14.05.2014

Wir suchen eine Wohnung

Von Horizonte Aargau

Aber soweit wollen wir jetzt noch nicht denken. Denn noch lebt ein Funke Hoffnung, noch bleiben anderthalb Monate Zeit. Kuflom Russom stammt aus Eritrea und lebt seit vier Jahren in der Schweiz. Seit drei Jahren ist er definitiv als Flüchtling aufgenommen, seit zwei Jahren leben seine Frau und seine vier Kinder ebenfalls in der Schweiz, die einjährige Tochter Mesegana ist hier geboren. Seit Dezember 2012 wohnt die Familie in Buchs. Ende Juni müssen sie die jetzige Wohnung verlassen, weil das Haus totalsaniert wird. Seit viereinhalb Monaten suchen sie eine neue Wohnung.

Am liebsten in Buchs
Die Familie möchte – wenn irgendwie möglich – gerne in Buchs bleiben. «Hier habe ich viele Freunde und den Kindern gefällt es in der Schule», sagt Kuflom Russom. Die 12-jährige Nazrjet besucht die fünfte Primarklasse, ihr Bruder Eseab die zweite. Der 6-jährige Zenawi geht in den ersten Kindergarten. Die Lehrerin von Eseab hilft bei der Wohnungssuche intensiv mit. Solche Unterstützung tut der Familie sehr gut. 

Absage um Absage
Unterstützung erfährt die Familie auch von der Caritas. Caritas ist da für die Beratung und Betreuung im Integrationsprozess. Die Mitarbeiter helfen den Flüchtlingen, das System in der Schweiz zu verstehen und sich im Alltag zurecht zu finden. Seit Januar haben Kuflom Russom und die Caritas-Praktikantin Carmen Hämmerli fast täglich Inserate studiert, Besichtigungstermine abgemacht – und Absage um Absage kassiert. Etwa 30 bis 50 seien es gewesen, berichten sie. Bei den Wohnungsbesichtigungen habe ihm noch keiner ins Gesicht gesagt, dass er keine Flüchtlinge in der Wohnung möchte. Aber am Telefon liegt die Hemmschwelle anscheinend tiefer: «Manchmal fühlte ich mich angesichts der abstrusen Vorurteile einfach nur hilflos», erzählt Carmen Hämmerli, die an der Fachhochschule Soziale Arbeit studiert. «Unangenehme Essensgerüche, Bedenken wegen der vielen Kinder oder ganz einfach schlechte Erfahrungen mit Afrikanern werden immer wieder als Gründe für Absagen genannt. «Am einfachsten ist es natürlich, zu behaupten, die Wohnung sei leider schon vergeben», sagt Carmen Hämmerli. Auch diesen Satz hat sie in den letzten Monaten oft gehört.

Das ist ein Hilferuf
Anouk Lehner leitet die Flüchtlingsberatung in Aarau. Dass die erfolglose Wohnungssuche der Familie Russom nun öffentlich gemacht wird, bezeichnet sie auch als Hilferuf der Caritas. «Wir stossen an unsere Grenzen», erklärt sie. Momentan betreut die Caritas Aargau drei Grossfamilien und eine kleinere Familie bei der Suche nach geeignetem Wohnraum. Eine Wohnung zu finden, frisst enorme Ressourcen. Das Problem haben auch andere Kantone, deshalb hat die Caritas Schweiz «Wohnen» als Jahresthema 2014 gewählt. Inzwischen gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich um Lösungen kümmert. «Wir stehen erst am Anfang dieses Prozesses», sagt Anouk Lehner. 

Lebensnotwendig
Die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen und Sozialhilfebezügern basieren auf Unwissen. Da habe die Caritas den Auftrag, die Menschen aufzuklären, betont Anouk Lehner. Viele Leute haben das Gefühl, die Familie könnte die Miete nicht bezahlen. Dabei kommt die Gemeinde für den Mietzins und das Mietzinsdepot auf. Das Problem bei Totalsanierungen ist aber, dass günstiger Wohnraum verschwindet und neue, teure Wohnungen entstehen, die sich Flüchtlinge und Sozialhilfeempfänger nicht mehr leisten können. Für Kuflom Russom ist die Ungewissheit eine grosse Belastung: «Wir brauchen eine Wohnung, das ist lebensnotwendig, die Grundlage für alles», sagt er. Eine 4 bis 4.5-Zimmerwohnung sollte es sein, und weil es so schwierig ist, eine zu bekommen, haben die Familie und die Caritas die Suche auf den ganzen Raum Aarau ausgeweitet. 

Noch anderthalb Monate Zeit
Immerhin hat Kuflom Russom im Lauf der Wohnungssuche schon viel gelernt. Die Caritas-Verantwortlichen coachen ihn so, dass er viele Schritte selber machen kann. Telefonieren, Formulare ausfüllen, Karte lesen und sich bei der Wohnungsbesichtigung verständigen. Aber der 1. Juli rückt näher. Noch will keiner der Beteiligten daran denken, was passiert, wenn die Familie keine Wohnung findet. Denn noch bleiben anderthalb Monate Zeit.  

Marie-Christine Andres

 

 

Helfen Sie bei der Wohnungssuche! 

Per 1. Juli 2014 sucht die sechsköpfige Familie Russom mindestens eine 4-Zimmer-Wohnung. Am liebsten in Buchs, in Frage kommt aber der ganze Raum Aarau. Wer helfen kann, ist gebeten, sich bei der Caritas Aargau zu melden. T 062 837 07 35.

 

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