11.11.2021

Erstkommunikanten reisen nach Rom
Wo die Römer Schweizerdeutsch sprechen

Von Marie-Christine Andres Schürch

  • Der Vatikan und, als Besonderheit, die Schweizergarde faszinieren Touristen aus aller Welt.
  • Vier Aargauer Erstkommunikanten haben den Vatikan und das Quartier der Schweizergarde besucht.
  • Nun wissen sie, wie man eine Hellebarde richtig hält, wo Obdachlose im Vatikan duschen können und was die Kantonsfähnchen am Eingang des Gardequartiers verraten. 

Der Petersplatz am frühen Morgen im Oktober 2021. | Foto: Marie-Christine Andres
Eine Reise nach Rom. Das Erstkommunion-Geschenk der Grosseltern an ihre vier ältesten Enkel. Vorfreude und Aufregung sind gross, denn gleich am ersten Morgen steht der Besuch im Vatikan auf dem Programm. «Früh aufstehen ist immer eine gute Idee», hatte ein ehemaliger Schweizergardist im Hinblick auf den Vatikanbesuch und die dort üblicherweise vorhandenen Touristenscharen geraten.

So steht das Reisegrüppchen morgens kurz nach Acht auf dem leeren Petersplatz. 551 Treppenstufen erwarten die Frühaufsteher. Die Aussicht von der Kuppel auf die Stadt und die Vatikanischen Gärten ist grandios.

Blick von der Kuppel des Petersdoms auf die Vatikanischen Gärten. | Foto: Marie-Christine Andres

Auch der Petersdom ist fast leer und wirkt dadurch noch grösser. St. Peter sei gar nicht wie eine Kirche, findet eines der Kinder. Eher wie ein Museum oder eine Ausstellungshalle. Wie um das Gegenteil zu beweisen, tritt aus einer der Säulen eine Priester-Gruppe und beginnt in einer Nische, Gottesdienst zu feiern.

Im Quartier der Schweizergarde

Dass der blau-schwarz Uniformierte am Eingang St. Anna sie auf Berndeutsch begrüsst, beeindruckt die vier Kinder fast stärker als der riesige Petersdom. «Endlich Römer, die Schweizerdeutsch können!» Im Eingangsbereich des Schweizergarde-Quartiers stehen die Kantonsflaggen im Miniformat. Vor jedem Fähnchen hängt ein Schild mit einer Zahl. Der Gardist am Empfang erklärt: Die Zahlen geben an, wie viele Gardisten aus einem Kanton gerade in der Garde aktiv sind. Aufgelistet sind jedoch nicht die Wohnkantone, sondern die Heimatkantone der Gardisten.

Lebensrettender Korridor

Hellebardier Mattieu Hüging führt die Gruppe mit den vier Kindern in den Ehrenhof der Schweizergarde, zeigt auf das Denkmal an der Schmalseite und erzählt kurz zusammengefasst die Geschichte des ältesten Korps der Welt. Die Schweizergarde wurde im Jahr 1506 durch Papst Julius II. als Leib- und Palastwache gegründet. Während der Plünderung Roms durch die Truppen Karls V. am 6. Mai 1527, die als «Sacco di Roma» in die Geschichte einging, starben 147 von 189 Schweizergardisten. Den restlichen gelang es, Papst Clemes VII. durch den «Passetto di Borgo» vom Vatikan in die Engelsburg zu retten. Der 6. Mai gilt deshalb als Gedenktag der Schweizergarde, an dem jedes Jahr die neuen Gardisten vereidigt werden.

Mattieu Hüging deutet auf die Mauer, die den Innenhof zur Vatikanseite hin begrenzt. Sie ist ein Teil des Geheimganges, durch den Papst Clemens VII. geflohen war. Heute befänden sich hier die Zimmer einiger Schweizergardisten, verrät Hüging. Die Kinder fragen nach und erfahren, dass die Gardisten zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer wohnen und alle Zimmer ein wenig anders aufgeteilt seien.

Zwei Stunden ohne sich zu rühren

Mini-Gardist in der Waffenkammer der Schweizergarde. | Foto: Marie-Christine Andres
Der Besuch in der Waffenkammer wurde von den jungen Romreisenden mit Spannung erwartet. Sie interessieren sich zwar für die kostbar geschmiedeten Brustpanzer und Helme, fragen aber auch kritisch nach, ob die Gardisten im Notfall weitere Waffen zur Verteidigung hätten. Wieder draussen im Hof instruiert Hellebardier Hüging die Kinder in der richtigen Haltung beim Wachestehen: Arm auf Schulterhöhe, Beine schulterbreit, die Hellebarde steht vor der Spitze des rechten Fusses. Die Kindern sind sich einig: unmöglich, zwei Stunden ohne Bewegung so zu stehen. Was, wenn es einen juckt? Wenn jemand etwas fragt? Wenn man lachen muss?

Vergittertes Kasernenfenster

Hinter den Kolonnaden, den Säulenreihen, die den Petersplatz umschliessen, zeigt Mattieu Hüging einer Mauer entlang in die Höhe: «Hier wohnen die Rekruten», erklärt er. Mit einer Mischung aus Schreck und Skepsis studieren die Kinder das einzige Fenster auf halber Höhe der Wand. Es ist sehr klein und vergittert. «Wie lange bleibt man denn Rekrut?», entschliesst sich einer der Buben zu fragen. Der Bescheid, dass die Ausbildung zwei Monate dauere – vier Wochen im Vatikan, vier Wochen im Tessin – scheint ihn zu beruhigen. «Keine Angst», sagt Hellebardier Hüging und lacht, «auf der Seite gegenüber hat es mehr Fenster.»

Dusche und Frühstück

In diesen Gebäuden, die nördlich des Petersplatzes stehen, gibt es Duschen und Toiletten, die von Obdachlosen genützt werden können. | Foto: Marie-Christine Andres
Der Schweizergardist berichtet den Kindern aber auch, dass Papst Franziskus veranlasst habe, dass die Obdachlosen der Stadt jeden Morgen in den niedrigen Gebäuden zwischen Kolonaden und Apostolischem Palast die Toiletten und Duschen benützen dürfen. Und dass sie hier ein Frühstück bekommen. Das bleibt den Kindern im Gedächtnis und wird später, als sie an einem Mann vorbeigehen, der im Schlafsack in einem Hauseingang schläft, wieder zum Thema. Die mit Gold geschmückten und mit wertvollen Kunstwerken gefüllten Kirchen stehen in scharfem Kontrast zu den Bettlern vor ihren Portalen. Eine Tatsache, welche die Kinder weit über die Reise hinaus beschäftigt. 

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