Jedes Jahr am Dienstag vor Ostern findet im Aargau ein Wirtgottesdienst statt. Dieses Jahr luden Gastroseelsorgerin Corinne Dobler und Zirkuspfarrer Adi Bolzern wieder in die Klosterkirche Muri. © | Roger Wehrli

Wirtegottesdienst: Warme Ermutigung

Andreas C. Müller, 28.3.18
  • Jedes Jahr am Dienstag vor Ostern findet im Aargau ein Wirtegottesdienst statt. Und dies schon seit den 1950er Jahren.
  • Wirtinnen und Wirte schätzen das Angebot, weil der Kirchgang am Wochenende in der Regel wegen der Arbeit nicht möglich ist.

 

Unter dem Motto «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein», begrüssten die reformierte Gastroseelsorgerin Corinne Dobler (siehe auch im Horizonte-Porträt) und der katholische Zirkuspfarrer Adi Bolzern am Dienstag über 120 Wirtinnen und Wirte in der barocken Klosterkirche von Muri. Jedes Jahr am Dienstag vor Ostern wird im Aargau ein ökumenischer Wirtegottesdienst gefeiert.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Musikalisch bereichert wurde die diesjährige Feier vom Wirtechor Bremgarten. Dieser Männerchor wurde 1951 von sangesfreudigen Wirten gegründet. Die vorgetragenen Lieder ernteten in der eiskalten Kirche warmen Beifall. Auf die Kälte kamen auch die beiden Zelebranten immer wieder zu sprechen – sogar der Atem war während der Feier sichtbar, während draussen schon fast frühlingshafte Temperaturen herrschten.

«Was nährt uns denn im Leben?», fragte Corinne Dobler im Anschluss an die Verlesung des Matthäus-Evangeliums, die von der Versuchung Jesu durch den Teufel handelte. Dabei führte sie in einem Dialog mit Adi Bolzern durch die Predigtsequenz. «Ich gebe zu, ich bin handysüchtig», bekannte die Gastroseelsorgerin. «Und du, Adi? Was hast du zu beichten?» « Einiges, da wären wir am Montag noch hier, antwortete dieser und hatte die Lacher sofort auf seiner Seite.

Jesus lässt sich weder von Macht, noch von Reichtum verführen und von seinem Weg abbringen», stellte Corinne Dobler fest. «Wie stark lassen wir uns von denn von Verlockungen ablenken von unserem Weg?«, fragte die reformierte Pfarrerin. «Einfach nur konsumieren macht mich leer, auch wenn es verlockend erscheint», bekannte Corinne Dobler. «Bereichernd sind erfüllende Momente, in denen wir zusammen trinken und essen und füreinander da sein, einander begleiten auf dem Lebensweg.

«Wirte sind wie Seelsorger»

Im Wissen darum, dass die Situation vieler Gastronomen in der gegenwärtigen Zeit alles andere als einfach ist (Horizonte berichtete), bat Adi Bolzern bei den Fürbitten darum, dass die Wirtinnen und Wirte auch immer wieder Moment der Erholung finden können.

Geri Keller von Gastro Aargau bracht in einer kurzen Ansprache noch einen weiteren Aspekt ins Spiel: «Wir Wirte sind ab und zu auch Seelsorger», so das Vorstandmitglied von Gastro Aargau. «Ihr habt mit Hochzeiten zu tun und richtet auch Leidmahle aus. Da seid ihr immer wieder mit schwierigen Situationen konfrontiert.»

1’200 Betriebe seien Gastro Aargau angeschlossen, erklärte das Ehepaar Keller gegenüber Horizonte im Anschluss an den Gottesdienst. Die Beiden wirten in Hottwil im Gasthaus Bären. Dank dem Wirtegottesdienst könne man an einem Gottesdienst zusammenkommen. Am Samstagabend und am Sonntag, wenn für gewöhnlich die Menschen in die Kirchen gehen, sei man bei der Arbeit, wusste Esther Keller zu berichten. Und die Atmosphäre in der Klosterkirche Muri sei halt schon schön, meint sie. Auch wenn es kalt sei.

Das Angebot findet Anklang

Am anschliessenden Apéro fanden die Anwesenden nur lobende Worte. Er sei zum ersten Mal dabei gewesen, erklärte Toni Peterhans gegenüber Horizonte. Früher habe er das Restaurant Oberstadt in Lenzburg geführt, jetzt sei er pensioniert und habe Zeit «für so etwas. Dass ich früher nicht schon mal zum Wirtegottesdienst gekommen bin, war wohl ein Fehler.»

Auch Josi und Alfons Keller genossen den Gottesdienst. Das Ehepaar aus Muri hat Bekannte begleitet, die ein Restaurant führen. «Der Herr Bolzern und Frau Dobler haben das sehr schön gemacht», erklärten sie. Das Angebot findet Anklang, bestätigten die beiden Seelsorger. 128 Personen hätten sich dieses Jahr eingefunden, weiss Corinne Dobler. «So viele, wie seit Jahren nicht mehr», freut sich Adi Bolzern.

Ohne Konzept und Leidenschaft geht es nicht

Einige ältere Gäste am Apéro mochten sich noch an die Geschichte der Wirtgottesdienste erinnern. In den 1950er Jahren seien diese als sogenannte «Einkehr-» oder «Besinnungstage» erstmals durchgeführt worden und hätten an drei verschiedenen Orten stattgefunden: Im Chappelerhof in Wohlen, im Emaus bei Bremgarten sowie im Fricktal.

Ob es die Wirte wirklich so streng haben, wie immer wieder behauptet wird? Horizonte fragte den ebenfalls am Gottesdienst anwesenden Manuel Meier, der in der ganzen Schweiz Restaurationsbetriebe mit Wein beliefert und einen Bruder hat, der ebenfalls als Wirt arbeitet. «Dieser Beruf war schon immer hart», erklärte der Weinzulieferer. In der Regel hast an sechs Tagen in der Woche geöffnet und stehst am Wirtesonntag für diverse andere Aufgaben in der Beiz.» Auch Geri Keller von Gasto Aargau bestätigte: «Heute musst du ein gutes Konzept haben und viel Leidenschaft aufbringen. Sonst geht es nicht mehr.»

Gesegnete Gewürzstreuer für ein gepfeffertes Leben

Angesichts der dieses Jahr in der Kirche vorherrschenden Temperaturen dürfte zum Ende hin die Vergabe eines guten Schluckes Wein bei der ökumenischen Abendmahlsfeier überaus wohltuend gewesen sein. Zudem gab’s als Erinnerung noch gesegnete Gewürzstreuer. «Damit eurer Leben nie versalzen und stets gut gepfeffert ist», erklärte Adrian Bolzern zum Abschluss mit dem ihm eigenen Schalk.

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