Im Rahmen der Aktionstage «achtsames aarau» erhielten Interessierte von Donnerstag bis Samstag die Möglichkeit, sich mit Spiritualität im öffentlichen Raum auseinanderzusetzen. So beispielsweise am Donnerstagabend im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema Achtsamkeit. Es diskutierten (von links) Didine Stauffer, Kerem Adigüzel, Claudia Nothelfer (Moderation), Christoph Fruttiger, Christian Rutishauser und Bernhard Lindner (Moderation). | © Andreas C. Müller

Aarau: Innehalten, lauschen, schauen und erleben

Andreas C. Müller, 12.5.19
  • Von Donnerstag bis Samstag organisierte die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau mit dem Pastoralraum Region Aarau einen Erlebnisparcours der anderen Art.
  • Ziel der verschiedenen Aktionen war es,  spirituelle Angebote besonders Menschen zugänglich zu machen, die sich von den Kirchen entfremdet haben.
  • Projektleiterin Susanne Andrea Birke zieht ein erstes positives Fazit. In zwei Jahren soll der Anlass erneut durchgeführt werden.

 

Während der vergangenen drei Tage stand Aarau ganz im Zeichen der Achtsamkeit. Ganz dem Motto entsprechend nicht schrill, sondern leise. Das Wetter meinte es leider nicht allzu gut mit den Veranstaltern. Wegen immer wieder einsetzender Niederschläge blieben die Besucherzahlen bei den unter freiem Himmel vorbereiteten Installationen unter den Erwartungen.

Achtsamkeit: Religiosität der Seele

Was darf man eigentlich unter Achtsamkeit verstehen? Darüber diskutierten gleich am ersten Abend in der Stadtbibliothek der Psycho-Onkologe Christoph Fruttiger vom Kantonsspital Aarau, der oberste Jesuit in der Schweiz, Christian Rutishauser, der Islam-Reformer Kerem Adigüzel und die Percussionistin Didine Stauffer.

Achtsamkeit sei das «Gewahr werden» der Umgebung, ein «nichtwertendes Beobachten», definierte es Kerem Adigüzel. Im Koran komme der Begriff Achtsamkeit 258 Mal vor – in unterschiedlichen Formen.

«Achtsamkeit ist die natürliche Religiosität der Seele», brachte es Jesuitenprovinzial Christian Rutishauser in Anlehnung an Hermann Hesse auf den Punkt. Für die Musikerin Didine Stauffer werde Achtsamkeit vor allem spürbar, wenn sie mit anderen improvisiere.

Achtsamkeit: Unerreichbar

Achtsamkeit sei im Grunde ein so hohes Ziel, das man gar nicht erreichen könne, umschrieb es Christoph Fruttiger. Das wiederum sei entspannend, weil man so immer wieder getrost von Neuem beginnen könne. Für jene aber, die in die Achtsamkeit gezwungen würden, sei es schwer, ergänzte der Psycho-Onkologe in Anlehnung an Erfahrungen aus dem Berufsalltag mit Krebspatienten.

«Achtsamkeit ist nicht einfach da, sondern eine Haltung, die ich einüben muss», meinte Christian Rutishauser. Und Achtsamkeit könne dazu führen, dass einem plötzlich Dinge in einem anderen Licht erscheinen, ergänzte Kerem Adigüzel: «Dass Frauen in einer Moschee als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, ist mir zunächst gar nicht bewusst gewesen«.

Achtsamkeit: Ein Modewort

Die Podiumsteilnehmenden kamen überein, dass es angesichts der aktuellen Reizüberflutung besonders schwierig sei, achtsam zu sein. Mehr noch: Achtsamkeit sei bereits als Modewort vereinnahmt worden. «Womöglich leben wir alle in einem Blindheitszustand. Und weil es uns allen gleich geht, glauben wir, wir seien sehend», beschrieb Christian Rutishauser die aktuelle gesellschaftliche Befindlichkeit.

In der Tat bedurfte es durchaus einiger Aufmerksamkeit, um die verschiedenen Angebote zu den Aktionstagen in Aaraus Innenstadt zu entdecken. Beispielsweise jene Personen in der Bahnhofsunterführung, die in schwarzen Jacken mit der Aufschrift «Gute Reise-gute Heimkehr» einfach nur dastanden und den vorbeieilenden Menschen eben solche Wünsche mit auf den Weg gaben.

