Der Samichlaus auf dem Weg zu den Kindern. | © zvg

Wer zu spät kommt, den bestraft der Samichlaus

Christian Breitschmid, 5.12.19
  • Der Samichlaus gehört zur Adventszeit wie Lebkuchen, Mandarinen und Nüsse. Wer ihn zu sich nach Hause einladen will, der muss ihn aber schon früh im Jahr buchen. St. Nikolaus hat einen vollen Terminkalender.
  • Im Kanton Aargau gibt es viele St. Nikolaus-Vereine und -Gesellschaften. Sie sorgen dafür, dass alle, die Besuch vom Samichlaus haben wollen, einen solchen auch erhalten.
  • Ohne die ehrenamtliche Arbeit ganzer Hundertschaften von Freiwilligen könnte sich kein Samichlaus im Aargau auf den Weg machen, um Kindern und Betagten, Menschen in Heimen, Vereinen, Schulen, Kindergärten und Firmen eine Freude zu bereiten.

 

Zugegeben, nicht der Samichlaus bestraft die Zu-spät-Gekommenen, sondern das Leben. Denn es ist eine Tatsache, dass der Samichlaus ein sehr begehrter Gast ist, und zwar vor allem am 6. Dezember. Wer irgendwann im November noch versucht, den Mann im roten Mantel zu buchen, kann schnell einmal sein blaues Wunder erleben. «Dieses Jahr waren wir Anfang November schon komplett ausgebucht», berichtet Bianca Gyger von der St. Nikolausgesellschaft Schöftland-Kölliken. Sie zeichnet verantwortlich für den Einsatzplan von sechs Chlausgruppen, die vom 5. bis 7. Dezember in 26 Gemeinden südlich und westlich von Aarau Hausbesuche machen.

«Ich buche die Besuche in der Reihenfolge der Anmeldungen», erklärt die junge Frau, die als sogenanntes «Eseli», so nennen die Kölliker ihre Fahrer, 1997 bei der Nikolausgesellschaft begonnen hat. «Jedes Jahr sind das zwischen 110 und 160 Besuche, je nachdem, ob wir während drei oder vier Tagen unterwegs sein können.» Die Planung ist straff. Jede Chlausgruppe, bestehend aus einem Samichlaus, zwei Schmutzli und einem Fahrer, wird einer Region zugeteilt. Zehn bis 20 Minuten wird für den Besuch einer Familie mit ein bis zwei Kindern eingerechnet. «Darum ist es auch nicht mehr möglich, nachträglich noch einen weiteren Besuch irgendwo reinzuquetschen», sagt Bianca Gyger, «denn das verzögert den ganzen Ablauf, und wir wollen ja nicht die bestrafen, die rechtzeitig gebucht haben.»

In der Not hilft www.chlaus.ch weiter

Selbstverständlich wird aber niemand, der den Samichlaus gern hätte, im Regen oder – ideal-romantischer Weise – im Schnee stehen gelassen. Auf der Webseite der Schweizer Chlausengesellschaften, www.chlaus.ch, findet man mit etwas Glück dann doch noch einen Samichlaus, der es noch einrichten kann. Aktuell sind bei chlaus.ch 394 Gesellschaften eingetragen. Auf der Homepage braucht man nur den Kanton anzuklicken, in dem man wohnt, und schon sieht man, welche Gesellschaft die eigene Wohngemeinde bedient – inklusive Kontaktdaten.

Bianca Gyger pflegt aus gutem Grund den Austausch mit ihrer Kollegin von der Chlauszunft Aarau-West, denn: «In den vergangenen vier bis fünf Jahren hat es plötzlich zugenommen mit den Chlausbesuchen. Letztes Jahr fuhren wir nicht mehr nach Aarau, weil es für uns einfach ein zu grosser Aufwand wurde. Das ist logistisch fast nicht mehr zu stemmen. Wenn ein Anfruf von da kommt, kann ich immerhin an die Kollegen in Uerkheim verweisen.»

«Die Leute werden immer anspruchsvoller»

Astrid Matter, Aktuarin der Chlauszunft Aarau-West, bestätigt den Trend: «Wir hatten definitiv mehr Besuche in den letzten Jahren. Die Leute leben diesen Brauch wieder viel mehr. Früher kam der Samichlaus kurz vorbei, meist während des Essens. Heute wird dieser Besuch mehr zelebriert. Man nimmt sich Zeit dafür.»

