Weil es immer weniger Personal gibt, das Gottesdienste abhalten könnte, braucht es Laienliturgen für Wort-Gottes Feiern. Doch bisher ist nur eine einzige Ausbildung von den Bischöfen anerkannt und diese schreckt viele ab, weil sie zu hochstehend scheint.  | © Anne Burgmer

Zu hohe Hürde für Liturgie durch Laien?

Der anspruchsvolle Fernkurs Liturgie ist im Moment das einzige Angebot

Anne Burgmer, 18.5.17

Die einen wollen Wort-Gottes-Feiern am Sonntag durchführen und leiten – die anderen wollen sie dafür ausbilden. Was nach einer guten Balance zwischen Nachfrage und Angebot klingt, erweist sich als die zwei Ufer eines Flusses, über den es auf den ersten Blick weder Fähre noch Brücke gibt.

Auf dem einen Ufer stehen zum Beispiel Susanne Wietlisbach, Rita Brem-Ingold und Clivia Kempter. Seit rund 14 Jahren gestalten die drei Frauen an zehn Sonntagen im Jahr in der Klosterkirche von Hermetschwil eine Wort-Gottes-Feier mit Kommunionspendung für die Gläubigen des Ortes. Gemeinsam mit ihnen stehen auf dem Ufer auch weniger erfahrene Laien. Frauen und Männer, die sich erst frisch in Gruppen zusammenfinden, um in ihren Pfarreien Wort-Gottes-Feiern zu feiern. Wollen sie das machen, brauchen sie – so haben es die Diözesanbischöfe festgelegt – nicht nur die Beauftragung durch den zuständigen Pfarrer oder seinen Stellvertreter, sondern zunächst eine entsprechende Ausbildung. Die liegt sozusagen auf dem gegenüberliegenden Ufer und ruft Skepsis hervor.

Ausbildungsmonopol schreckt ab

«Liturgie im Fernkurs» heisst die Ausbildung, die von der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz (DOK) bisher als einzige entsprechende Ausbildung anerkannt ist. Angeboten und durchgeführt wird der Fernkurs vom Liturgischen Institut der deutschsprachigen Schweiz in Fribourg. Entwickelt wurde er vom Deutschen Liturgischen Institut in Trier, das Österreichische Liturgische Institut in Salzburg hat ihn ebenfalls im Programm. Über rund 12 Monate Grundkurs erarbeiten die Teilnehmenden im Selbststudium sieben Lehrbriefe à 70 bis 90 Seiten. Dazu kommen vier Kurstage sowie Praxisübungen in der Heimat-Pfarrgemeinde. Dort werden die Teilnehmenden durch einen Mentor oder eine Mentorin begleitet. Das können Erwachsenenbildner wie der Theologe Jürgen Heinze oder auch Seelsorger wie Diakon Andreas Bossmeyer sein.

Beide Theologen haben Erfahrungen mit Liturgiegruppen und auch mit den entsprechenden Ausbildungen. Andreas Bossmeyer, der früher im deutschen Bistum Limburg im Dienst war, gibt zu, er sei «skeptisch bei den Ausbildungen. In Deutschland war es so, dass wir zahlreiche Laien ausgebildet haben, und danach durften sie doch nicht die Wort-Gottes-Feiern leiten, weil Priester vor Ort oder die Bischöfe das nicht goutierten». Eine Frage, die sich in einem liberalen Bistum wie Basel vielleicht nicht unbedingt stellt. Dass es Anleitung geben soll, steht für Andreas Bossmeyer ausser Frage. Jürgen Heinze von Bildung und Propstei pflichtet bei: «Die angehenden Laienliturgen brauchen eine fundierte Ausbildung. Doch Liturgie im Fernkurs hat als einziges anerkanntes Angebot eine Art Monopolstellung und ist dabei sehr hochstehend». Mögliche Interessierte könnten also abgeschreckt werden, ohne dass eine alternative Ausbildung existiert.

