Die lange Nacht der Kirchen morgen Freitag, 25. Mai, bietet ein umfassendes Kulturprogramm, spirituelle Impulse und spannende Blicke hinter die Kulissen. Zum Beispiel hier bei der Begutachtung der liturgischen Gefässe in der Sakristei. | © Roger Wehrli

Willkommen zur langen Nacht der Kirchen!

Marie-Christine Andres Schürch, 24.5.18
  • Morgen Freitag, 25. Mai 2018, findet im Aargau zum zweiten Mal die «lange Nacht der Kirchen» statt.
  • Das Programm beginnt um 18.10 Uhr mit dem Läuten der Glocken aller teilnehmenden Kirchen in den Kantonen Aargau, Nidwalden, Bern, Jura und Solothurn.
  • 80 römisch-katholische, reformierte und christkatholische Kirchen aus dem Aargau sind dabei, es finden kantonsweit 333 kostenlose Anlässe in und um die Kirchen statt.
  • Treten Sie ein! Das Programm finden Sie auf www.langenachtderkirchen.ch

 

Die lange Nacht der Kirchen beginnt mit einem Gänsehautmoment. Zum Auftakt dieser besonderen Nacht läuten gleichzeitig die Kirchenglocken aller teilnehmenden Kirchen im Aargau sowie in den Kantonen Nidwalden, Bern, Jura und Solothurn. Er bekomme Hühnerhaut, wenn er daran denke, sagte Kirchenratspräsident Luc Humbel letzte Woche gegenüber der Aargauer Zeitung. Die lange Nacht der Kirchen feiern die Aargauer Katholiken gemeinsam mit der reformierten und der christkatholischen Kirche im Aargau. In der gleichen Nacht begehen Kirchgemeinden in Österreich, im Südtirol, der Tschechischen Republik, in Ungarn, Estland und in Teilen der Slowakei die lange Nacht der Kirchen.

Cocktails, Fussball, Taizégebet

Nach dem Glockengeläut startet in über 80 Kirchen im Kanton ein attraktives und vielfältiges Programm, das von den Kirchgemeinden und Pfarreien speziell für diesen Abend zusammengestellt wurde. Mehr als 333 Programmpunkte finden in reformierten und katholischen Aargauer Kirchen bis Mitternacht statt – kostenlos für die Besucherinnen und Besucher. Orgelmärchen, Taizégebete, Lesungen, Vorträge, Meditation und Filmvorführungen gehören genauso dazu wie kulinarische und sportliche Höhepunkte. Die katholische Kirche in Zufikon verwandelt sich für einen Abend in eine Crêperie, in der reformierten Kirche in Würenlos gibt es alkoholfreie Cocktails und St. Anton Wettingen organisiert ein Fussballturnier auf der Wiese gegenüber der Kirche. Es gibt Konzerte in diversen Stilrichtungen wie Blues in der reformierten Kirche Baden, ein mystisches Nachtkonzert «Keep the fire burning!» in Jonen, Alphornchoräle in der Sulpergkapelle Wettingen oder Linard Bardill für Familien in Rheinfelden. Am Startevent vor der reformierten Stadtkirche Aarau kommen die beiden Kirchenrats-präsidenten Luc Humbel und Christoph Weber-Berg zu Wort, Ballone steigen in die Luft, und mit dem Pantomime-Künstler Carlos Martinez wird die zweite «Lange Nacht der Kirchen» im Aargau eröffnet.

Vision: vom Aargau in die ganze Deutschschweiz

Die erste Durchführung der langen Nacht der Kirchen im Aargau fand am 17. September 2016 statt. Damals besuchten etwa 8000 Leute die verschiedenen Anlässe. Für die zweite Auflage schafften es die Initianten der römisch-katholischen und der reformierten Kirche im Aargau, weitere Kantone zum Mitmachen zu bewegen. Mit der Teilnahme von Nidwalden, Bern, Jura und Solothurn sind die Aargauer Landeskirchen ihrer Vision, alle Deutschschweizer Kantone an Bord zu holen, ein Stück näher gekommen. Die Besucherinnen und Besucher können sich ihr Programm auf der Website www.langenachtderkirchen.ch zusammenstellen.

«Sie sind willkommen!»

Diese spezielle Nacht ist ein Angebot für alle Interessierten, ob gläubig oder kirchenfern, ob verwurzelt oder suchend, einheimisch oder fremd. Menschen sind eingeladen, Gott nahe zu sein, in der Stille oder in der freudigen Feier, alleine oder zusammen mit anderen. Luc Humbel schreibt in seinem Grusswort: «Die lange Nacht der Kirchen ist für alle da. […] Wir wollen die Türen allen offen halten. Sie sind willkommen! Treten Sie ein, lassen Sie sich berühren und kommen Sie mit uns ins Gespräch.»

Darf Kirche «Spass» machen?