Vom 5. bis 8. Dezember sind vier bis fünf Gruppen in der Stadt Aarau und in zwölf umliegenden Gemeinden unterwegs. «Unsere Besuche sind auf die Minute durchgetaktet», sagt Astrid Matter, die als Fahrerin dafür sorgt, dass die Chlaussäckli für die Kinder möglichst unauffällig zum Samichlaus gelangen, bevor dieser dann an die Tür klopft. «Wir sind alles in allem gut 30 Personen, die ehrenamtlich dafür sorgen, dass der Samichlaus zu den Familien kommt. Das ist sehr anstrengend für alle Beteiligten. Die Logistik wird immer grösser und komplizierter, weil halt auch die Leute immer anspruchsvoller werden.»

Territoriale Überlappungen gibt es in dieser Region auch mit der Samichlausgesellschaft Reitnau/Attelwil, deren Organisationsverantwortlicher, André Lehmann, auf Kontinuität setzt: «Der Samichlaus ist bei uns immer noch gefragt. Früher zogen wir einfach von Haus zu Haus, aber heute muss man sich schon anmelden. Unsere fünf Chlausgruppen, mit Samichlaus, Schmutzli und Diener, besuchen am 5. und 6. Dezember total rund 80 Familien. Dazu kommen dann noch die Schulbesuche. Wenn sich dann noch jemand notfallmässig anmeldet, gehen wir auch mal in eine Ortschaft, die nicht auf unserer Liste ist.» Und sollte im Besuchsplan plötzlich eine Lücke entstehen, dann klopfe der Samichlaus auch mal spontan an eine Tür, um die Menschen dahinter mit seinem Weihnachtsgruss zu erfreuen.

Grosse Logistik und reine Freiwilligenarbeit

Den grössten Chlausauszug im ganzen Kanton Aargau organisiert St. Nikolaus Wohlen. Das Brauchtum wird da schon seit 1941 in dieser Form gepflegt, aber der Trägerverein «Freunde St. Nikolaus Wohlen» wurde erst vor zwei Jahren gegründet. Brauchtumsleiter Rolf «Röfe» Wüst ist stolz auf das Werk, das er zusammen mit 120 freiwilligen Helfern vor und hinter den Kulissen Jahr für Jahr auf die Beine stellt. «Wir sind Spinner!» lacht der angefressene Chlausvater, der seinen «Laden» wie der CEO eines mittelgrossen Unternehmens führt. «Ich habe Ressortchefs für jedes Arbeitsfeld eingesetzt. Einer ist verantwortlich für die Ausbildung, einer für die Gewänderpflege, einer für den Einkauf, einer für das Chlausbüro und so weiter. So gibt es nur noch eine CEO-Sitzung pro Jahr und den Rest erledigt der Vorstand.»

Anmeldungen für den Wohler Samichlaus, der ausschliesslich die beiden Ortsteile Wohlen und Anglikon besucht, sind ab 1. Oktober und bis 20. November möglich, «nachher nehmen wir konsequent keine Anmeldungen mehr entgegen», sagt Rolf Wüst. Zehn Chläuse mit Schmutzli und Dienern besuchen vom 6. bis 8. Dezember rund 200 Familien. Auch hier: grosse Logistik und reine Freiwilligenarbeit. Die Säckli für die Kinder deponieren die Eltern an einem vorher vereinbarten Versteck vor dem Haus. Jeder Samichlaus bringt aber noch Lindorkugeln für die Mutter, einen Chlausstumpen für den Vater und Samichlausbatzen in Form von «goldenen» Föiferli für die Kinder mit.

