31.10.2015

wir beschreiten die fläche

Von Marie-Christine Andres Schürch

Es herrschte jene Atmosphäre, in der berührende Gedichte entstehen. Denn der Stein, auf dem Thomas Jenelten im Mai 2014 sass, befand sich in der Nähe des Walliser Dorfs Raron. Jenes Dorf, auf dessen Bergfriedhof der Dichter Rainer Maria Rilke seit 90 Jahren begraben liegt. Zudem ist seit dem Mittelalter bekannt, dass es sich auf einem Stein sitzend besonders gut nachdenken lässt. Anfang des 13 Jahrhunderts verfasste der Minnesänger Walther von der Vogelweide so seine berühmt gewordenen Verse, die beginnen mit der Zeile: «Ich saz ûf eime steine…».

Thomas Jenelten sass also auf einem Stein. Er erinnert sich, wie er ihn näher betrachtete: «Die Oberfläche des Steins war voller Kristalladern. Da ging mir der Satz auf: ‚wir gehen nicht mehr von a nach b, wir beschreiten die Fläche.’»

Ins Offene wagen
Der Satz wurde die Anfangszeile eines Gedichts in Thomas Jeneltens jüngstem Gedichtband «Stille Welt», der im vergangenen Jahr erschien. Der 56-jährige Theologe, Seelsorger und Lyriker versammelt darin Gedichte, die mit ihrer schlichten Schönheit Herz und Geist treffen. «Gedichte bringen Ordnung in mein Leben», sagt er. Dann erläutert er, was hinter dem Satz steckt, der ihm auf dem Stein bei Raron zufiel: «Mit zunehmendem Alter können und müssen wir Menschen nicht mehr vorgegebenen Terminen und Pflichten nachkommen. Wir wagen uns ins Offene, nicht Festgelegte hinaus.»

Den Rhythmus verlangsamen
Der Leitgedanke dieses Gedichtes – den Schritt ins Offene zu wagen und dabei zu akzeptieren, was war und ist – traf in der Entstehungszeit des Buches auf Thomas Jeneltens berufliche Situation zu. Als die Gedichte für «Stille Welt» entstanden, wechselte der langjährige Gemeindeleiter der Pfarrei Peter und Paul in Aarau seine Stelle. «Bei meiner Art von Arbeit war das ein starker Einschnitt», erklärt Thomas Jenelten. Viele Sitzungen, Termine und Führungsarbeit liess er hinter sich. Heute arbeitet er als Seelsorger im Regionalen Pflegeheim Baden. Der Entscheid, zurück in die Seelsorge zu gehen, sei der Entscheid gewesen, den Rhythmus zu verlangsamen. Nun habe er das Gefühl, er könne auch bei der Arbeit ‚die Fläche beschreiten’: «Ich weiss am Morgen meist nicht genau, was mein Arbeitstag bringt. Und ich habe gemerkt, dass ich diese Luft brauche, um zur Ruhe zu kommen.»

Das Konfessionelle verliert seine Bedeutung
In seine Texte fliessen die Eindrücke ein, welche die Begegnungen mit den kranken und sterbenden Menschen im Pflegeheim bei ihm hinterlassen. Ruhe, Zeit und Nähe kann er als Seelsorger seinem Gegenüber entgegenbringen. Den Bewohnerinnen und Bewohnern sei seine Konfession nicht wichtig. Die werde für die meisten mit dem Alter immer weniger bedeutend. Auch für ihn seien die Grabenkämpfe zwischen den Konfessionen immer weniger nachvollziehbar: «Sie scheinen mir exotisch und weit weg von meiner Lebensrealität.» Thomas Jenelten findet für seine Arbeit klare Worte: «Was ich an ein Sterbebett bringen kann, ist letztlich meine Nähe. That’s it. Keine Bibel, nichts. Das Konfessionelle verliert in dieser Situation an Bedeutung, es geht einzig und allein um das Bedürfnis nach menschlicher Nähe und darum, nicht allein zu sein.»

«Wir brauchen einen Adressaten»
Die Vorstellungen der Sterbenden darüber, was sie nach dem Tod erwartet, seien ganz unterschiedlich. Und wenn viele davon überzeugt sind, nach dem Tod weiterzuleben, entspringe dieser Glaube nicht der Angst vor dem Sterben, ist Thomas Jenelten überzeugt. «Religion hat für mich nicht mit Angst, sondern mit Dankbarkeit zu tun», sagt er und erklärt: «Wir brauchen einen Adressaten für unseren Dank. Zum Beispiel, wenn wir auf einem Berg stehen und überwältigt sind vom Panorama ringsum. Ich spreche deshalb gerne vom ‚geheimnisvollen Gott’, das erscheint mir auch theologisch richtig.»

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