Im «Club Asyl» treffen sich monatlich Flüchtlinge, die schon länger im Aargau leben und mit ihrer Erfahrung Neuankömmlingen helfen wollen. Für das bevorstehende Abschlussfest des Legislaturziels «Fremdsein» der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau haben José, Suba, Moslem (oben von links), Tsering und Anna die Aktion «Hand reichen» vorbereitet. | © Andreas C. Müller

«Wer nur Asylsuchende sieht, sieht nicht die Menschen»

Andreas C. Müller, 7.11.18
  • Am 10. November feiert die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau den Abschluss ihres Legislaturziels «Fremdsein». Der «Club Asyl» will im Rahmen dieser Veranstaltung auf die Anliegen von Flüchtlingen aufmerksam machen.
  • Der Club ist ein Projekt des «Netztwerk Asyl Aargau» – ein Gefäss für Geflüchtete, die bei Asylfragen im Kanton Aargau mitarbeiten wollen und können. Bekanntheit erlangte der Club mit einem offenen Brief am Flüchtlingstag 2016.

 

Fünf Mitglieder des «Club Asyl» sitzen über verschiedene Zettel gebeugt in einem Sitzungszimmer des offenen Pfarrhauses Peter und Paul in Aarau. Der Club ist ein Projekt des «Netztwerk Asyl Aargau» – ein Gefäss für Geflüchtete, die bei Asylfragen im Kanton Aargau mitarbeiten wollen und können. Bekanntheit erlangte der Club mit einem offenen Brief am Flüchtlingstag 2016. Ziel der Aktion war es, die hiesige Bevölkerung für die Lebenssituation von Geflüchteten im Kanton zu sensibilisieren.

Aktion «Hand reichen»: Solidarität zeigen

Zum Abschlussevent des Legislaturthemas «Fremdsein» der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau am 10. November (siehe Kasten) will der «Club Asyl» neuerlich ein Zeichen setzen und auf verschiedene Kernanliegen von Geflüchteten aufmerksam machen. Die Teilnehmenden am Event vom 10. November sollen darauf angesprochen werden, was sie persönlich zur Verbesserung der Situation von Geflüchteten beitragen können. «Wer sich mit diesen Anliegen identifizieren kann, soll dies mit einem farbigen Handabdruck auf einem Banner kundtun«, erklärt Anna Susanne von Wyl die geplante Aktion «Hand reichen». Die 24-jährige Studentin koordiniert an jenem Abend die Vorbereitungsarbeiten.

Mit Anna am Tisch sitzen zwei junge Männer, ein Tibeter und ein Afghane, eine Tamilin und José. «Ich bin eigentlich gar nicht da», meint Letzterer, und alle lachen. Dass ein Journalist die Runde besucht, ist für José noch gewöhnungsbedürftig. Zudem ist er neu zur Gruppe gestossen. Der Kontakt zu Geflüchteten sei ihm wichtig, meint er auf Nachfrage. «Wenn man nur Asylsuchende sieht, sieht man die Menschen nicht mehr», meint er und erklärt zugleich, warum er in seiner Freizeit bewusst an Orte geht, wo sich Geflüchtete treffen.

Eine Chance für Ausreisepflichtige

«Mir ist wichtig, dass auch Ausreisepflichtige eine Chance erhalten», benennt Tsering Namgyab aus Tibet sein Kernanliegen, für das er am 10. November werben will. Nicht ohne Grund: Der 26-Jährige, der seit fünf Jahren in der Schweiz lebt, berichtet von einem Landsmann mit einem abschlägigen Asylbescheid. Ausgeschafft wird dieser zwar nicht, aber in der Schweiz lebt er von Nothilfe, erhält keinerlei Förderung, um die Sprache zu lernen oder sich sonstwie zu integrieren und darf auch nicht arbeiten. «Das ist doch verrückt», meint José. «Die wissen doch, dass, wenn sie ihn ausweisen, er unter Umständen getötet wird. Und trotzdem geben Sie ihm keine Aufenthaltsbewilligung und schliessen ihn aus.»

Für Sri Subajini Robert Thayalarajah – kurz Suba, ist wichtig, dass sich die Aargauer Bevölkerung kritisch mit Asylfragen auseinandersetzt. «Viele Schweizer helfen uns, unterstützen aber an der Urne eine Politik, die gegen uns ist», erklärt die 41-jährige Tamilin, die seit 6 Jahren in der Schweiz lebt und zu den Gründungsmitgliedern des «Club Asyl» gehört. «Wenn du das nächste Mal abstimmst, denke an mich – das meinst du, nicht wahr?», fragt José nach – wie um zu unterstreichen, worum es Suba geht. Diese nickt.