Das Gefühl, für Liturgie-Kurs Matur nachholen zu müssen

Diese Einschätzung teilen auch die drei liturgieerfahrenen Frauen aus Hermetschwil. Alle absolvierten Anfang der 2000er Jahre die auf drei Jahre verteilte Ausbildung «Gottesdienst gestalten und leiten» in der Propstei Wislikofen. Dieses Angebot wurde in das Liturgiemodul der Katechetischen Ausbildung ModulAar überführt, die ausschliesslich auf angehende Katecheten und Katechetinnen ausgelegt ist. «Ich finde es schade, dass es die Ausbildung so nicht mehr gibt», sagt Rita Brem-Ingold. Und Susanne Wietlisbach ergänzt: «Wichtig ist, dass es eine Ausbildung gibt, bei der man nicht am Anfang denkt‚ da muss ich erst die Matur nachholen, bevor ich das schaffe». Clivia Kempter fügt noch einen dritten Aspekt hinzu: «Die Leute, die sich vielleicht interessieren, wollen genauer wissen, was sie erwartet. Die kaufen nicht die Katze im Sack, und wenn der Zeitaufwand zu gross wird, investieren sie diese Zeit lieber in die berufliche Weiterbildung». Es herrscht also Skepsis auf dieser Seite des Flusses.

Auf dem gegenüberliegenden Ufer und bestens mit dem Fernkurs Liturgie vertraut, steht Gunda Brüske Rede und Antwort. Sie ist Co-Leiterin am Liturgischen Institut der deutschsprachigen Schweiz und führt den Fernkurs Liturgie durch. Seit 1994 gibt es das Angebot, schon damals im Zusammenhang mit der Überlegung, dass irgendwann Laien gebraucht werden, die Wort-Gottes-Feiern leiten können. Den Vorwurf, der Fernkurs sei zu anspruchsvoll, lässt sie nicht gelten: «Wir haben im Schnitt alle zwei Jahre zwischen 15 und 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ich habe zwar keine Daten bezüglich der Bildungsabschlüsse der Teilnehmenden, doch die Herausforderungen zu Kursbeginn haben mehr mit der liturgischen Vorbildung zu tun, als mit dem Schulabschluss. Mit dem Niveau hat es bisher keine mir bekannten Probleme gegeben».

Schützenhilfe bekommt sie in diesem Punkt von Christa Kaufmann. Die Sekretärin an der Fachstelle für Religionspädagogik in Zürich hat den Fernkurs von 2010 bis 2012 absolviert. «Der Kurs ist sicher anspruchsvoll, er setzt vor allem persönliches Interesse – und Dranbleiben – voraus. Für die Bearbeitung eines Lehrbriefes (zirka 80 Seiten) nahm ich mir etwa einen Monat Zeit», erinnert Christa Kaufmann sich. Sie ist im Katholischen Kirchenzentrum Brugg-Nord engagiert, unter anderem im Team, das einmal im Monat eine Wort-Gottes-Feier vorbereitet und durchführt. Der Kurs, so erklärt sie weiter, sei gut aufgebaut. Zudem seien alle Termine weit im Voraus bekannt, was eine gute Planung ermögliche.

Bischof könnte andere Ausbildung zulassen

Was Gunda Brüske nachvollziehen kann, ist die Skepsis bezüglich des deutschen Ursprungs. «Es ist tatsächlich so, dass sich die Kirche in Deutschland und die in der Schweiz pastoral und liturgisch soweit unterscheiden, dass zusätzliche Passagen für die Schweizer Version des Fernkurs‘ geschrieben wurden. Gemeindeleiter und –leiterinnen kommen in den Briefen zum Beispiel nicht vor, obwohl es sie in der Schweiz und auch Österreich gibt. Deshalb empfinden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Briefe manchmal als ‚sehr deutsch‘», erklärt Gunda Brüske. Ebenfalls wertvoll findet sie den Hinweis auf «die Katze im Sack», die mögliche Interessierte nicht unbesehen kaufen wollen. Vielleicht sei es ein Weg, Probeauszüge an Interessierte und in der Erwachsenenbildung Tätige abzugeben, damit diese sich ein eigenes Bild vom Fernkurs machen und besser informieren könnten.