Die Wohler Chläuse sind voll ausgelastet. Wenn die Nachfrage weiter steigt, wird’s eng: «Mehr als zwölf Chläuse haben auf der Kirchentreppe nicht Platz», erklärt Rolf Wüst. «Momentan sind etwa 500 Wohnungen in Wohlen ausgesteckt. Wenn viele Familien zuziehen, dann müssen wir uns dann schon überlegen, ob wir doch noch eine zusätzliche Gruppe aufstellen.» Bisher kommen die Wohler mit ihren zehn Chläusen plus einem zusätzlichen in den Jubiläumsjahren aber noch durch. «Alle fünf Jahre feiern wir Jubiläum», so Röfe Wüst, «damit unser Brauchtum in Erinnerung bleibt und weiter gepflegt wird.» Zu jedem Jubiläum erscheint auch ein neues Buch oder ein anderes Samichlausgeschenk, das man direkt über die Vereinswebsite bestellen kann.

«Ich könnte mir einen weiblichen Samichlaus vorstellen»

In Baden, Ennetbaden und Dättwil sorgt die Jungwacht Baden dafür, dass der Samichlaus vorbei kommt. Wie in den anderen Regionen des Kantons besuchen die Chlausgruppen während der Chlaustage vom 4. bis 6. Dezember an den Vormittagen die Kindergärten, Schulen und Vereins- oder Firmenanlässe ihres Einzugsgebietes. Am Nachmittag, ab 16 Uhr und bis 21 Uhr sind dann die rund 120 Familien an der Reihe, die sich bis 28. November angemeldet haben. Noah Liechti, der mit zwei Kollegen die Organisation und Planung der gut 30-köpfigen Samichlauscrew besorgt, bleibt trotz der hohen Belastung aller Beteiligten flexibel: «Viele Anmeldungen kommen bei uns tatsächlich erst nach dem 28. rein. Wir machen es dann trotzdem irgendwie möglich, dass ein Samichlaus kommt. Aber wir mussten auch schon absagen und auf chlaus.ch verweisen.»

In Baden und Wohlen ist es übrigens durchaus möglich, dass sich unter einer der schwarzen Schmutzlikutten ein weiblicher Schmutzli verbirgt. «Ich könnte mir auch einen weiblichen Samichlaus vorstellen», sagt Noah Liechti, «das würde ich begrüssen, sowohl symbolisch als auch praktisch.» Bis zu neun Chlausgruppen kann Liechti in Baden und Umgebung einsetzen. Die könnten die anfallenden Besuche gerade noch stemmen. Wenn die Nachfrage stiege, dann müsste man auch hier ausbauen. Das sagt sich allerdings leichter, als es getan wäre, denn «man merkt schon, dass bei den Leuten die Bereitschaft, ehrenamtliche Arbeit zu unterstützen, gesunken ist.»

Der Samichlaus kostet Tausende von Franken

Ohne Unterstützung ist der Samichlausbrauch allerdings nicht finanzierbar. Für ein St. Nikolaus-Gewand im Stil einer Bischofsrobe inklusive Bart, Perücke und Bischofsstab blättern die Vereine, je nach Machart, 2’000 bis 7’000 Franken hin. Auch die Schmutzlikutten und Dienergewänder sind nicht günstig. Dazu kommen dann kiloweise Erd- und Baumnüsse, Mandarinen, Schokolade und was der Chlaus sonst noch mitführt für all die Kinder, deren Eltern sich keine eigenen Chlaussäcklein leisten können oder wollen.

Um die Unkosten zu decken, lassen sich die verschiedenen Gesellschaften auf unterschiedliche Art unter die Arme greifen. Die einen bitten einfach um einen Unkostenbeitrag, andere haben feste Tarife für ihre Chlausbesuche. Diese liegen bei den hier befragten Vereinen in etwa zwischen 30 und 50 Franken pro Besuch, je nach Anzahl der Kinder aber auch mehr. «Wir wollen ja nichts verdienen», sagt Astrid Matter von der Chlauszunft Aarau-West und bestätigt damit, was auch ihre Kollegen von den anderen Chlausgesellschaften betonen: «Unser Lohn ist die Freude der Kinder und all der Menschen, denen wir in diesen Tagen begegnen.»

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Bianca Gyger plant für Schöftland-Kölliken
Rolf «Röfe» Wüst zeigt stolz die teuren Bischofsgewänder in den liturgischen Farben, die die Wohler Samichläuse tragen dürfen. | © Christian Breitschmid
Rolf Wüst, St. Nikolaus Wohlen
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Noah Liechti, Jungwacht Baden
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