«Ohne Vertrauen ist Integration nicht möglich»

«Ich wünsche mir mehr Vertrauen in das, was Geflüchtete mitbringen», bekennt Moslem Afzali aus Afghanistan. Der 29-Jährige lebt seit drei Jahren in der Schweiz und wurde vorläufig aufgenommen. «Nur wenn die Leute von hier uns Vertrauen schenken, so dass wir auf Augenhöhe aufeinander zugehen können, wir aus einem Kontakt eine wirkliche Begegnung. Passiert das nicht, bleiben wir allein.»

Auf dem Tisch im Sitzungszimmer liegen noch weitere Blätter mit Notizen aus dem intensiven Gespräch, das der «Club Asyl» in seinem letzten Samstagnachmittagsmeeting zusammengetragen hat. Im Verlaufe des Abends will sich die Gruppe auf vier Kernanliegen beschränken. Über diese wollen die Clubmitglieder dann am 10. November mit den Eventbesuchern ins Gespräch kommen.   Andreas C. Müller

 

 

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Anna von Wyl, Projektmitarbeiterin des Projekts BBB (Asyl mit Bildung, Begegnung, Beschäftigung) zeigt Zivilcourage und leitet auch den «Club Asyl». | © Andreas C. Müller
Anna von Wyl
José stammt eigentlich aus Belgien, lebt aber schon längere Zeit in der Schweiz. Weil er darum weiss, wie es ist, sich in einem «neuen Land» einzuleben, ist ihm der Kontakt zu Geflüchteten ein grosses Anliegen. Aus diesem Grund geht er auch ganz bewusst an Veranstaltungen und Orte, wo sich Gefüchtete treffen. | © Andreas C. Müller
José aus Belgien
Tsering aus Tibet wirbt dafür, dass auch Ausreisepflichtige in der Schweiz eine Chance erhalten. Die meisten Geflüchteten mit einem derartigen Asylentscheid können aus verschiedenen Gründen nicht ausgeschafft werden, dürfen dann aber in der Schweiz weder arbeiten, noch werden sie in anderen Bemühungen, sich zu integrieren, unterstützt. | © Andreas C. Müller
Tsering Namgyab aus Tibet
Sri Subajini Robert Thayalarajah - kurz Suba, ist wichtig, dass sich die Aargauer Bevölkerung kritisch mit Asylfragen auseinandersetzt. | © Andreas C. Müller
Sri Subajini Robert Thayalarajah, Sri Lanka
«Ich wünsche mir mehr Vertrauen in das, was Geflüchtete mitbringen», bekennt Moslem aus Afghanistan. | © Andreas C. Müller
Moslem Afzali aus Afghanistan

Fremdsein – Vielfalt leben

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit «Fremdsein» wurden im Laufe der ablaufenden Legislatur an verschiedenen Veranstaltungen immer wieder die beiden Tore aufgestellt, welche Besucherinngen und Besucher zur Auseinandersetzung mit dem Fremden einluden. | © Anne Burgmer

Während vier Jahren hat die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau verschiedene Projekte unterstützt, für den Umgang mit Fremden sensibilisiert und vernetzt. Dies wird gefeiert: Am Samstag, 10. November 2018, ab 15 Uhr in Aarau rund um die Kirche Peter und Paul. Das Fest beginnt um 15 Uhr mit einer musikalischen Eröffnung und Begrüssungsworten von Kirchenratspräsident Luc Humbel und «Fremdsein»-Projektleiterin Susanne Muth. Auf die Besucherinnen und Besucher warten im Laufe des Nachmittags und frühen Abends Speisen aus aller Welt, Musik, Spiel, Tanz, ein Koffermarkt, eine Living Library und vieles mehr. Um 17 Uhr laden die Basler Impronauten zum Improvisationstheater und um 18 Uhr besteht die Möglichkeit zum Besuch eines Gottesdienstes mit den Missionen der Anderssprachigen anlässlich des Tags der Völker. Bis zum Schlusspunkt um 20 Uhr gibt’s zudem Punsch und Maroni am Feuer.

www.fremdsein.ch

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