Am ersten Schweizer Gottesdienst für Menschen, die um ein Tier trauern (im Hintergrund Pfarrer Michael Schaar von der Offenen City-Kirche Zürich), konnten die Anwesenden für ihre verstorbenen vierbeinigen Gefährten eine Kerze anzünden und Gedanken in ein Kondolenzbuch schreiben. | © Andreas C. Müller

Zürcher City-Kirche mit erstem Tiertrauergottesdienst

Andreas C. Müller, 4.2.19
  • Zum ersten Mal in der Schweiz fand am vergangenen Sonntag, 3. Februar, ein Gottesdienst für Menschen statt, die um ein Tier trauern. Die Besucherinnen und Besucher kamen nicht nur aus der ganzen Deutschschweiz, sondern auch aus dem deutschsprachigen Ausland.
  • Die Trauer um ein Tier werde vielfach belächelt, so der Konsens am ersten Schweizer Tiertrauergottesdienst. In Zürich sollen darum weitere Veranstaltungen zum Thema Trauer um Tiere folgen. Auch eine Trauergruppe für Tierhalter ist geplant.

 

«In tiefer Liebe und Dankbarkeit», oder: «Ich werde euch immer lieb haben». Diese und ähnliche Sätze zierten nicht die Trauerbänder von Kränzen an einer Beerdigung, sondern wurden von den Anwesenden am ersten Schweizer Gottesdienst für Menschen, die um ein Tier trauern, in ein Kondolenzbuch geschrieben. Zwar hatten sich am vergangenen Sonntag, 3. Februar, nur wenig mehr als 30 Personen in der Offenen City–Kirche St. Jakob beim Stauffacher in Zürich versammelt – dafür aber kamen einige von weit her: Aus den Kantonen Thurgau und Solothurn beispielsweise, aber auch aus Voralberg und sogar aus Frankfurt.

Für Nicht-Tierhalter nur schwer nachvollziehbar

«Wir wollen heute ein Thema benennen, das in der Gesellschaft noch nicht angekommen ist: Die Trauer um unsere tierischen Gefährten». Mit diesen Worten eröffnete Michael Schaar, reformierter Pfarrer der Offenen City-Kirche St. Jakob und Vorstandsmitglied von «AKUT» (Aktion Kirche und Tiere), die Andacht. Überhaupt seien Tod und Trauer zu Randthemen geworden. «Und gerade für Menschen, die kein enges Verhältnis zu Tieren haben, ist die Trauer um ein Tier nur schwer nachvollziehbar», erklärte Michael Schaar. «Davon sollten wir uns aber nicht verunsichern lassen».

Im Verlaufe des Gottesdienstes konnten die Tierhalter für ihre verstorbenen vierbeinigen Familienmitglieder Kerzen anzünden und Gedanken in ein Kondolenzbuch schreiben. Familie Schenker beispielsweise hat vor einem Jahr ihre Stute Kahila verloren. Nach einem erfüllten Leben sei das Pferd im Alter von 31 Jahren gestorben, «nachdem es 20 Jahre mit uns gelebt hat», berichtete Frau Schenker nach dem Gottesdienst. «Sie war ein Familienmitglied und der massgebliche Grund dafür, dass wir verheiratet sind und unser Kind haben». Zudem habe Kahila vielen Kindern Vertrauen geschenkt, die schwierige Situationen erlebt hätten.

Trauer um Tiere: Ein Forschungsgebiet

Herr und Frau Meier trauern noch immer um ihre Katzen, die 2016 innerhalb von drei Monaten verstorben sind. Dass erst kürzlich auch noch die Katze einer Bekannten, die sie immer wieder gehütet hätten, gestorben sei – noch dazu bei ihnen, habe alte Wunden wieder aufgerissen. Dass sie in ihrer Trauer nicht immer nur auf Verständnis stossen, konnten die beiden bestätigen: «Deine Katzen waren doch schon alt. Du hast ja gewusst, dass das kommt», heisse es manchmal. Sie nähme das den Leuten, die sich so äusserten, aber nicht übel, meinte Frau Meier, denn: «Wer selber keine Tiere hat, versteht das nicht».

«Viele Menschen können nicht nachvollziehen, dass Tiere nicht einfach bewegte Dinge sind, sondern Gefährten, an denen man mit dem Herzen hängt», erklärte Tierärztin Marion Schmitt aus Hannover. Die 25-Jährige beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der Trauer um Haustiere. Pfarrer Schaar wurde zufällig auf diese Arbeit aufmerksam und lud Marion Schmitt spontan ein, am Gottesdienst anstelle der Predigt aus ihrer Forschung zu berichten.