Achtsamkeit: Sich auf eine Unterbrechung einlassen

Oder dann die am Bahnhofsplatz am Boden aufgeklebten Wortinseln: «Glücksgefühle» oder «einfach Leben» stand auf den grossen Klebern am Boden. «Die Leute sind meist mit dem Handy beschäftigt und gehen so in Richtung Bahnhofseingang. Einige bleiben dann unvermittelt vor einem der grossen Kleber stehen», beschrieb Peter Michalik von der Fachstelle Bildung und Propstei die Reaktionen der Passanten. Und wer sich schon einmal auf eine Unterbrechung eingelassen hatte, konnte sich am Stand gegenüber an etwas erinnern, das ihn im Laufe der letzten Tage besonders bewegt hatte, und dazu eine Schachtel gestalten.

Zumindest zum Teil auffälliger kam das Angebot bei der Markthalle daher: Schon von Weitem waren rhythmische Klänge zu vernehmen. Boris Lanz vom Pastoralraum Region Aarau hatte allerlei Alltagsgegenstände zusammengetragen, mit denen, wer wollte, drauflos musizieren konnte. In der Markthalle selbst hatte der Christlich-Jüdische Arbeitskreis Aargau (CJA) eine Frage- und Klagemauer aufgestellt. Auf dieses Angebot seien jedoch viel zu wenige aufmerksam geworden, erklärte Urs Urech vom CJA gegenüber Horizonte.

Achtsamkeit: Zuhören

In der Jurte auf dem Schlossplatz gab’s für die Kinder Märchen und biblische Geschichten: Die beiden professionellen Märchenerzählerinnen Moni Egger und Eveline Amsler durften insbesondere am Samstagvormittag viele Kinder unterhalten, während sich deren Eltern ihren Einkäufen auf dem angrenzenden Markt widmeten. «Ich habe auf dem Markt gezielt Familien mit Kindern angesprochen und sie auf unser Angebot aufmerksam gemacht. Das kam gut an», berichtete Bernadette Bernasconi, deren Pfarrei Schöftland die Jurte stellte. Ohne dieses «aktiv auf die Leute zugehen» hätte das Geschichtenzelt wahrscheinlich nicht so gut funktioniert, meinte die Helferin.

Unweit des Geschichtenzeltes traf man den Aarauer Gemeindeleiter Burghard Förster. Ihm gegenüber ein leerer Stuhl: Eine nur allzu offensichtliche Einladung zum Gespräch. «Ich will ein schlichtes Zeichen setzen und zeigen: Die Kirche ist ansprechbar und hat Zeit», so Burghard Förster gegenüber Horizonte. Gespräche habe es durchaus gegeben, aber es brauche natürlich etwas Überwindung, herzukommen und sich zu informieren, worum es geht.

Achtsamkeit: Auf ganz andere Art und Weise unterwegs sein

«achtsames aarau», das stand in den vergangenen Tagen auch für ein buntes Angebot an geführten Angeboten mit der Möglichkeit, ganz in etwas Anderes einzutauchen. Zur Auswahl standen Sitz- und Gehmeditationen, eine Kurzform von Stadt-Exerzitien sowie verschiedene Stadtrundgänge.

Bei der Stadtbibliothek lud beispielsweise Claudia Mennen zur Brunnenführung. «Brunnen waren früher ganz wichtige Orte: Dort traf man sich. Es wurde gestritten, Recht gesprochen und Handel getrieben. Es wurden Beziehungen geknüpft und Hochzeiten arrangiert», so die Leiterin des Bildungshauses der Römisch-Katholischen Landeskirche, der Propstei Wislikofen, wo verschiedene Kursangebote die Menschen zu mehr Achtsamkeit anregen.

«achtsames aarau»: Fortsetzung in zwei Jahren

Projektleiterin Susanne Andrea Birke von der Römisch-Katholischen Landeskirche zieht eine erste positive Bilanz und vor allem überwältigt vom Einsatz aller Mitwirkenden: «Dafür möchte ich mich bei allen ganz herzlich bedanken. Trotz Wind und Wetter war so viel Engagement und Kreativität spürbar». Klar, seien nicht alle Angebote gleich gut gelaufen, aber das werde man noch genauer anschauen. In zwei Jahren soll die Veranstaltung möglichst am selben Ort wieder stattfinden. «Ob das klappt, hängt aber noch von der Bereitschaft des Pastoralraums Region Aarau ab».

 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Abonnieren Sie unseren Newsletter. Er erscheint alternierend zur Printausgabe alle zwei Wochen – immer mit den aktuellsten Horizonte-Geschichten und oftmals spannenden Verlosungen.