«Wenn es dunkel wird, bieten Kirchen Spassfaktor» titelte Horizonte vor zwei Wochen in der Print-Vorschau auf die lange Nacht der Kirchen. Der «Spassfaktor» in der Überschrift regte zum Diskutieren an, wie viel «Spass» denn sein darf oder eben muss, um Menschen in die Kirchen zu locken. Claudia Rüegsegger arbeitet auf der Fachstelle Katechese-Medien und ist Mitglied in der Begleitkommission der Horizonte-Redaktion. Im Herbst 2016, als die lange Nacht der Kirchen im Aargau zum ersten Mal veranstaltet wurde, war ihre Heimatpfarrei ebenfalls dabei. Claudia Rüegsegger erinnert sich, dass die Vorbereitung und Durchführung die Ehrenamtlichen enorm gefordert hat. Deshalb ist ihr wichtig, Aufwand und Ertrag von solchen Grossanlässen ehrlich gegeneinander abzuwägen. «Welche Wirkung hat das, was wir an der langen Nacht der Kirchen angeboten haben, auf Dauer?» müsse sich eine Kirchgemeinde ganz ehrlich fragen. Einen «Hype» alle zwei Jahre, der die Veranstalter erschöpft zurücklässt und bei den Teilnehmern rasch verhallt, finde sie nicht sinnvoll, erklärt sie. «Die Kirche muss nicht in erster Linie Spass, sondern Qualität bieten, die Leute in ihrem alltäglichen Leben anspricht.»

So entsteht Gemeinschaft

Der Aufwand lohnt sich für Esther Kuster, Kommunikationsverantwortliche bei der Römisch-katholischen Kirche im Aargau. Zusammen mit Barbara Laurent von der Reformierten Landeskirche Aargau trägt sie die Projektleitung. Der Umstand, dass so viele Pfarreien nach 2016 sich wieder zu einer Teilnahme entschlossen hätten, zeige dass der Anlass gut ankam. Die Rückmeldungen aus den Pfarreien seien überwiegend positiv ausgefallen. Besonders hervorgehoben wurden die vielen Besucher und der Umstand, dass der Kirchenraum für einmal ganz frei genutzt werden konnte. Die Anlässe in der Kirche sollen Freude machen und Menschen neu mit der Kirche verbinden, findet Esther Kuster, denn das Entscheidende sei, dass die Leute durch die Veranstaltungen mit der Kirche in Berührung kämen, auf andere Menschen treffen und so Gemeinschaft entstehe. «Vielleicht schaut jemand im Anschluss an diese Nacht, was die Kirche sonst noch für ein Angebot hat.» Die vielen Kirchengebäude böten riesiges Potenzial, betont Esther Kuster und formuliert bildhaft: «Welche Firma hat denn schon so viele Filialen? Wir haben offen und bieten ein kostenloses Programm mit Tiefgang. Das ist ein Geschenk!»

Jedes Jahr wäre zu viel

Die von Claudia Rüegsegger angesprochene Frage nach den Ressourcen weist Esther Kuster nicht von der Hand. Die Auswertung Ende 2016 ergab nämlich, dass eine jährliche Durchführung den meisten Pfarreien zu viel Arbeit wäre. Deshalb habe man beschlossen, die nächste Durchführung aufs Jahr 2018 zu legen. Und weil der Herbsttermin vor dem Bettag von vielen Pfarreien als nicht optimal bezeichnet wurde – und auch, weil die lange Nacht der Kirchen in weiteren europäischen Ländern auf den 25. Mai 2018 festgelegt war – resultierte daraus der aktuelle Termin. «Der Entscheid für die Durchführung alle zwei Jahre war ein Ressourcen-Entscheid», räumt Esther Kuster ein. Haupt- und ehrenamtliche Organisatoren investieren viele Arbeitsstunden, die Kirchgemeinden tragen die Kosten ihrer Anlässe selber. Die Landeskirchen als Organisatoren sind sich dessen bewusst und schätzen das Engagement der Pfarreien und Kirchgemeinden.

Zusammenarbeit im Dorf

Die Kommunikationsfrau macht darauf aufmerksam, dass es auch Möglichkeiten gibt mit anderen Betrieben aus dem Dorf zusammen zu spannen und sich so zu ergänzen oder zu entlasten. Aus dem Kanton Nidwalden weiss sie von Pfarreien, die den Apéro nicht selber organisieren, sondern das Restaurant vis-à-vis der Kirche anfragen. «So haben auch andere Betriebe im Dorf etwas von der langen Nacht der Kirchen.» Was solche Zusammenarbeit angehe, weise die Veranstaltung auch für die kommenden Jahre Entwicklungspotenzial auf.

Lehren ziehen fürs Alltagsgeschäft

Auch für Claudia Rüegsegger ist die sinnvolle Weiterentwicklung einer solchen Veranstaltung wie der langen Nacht der Kirchen ein Anliegen. «Wenn eine Veranstaltung voll ‚einschlägt’, sollte uns das zum Nachdenken bringen, was wir davon für unser ‚Alltagsgeschäft’ lernen können.»

 

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