Wer hier eintritt, erfährt Stärkung: das Stiftshaus mit der Nummer 16 auf dem Areal des Stifts St. Michael in Beromünster. |© Roger Wehrli

Wer ganz bei sich ist

Das Auszeithaus im Stiftsbezirk von Beromünster

Marie-Christine Andres Schürch, 6.8.15

In einem der ehemaligen Stiftshäuser in Beromünster führen Brigitte Drescher und Jörg Gerber das Auszeithaus. Wer über die Schwelle tritt, tankt auf, erfährt Stärkung und tanzt voll Zuversicht zurück in den Alltag.

 Das Auszeithaus Beromünster steht auf einer Schnittstelle. Knapp an der Nordfassade vorbei rauscht der Durchgangsverkehr, auf der gegenüberliegenden Seite grüsst verträumt ein Olivenbäumchen und das warme Braun der Holztür weckt Vertrauen. Hier übertritt der Besucher die Schwelle zwischen Alltag und Auszeit.

Meditation
«Du bist vertraut mit all meinen Wegen», spricht Jörg Gerber in die dunkle Stille. Das Bibelwort verhallt nicht ungehört, sondern entfaltet in den Köpfen und Herzen der elf Anwesenden seine Wirkung. Es sind Frauen aus der Umgebung, die an diesem Morgen spontan zu der Meditation erschienen sind.

Gründer und Leiter
Seit bald einem Jahr ist das Haus Nummer 16, eines von insgesamt 31 Häusern auf dem Areal des Stifts St. Michael in Beromünster, Ort der Meditation, der Stille und des Gebets. Das Auszeithaus bietet Raum für Menschen, die innehalten, zur Ruhe kommen und neue Kraft schöpfen wollen, um das Leben zu ordnen, Trauer zu verarbeiten oder Entscheidungen anzugehen. Brigitte Drescher-Baumeler und Jörg Gerber haben das Auszeithaus gegründet, sie leiten – mit Unterstützung – auch dessen verschiedene Angebote. Die beiden lernten sich vor Jahren bei der Arbeit für die Römisch-Katholische Kirche im Kanton Luzern kennen. Jörg Gerber arbeitete dort für die Fachstelle für Pfarreientwicklung, Brigitte Drescher war im Frauenbund tätig. Sowohl Landeskirche als auch Frauenbund boten Kurse an. Die Kursinhalte überschnitten sich teilweise, so dass es auf der Hand lag, Kurse gemeinsam zu organisieren. Damit begann die Zusammenarbeit des Theologen und der vielseitig engagierten Kirchenfrau.

Von Auftanktagen zum Auszeithaus
«Wir boten Kommunionhelfer- und Lektorenkurse an und merkten mit der Zeit, dass bei den Menschen ein grosser Durst da ist.», erzählt Jörg Gerber. Als Durst bezeichnet er die Sehnsucht der Menschen nach einem gelingenden Leben, ihren tiefen Wunsch, Gottes Liebe im eigenen Leben zu entdecken. Daraufhin begannen Jörg Gerber und Brigitte Drescher «Auftanktage» zu organisieren. Und als das Dominikanerinnen-Kloster im luzernischen Rickenbach, das nur drei Kilometer von Beromünster entfernt liegt, vor ein paar Jahren eine Seelsorgestelle schuf, riefen Jörg Gerber und Brigitte Drescher dort das Angebot der «Auszeittage» ins Leben, wollten noch stärker in die Tiefe gehen. Im Sommer 2014 mietete das erprobte Zweiergespann im Stift St. Michael in Beromünster eines der unbewohnten Chorherrenhäuser. Das Auszeithaus war geboren.

Den Rucksack sortieren
Brigitte Drescher und Jörg Gerber haben beide die fünfjährige, ökumenisch organisierte Ausbildung «Geistliche Begleitung und Exerzitien-Leitung» am Lasalle-Haus absolviert. In Bezug auf das Eingangsbild des Textes ist ihnen wichtig, weniger die Schwelle als vielmehr die Schnittstelle zu betonen: Die Auszeiterfahrung soll in den Alltag hinein wirken. Brigitte Drescher erzählt von einer Teilnehmerin, die ein treffendes Bild für die Definition von «Auszeit» gefunden hat: Wenn ich mir eine Auszeit nehme, schultere ich meinen Rucksack und gebe mir Zeit, dessen Inhalt zu sortieren. «Was lasse ich zurück?» «Was muss ich mitnehmen?» Und: «Wo tanke ich Kraft, das zu tragen, was ich tragen muss?», lauten die Fragen bei der Auseinandersetzung mit dem ganz persönlichen Rucksäckli. Fahre ich hingegen in den Urlaub, lasse ich den Rucksack zu Hause in einer Ecke, wo ich ihn bei der Rückkehr unverändert wiederfinde und mir sein Gewicht wieder auf die Schultern lade.