«Tiere erfüllen dieselben Aufgaben wie Menschen»

Als wichtigste Erkenntnis ihrer Arbeit erachtet Marion Schmitt den Umstand, dass es prinzipiell keinen Unterschied gebe zwischen der Trauer um einen Menschen und einem Tier. Gleichwohl werde Letztere oft bagatellisiert, erklärte die junge Tierärztin den Anwesenden in Zürich. «Es ist doch nur ein Haustier», bekämen die Betroffenen oft zu hören. «Würde man sich in ähnlicher Weise über ein verstorbenes Elternteil äussern, hätte das gesellschaftliche Ächtung zur Folge», meinte Marion Schmitt.

Tiere seien aber Familienmitglieder und erfüllten oft Aufgaben, wie sie auch Menschen in einer Beziehung übernehmen würden, führte die Tierärztin aus Hannover weiter aus. «Oft verbringen wir Jahrzehnte mit unseren Haustieren – und dann verbindet uns viel mehr mit ihnen, als uns zunächst bewusst ist. Wenn das Tier dann stirbt, ist das einschneidend.» Und oft müsse man noch den Entscheid treffen, das Tier einzuschläfern: «Gemeinsam mit dem Tierarzt wird geschaut, ob ein Weiterleben dem Tier noch zuträglich ist. Man entscheidet hierbei aber nicht über, sondern für das Tier», betonte Marion Schmitt, die mit solchen Situationen aus ihrer Arbeit in der Kleintierpraxis vertraut ist.

«Beseelt von demselben göttlichen Geist»

Unter den Anwesenden in der Zürcher City-Kirche befanden sich neben Trauernden wie den Schenkers oder den Meiers auch Menschen, die wie Christa und Bernhard Rinke durch ihre Anwesenheit Gottesdienste unterstützen wollen, die Tiere zum Thema machen. Aus diesem Grund seien die beiden auch mit ihren beiden Hunden in die City-Kirche beim Zürcher Stauffacher gekommen. «Wir finden so etwas wichtig, denn Tiere sind auch Mitglieder unserer Gesellschaft», erklärte Christa Rinke.

Christine Gadola war es zudem ein Anliegen, dass an geschlachtete Tiere gedacht wird. Zu diesem Zweck hatte die Tier- und Klima-Aktivistin eigens Flyer von vegetarischen Organisationen mitgebracht und verteilt. «Wenn ich Christen auf den Fleischkonsum anspreche, kommt oft die Begründung unter Verweis auf die Bibel, dass die Tiere doch dem Menschen untertan seien», berichtete Christine Gadola und meinte, dass sie das nicht gelten lasse – auch unter Verweis auf die Worte von Pfarrer Schaar: «Menschen und Tiere sind von demselben göttlichen Geist beseelt.» Mehr noch: «Würden wir keine Tiere mehr essen, müsste niemand auf der Welt mehr hungern, ist Christine Gadola überzeugt.

Von Kirchenfernen an den Pfarrer herangetragen

Das Thema der Trauer um Haustiere wurde für Michael Schaar mit Antritt der Pfarrstelle an der Zürcher City-Kirche bedeutsam. Wöchentlich am Dienstag von 16.30 Uhr bis 18 Uhr könnten Menschen unangemeldet im Kirchenraum eine Pfarrperson treffen und ein seelsorgliches Gespräch führen. «In diesen Gesprächen war die Trauer um Haustiere oft ein Thema – und zwar vielfach bei Menschen, die nicht Mitglieder der Kirche sind», so Michael Schaar. Auch der Wunsch nach Bestattungsritualen sei bereits verschiedentlich geäussert worden. Pfarrer Schaar dazu: «Wir wollen das theologisch reflektiert und begründet entwickeln. Aber das braucht sicher noch etwas Zeit.» In jedem Fall werde künftig eine Gedenkfeier für Trauernde von Haustieren ihren festen Platz im Jahreskalender haben. Und auch eine Trauergruppe für Tierhalter sei geplant. Zudem gebe es in Zusammenarbeit mit der Paulus-Akademie und dem Bestattungsamt Zürich im April dieses Jahres eine weitere Veranstaltung zum Thema.