Bleibt die Frage nach der Monopolstellung. «Wir haben mit dem Fernkurs im Moment die einzige anerkannte Ausbildung für Laien, die Wort-Gottes-Feiern am Sonntag durchführen und leiten wollen, das stimmt. Doch das ist nicht in Stein gemeisselt. Derjenige, der auch andere Ausbildungen anerkennen kann, ist abgesehen von der DOK der jeweilige Diözesanbischof», erklärt Gunda Brüske. Eine Anfrage beim Bistum Basel, ob Felix Gmür grundsätzlich bereit wäre, mögliche alternative Ausbildungsangebote zu prüfen und für sein Bistum anzuerkennen, heisst es kurz: «Das Thema ist bei uns in Bearbeitung und wird offenbar auch in der DOK diskutiert. Ein Ergebnis liegt derzeit noch nicht vor». Die Nachfrage bei der DOK ergibt: Aufgrund verschiedener Anfragen wird das Thema grundsätzlich diskutiert.

Engagierte Laien kompensieren Personalmangel

Wenn Clivia Kempter, Rita Brem-Ingold und Susanne Wietlisbach in der hellen Dorfstube in Hermetschwil von den Anfängen ihrer Liturgiegruppe erzählen, wird deutlich, wie wichtig es ist, dass sich an der jetzigen Situation etwas ändert. Die Gruppe entstand aus dem Pfarreirat, der bald Zwanzigjahrjubiläum hat und vom Benediktinerpater Bonifaz Klingler gegründet wurde. «Er wollte, dass Liturgie und Seelsorge breit abgestützt sind und die Pfarrgemeinde vor Ort nicht nur verwaltet wird. Er wünschte sich Leute, die mitgestalten. ‚Ihr werdet nach meinem Weggang nicht so schnell einen neuen Pfarrer bekommen‘, das war ihm klar im Jahr 2005», erzählen die drei Frauen. Eine Situation, die in Zukunft vermehrt vorkommen wird.

Dabei beweist das Beispiel Hermetschwil, dass es auch anders geht: Mit mutigen und engagierten Frauen – andernorts auch Männern – die gerne eine fundierte liturgische Ausbildung absolvieren, wenn sie in ihren normalen Alltag mit Beruf und Familie integriert werden kann. Regionale Nähe, nennen Susanne Wietlisbach, Rita Brem-Ingold und Clivia Kempter als ein wichtiges Kriterium. Ein weiterer Grund, aus dem auch Gunda Brüske alternative Ausbildungen für wichtig hält: «Manche Teilnehmenden ziehen regionale Angebote vor». Gleichzeitig erlebe sie die Gespräche an den Kurstagen, den Austausch über die Situationen in unterschiedlichen Bistümern, Regionen oder zwischen Stadt und Land als wertvoll.

Es werden also Laien gebraucht. Und es braucht eine Lösung für das beschriebene Ausbildungsdilemma. Sollen Laien Wort-Gottes-Feiern vorbereiten und leitend durchführen, brauchen sie zunächst eine vom Bischof anerkannte Ausbildung, die ihnen auch Sicherheit gegenüber Priestern gibt, die Laien in der Liturgie skeptisch gegenüber stehen. Ist der anerkannte Ausbildungsweg jedoch alternativlos und dergestalt, dass er Interessierte abhält, verlieren die Pfarrgemeinden nicht nur engagierte Menschen. Es kann sein, dass dann mancherorts liturgisch ‚einfach gemacht‘ und damit liturgischem Wildwuchs Vorschub geleistet wird. Und damit ist niemandem gedient; weder den Laien, noch den Gemeinden, noch dem Wort Gottes.

 

Für alle Interessierten:

Wort-Gottes-Feiern feiern und vorbereiten – Bildung und Propstei

Liturgie im Fernkurs – Liturgisches Institut der deutschsprachigen Schweiz

Update 19. Mai 2017: Ganz unten auf der Seite des Fernkurs Liturgie ist ein Probeauszug aus dem ersten Lehrbrief verlinkt.

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