecken. Nicht nur baulicher Natur, auch darüber hinaus. Der Umgang mit Homosexuellen in Russland wird von Menschenrechtlern schon lange angeprangert. Die Tatsache, dass Wladimir Putin im August 2013 ein generelles Demonstrationsverbot für die Zeit der Spiele verhängte, trug ihm International harsche Kritik ein. Mittlerweile dürfen zwar in einer speziell ausgewiesenen Zone angemeldete und streng geprüfte Demonstrationen durchgeführt werden, doch der politische Schaden ist angerichtet. Künstler und Homosexuellen-Organisationen rufen zum Boykott der Spiele auf. Zahlreiche Politiker haben angekündigt, den Spielen fern zu bleiben, darunter der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Francois Hollande oder US-Präsident Barack Obama.

Unterstützung verdient
Im Gegensatz dazu werden gleich drei Politiker aus der Schweiz nach Sotschi reisen. Bundespräsident Didier Burkhalter und die Bundesräte Ueli Maurer und Alain Berset werden sich auf den Weg in den Kaukasus machen. Der Sport dürfe nicht verpolitisiert werden, äusserte sich Ueli Maurer in einem Interview mit dem Sonntagsblick. In eine ähnliche Richtung formuliert Jürg Stahl, SVP Nationalrat und Swiss-Olympic-Exekutivrat in einem Gespräch mit dem Tagesanzeiger. Er sei kein Fürsprecher Russlands, die Demokratie dort habe Nachholbedarf. Doch seien Olympische Spiele für viele Athleten ein einzigartiges Ereignis in ihrem Leben, auf das sie sich jahrelang vorbereiten würden. Das verdiene Unterstützung.

Bekanntes Dilemma
Die Spiele von Sotschi offenbaren damit einmal mehr ein bekanntes Dilemma. Einerseits fordern solche Grossanlässe dazu heraus, auf unhaltbare Missstände aufmerksam zu machen. Die Plattform garantiert ein grosses Publikum. Andererseits ist fraglich, ob der Rücken der Sportler und derjenigen, die sich ehrlich um die Organisation bemühen, der passende Ort dazu ist. Skirennfahrerin Lara Gut, die eine Matura-Arbeit zu Sotschi geschrieben hat, streitet im Interview mit der Sonntagszeitung nicht ab, dass die Themen Homosexualität, Menschenrechte oder Terrorismus wichtig seien. Doch man spürt in ihren Antworten die Sportlersicht, die es auch wünschenswert fände, wenn bei der Vergabe sportlicher Grossanlässe der Sport wieder in den Mittelpunkt gerückt würde.

Die Kirchen schweigen
Von Seiten der Kirchen hierzulande ist es still. Und es mag fragwürdig sein, dass sich kirchliche Vertreter nicht zu den erwähnten Menschenrechtsverletzungen und politischen Umständen äussern. Adrienne Suvada, Kommunikationsbeauftragte des Bistums Basel, gibt auf Anfrage zu bedenken, dass es schwer sei, sich ohne Expertenwissen fundiert an den Diskussionen zu beteiligen. Darüber hinaus seien Fragestellungen, die uns vor Ort beschäftigten in anderen Regionen der Welt häufig weniger drängend. Man kann darüber streiten, ob eine derartige Perspektive verfängt, um guten Gewissens zu Menschenrechtsverletzungen zu schweigen. Doch stellt sich durchaus die Frage, wie wir mit unseren Vorstellungen in Bezug auf andere Länder und Kulturen umgehen und deren Souveränität achten.

Anne Jablonowski

Differenzierte Eindrücke rund um die Spiele liefert der Sotschi-Blog der NZZ http://sotschi.blog.nzz.ch/

 

 

Geht es um Sport? Geht es um Politik? Und ist das bei Grossanlässen überhaupt noch voneinander zu trennen? Ihre Meinung interessiert uns.

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