Sehr angetan von der diesjährigen Feier zeigte sich Natalie Ende aus Frankfurt. Die Pfarrerin aus Deutschland kam eigens für den Gottesdienst in die Schweiz. Die Seelsorgerin aus der Bankenmetropole schreibt an einem Buch über die Rolle der Tiere in der Kirche: «Zum einen untersuche ich, welche Bedeutung sie in der Bibel haben, aber auch, wie sie in der Kirche einbezogen werden – beispielsweise in Gottesdiensten, bei Reitexerzitien oder auf Pilgerreisen». Einen Gottesdienst eigens für Trauernde um Tiere habe sie in Deutschland bis anhin noch nicht gefunden, meinte Natalie Ende. «Das ist ein ganz neuer Weg.»

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Anna Bopp und Eveline Schneider-Kayasseh (von links) von «AKUT» (Aktion Kirche und Tier. | © Andreas C. Müller
«AKUT»-Mitarbeitende
Nach Antritt der Pfarrstelle an der Zürcher City-Kirche beim Stauffacher wurde Michael Schaar immer wieder von Menschen angesprochen, die um ein Haustier trauerten. Gemeinsam mit «AKUT» organisierte er darum den ersten Schweizer Tiertrauergottesdienst. | © Andreas C. Müller
Pfarrer Michael Schaar
Familie Schenker hat vor einem Jahr ihre Stute Kahila verloren. | © Andreas C. Müller
In Trauer vereint
Wollen mit ihrer Anwesenheit zeigen, dass sie den Tiertrauergottesdienst in Zürich eine gute Aktion finden: Christa und Bernhard Rinke mit ihren Hunden. | © Andreas C. Müller
Christa und Bernhard Rinke
Christine Gadola, Tier- und Klima-Aktivistin, posiert mit dem «Veganerzeichen». Ihr ist es ein Anliegen, dass auch um die geschlachteten Tiere getrauert wird. | © Andreas C. Müller
Christine Gadola
Kam extra aus Frankfurt nach Zürich: Pfarrerin Natalie Ende
Natalie Ende

Trauer folgt keinen logischen Gesetzen

Marion Schmitt

Forscht zum Thema Trauer um Haustiere und berichtete in Zürich aus ihrer Arbeit: Tierärztin Marion Schmitt aus Hannover. | © Andreas C. Müller

Frau Schmitt, was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrer Forschung?
Marion Schmitt: Die wichtigste Erkenntnis ist wahrscheinlich, dass es prinzipiell keinen Unterschied gibt zwischen der Trauer um einen Menschen und einem Tier. Wenn man davon ausgeht, dass Trauer eine normale Reaktion auf einen Verlust ist, ist das auch nicht verwunderlich. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass die Trauer um Menschen wie um Tiere in jedem Fall sehr individuell ist.

Man ist versucht zu sagen, dass gerade ältere und alleinstehende Menschen stärker um ein Haustier trauern, weil das Tier für sie ein Partnerersatz ist. Stimmt das?
2017 bestanden 70 Prozent der deutschen Haushalte mit Heimtieren aus zwei oder mehr Personen, und 53 Prozent der Heimtiere lebten bei Menschen, die jünger waren als 50 Jahre. Das Bild vom alten, einsamen Menschen stimmt so also nicht.

Gibt es Unterschiede bei der Trauer in Abhängigkeit zur Bindungsfähigkeit und Lebensdauer eines Tieres? Also wird beispielsweise um einen Hund eher und stärker getrauert als um ein Zwergkaninchen?
Trauer ist eine Emotion und als solche individuell und sehr subjektiv. Sie zu messen ist daher kaum möglich. Manche Menschen trauern um ihr Kaninchen genauso oder stärker als andere Menschen um ihren Hund und umgekehrt. Jeder Mensch ist einzigartig, jedes Tier, jede Beziehung und jede Verlustsituation. Trauer folgt keinen logischen Gesetzmässigkeiten.

Mit Ihrer Dissertation wollen Sie ein Bewusstsein für Trauer um Haustiere schaffen. Inwiefern fehlt das unserer Gesellschaft?
Ich habe das Gefühl, dass es generell an Verständnis für Trauernde fehlt – auch, wenn es um den Verlust eines Menschen geht. Es mangelt an Wissen darüber, wie ich mit Trauernden umgehen soll. Die Menschen haben den Bezug zum Tod und zur Trauer verloren. Das ist insofern gefährlich, als dass aus unterdrückter oder verdrängter Trauer psychische Störungen und Gefahren für die körperliche Gesundheit entstehen können.

 

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