In jedem Menschen präsent
Die in diesem Vergleich angesprochene Nachhaltigkeit der Auszeit ist Brigitte Drescher und Jörg Gerber sehr wichtig. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen die Auszeit-Erfahrung in ihren Alltag hineintragen können. «Wir sind überzeugt, dass Gott in jedem Menschen auf einzigartige Weise präsent ist. Durch unsere Arbeit möchten wir Menschen ermutigen, aus der Liebe Gottes heraus zu leben.» Einige bauen die im Auszeitenhaus praktizierte Meditation in ihren Tagesablauf ein. Andere nehmen mit der wieder gewonnenen Kraft ein neues Projekt in Angriff. Jörg Gerber sagt: «Die Menschen sollen gestärkt aus der Zeit in Beromünster hervorgehen.» Eine Auszeit kann das Lebensumfeld nachhaltig beeinflussen. Brigitte Drescher sagt ernst: «Wer ganz bei sich ist, kann die Welt zum Besseren verändern.» Menschen, die mit sich im Reinen seien, könnten auch in einer Gruppe am besten funktionieren, ist sie überzeugt.

Nichts Losgelöstes
Das Auszeithaus ist ein Herzensprojekt von Brigitte Drescher und Jörg Gerber. Eines, dem sie Zeit zum Wachsen geben wollen, wie Brigitte Drescher erklärt: «Ich bin fest überzeugt, dass es richtig für uns ist, langsam von innen nach aussen zu wachsen. Mit der Unterstützung eines neu gebildeten Trägervereins hoffen wir, längerfristig selbsttragend zu werden.» Global denken, lokal handeln lautet ihr Credo. Den Dingen, die sie nicht ändern kann, versucht sie, mit Gelassenheit zu begegnen. Dazu gehören auch die etablierten Machtstrukturen der katholischen Kirche, welche teilweise erschweren, dass die Menschen dort Halt finden. «Dabei könnte die Kirche Nahrung für so viele sein.», findet Brigitte Drescher. Jörg Gerber und Brigitte Drescher legen Wert darauf, dass sie mit ihren Angeboten ebenfalls in der christlichen, insbesondere der katholischen Kirche verwurzelt sind. «Wir haben einen solchen Reichtum in der Tradition, einen solchen Schatz an Gebeten, Räumen und Ritualen, an dem wir uns bei der Gestaltung des persönlichen Lebenswegs orientieren können.», betont Jörg Gerber. Und fügt hinzu: «Was wir machen, ist Kirche, wir erfinden das Rad nicht neu.» Das Auszeithaus ist eingebettet in den Komplex des rund 1000-jährigen Stifts St. Michael. Die Verbindung zu den sieben noch dort lebenden Chorherren ist der Leitung des Auszeithauses wichtig. «Wir sind Teil der katholischen Kirche und wollen nichts Losgelöstes machen, sondern einfach einen weiteren Schwerpunkt setzen.» Die Erfahrung zeige, dass das Angebot Menschen anziehe, die einen neuen Zugang suchen, erzählt Brigitte Drescher. «Die Kirche – oder Gott – lässt sie nicht in Ruhe, sie wollen zurück zu den Wurzeln und suchen einen anderen Weg als bisher.»

Zurück in den Alltagsstrom
Wichtig auf dem persönlichen Auszeitweg ist auch der Körper. Den Körper wahrzunehmen heisst, den Verstand zur Ruhe kommen zu lassen. Einmal meinte ein Teilnehmer: «Mein Verstand führt mich immer wieder von mir weg.» Eutonie und Tanzen helfen, vom Denken ins Sein zu kommen. «Tanzen ist die ganzheitlichste Form von Beten – wenn ich tanze, bin ich ganz im Hier und Jetzt.», sagt Brigitte Drescher. Welch schöne Vorstellung, dass die Menschen nach einer intensiven Woche in Beromünster über die Schwelle zurück in ihren Alltag tanzen. Dann wenige Schritt ums Haus herum gehen, dorthin, wo der Verkehr rauscht. Um sich dann in den Strom zu stürzen – gestärkt, voll Zuversicht und bereit, die Welt ein kleines Bisschen besser zu machen.

 

 

Besinnungstage für Gruppen
Seit Mitte des letzten Jahres bietet das Auszeithaus in Beromünster seine 3- oder 6-tägigen Exerzitien an. Tanz-, Wander- und Schweigeexerzitien, Kurse oder längere Auszeiten gehören zum Angebot. Das Angebot «Gruppen» richtet sich an Menschen aus unterschiedlichen Gruppen einer Pfarrei: Seelsorge- und KatechetInnenteams, Pfarrei- und Kirchenräte, freiwillig Engagierte oder Jugendliche in der Fortsetzung des Firmweges etc. Im Zentrum steht dabei der persönliche Weg der Einzelperson, eine Gruppe umfasst circa 6 Personen. Das Datum wird in Absprache mit der Leitung des Auszeithauses festgelegt. www.auszeithaus.ch / Kontakt: info@auszeithaus.ch, T 041 921 93 18

 

 

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