Seit einem Jahr leben Rosemarie Amstutz und Zana Hame aus Syrien zusammen unter einem Dach. DIe bald 90-jährige Rentnerin entschloss sich, den 21-jährigen Flüchtling bei sich aufzunehmen. «Alle sagen immer: Man sollte machen... und erwarten dies dann von den anderen. Ich möchte nach dem Evangelium leben, das hat meinen Entscheid sehr beeinflusst», so die überzeugte Katholikin. | © Roger Wehrli

Arbeiten, Wohnen, Zweifeln, Glauben – Teil 2

Andreas C. Müller, 17.7.19
  • Zwei Menschen, ein Thema: Die Horizonte Sommerserie 2019 bringt Menschen unterschiedlicher Standpunkte ins Gespräch.
  • Für den zweiten Teil der Horizonte-Sommerserie besuchte die Redaktion die bald 90-jährige Rentnerin Rosemarie Amstutz und den 21-jährigen Flüchtling Zana Hame aus Syrien. Die beiden leben seit einem Jahr zusammen unter einem Dach.

 

«Schon meine Mutter war Fremden gegenüber stets aufgeschlossen», erinnert sich die bald 90-jährige Rosemarie Amstutz. Vor einem Jahr hat sie den heute 21-jährigen Zana Hame aus Syrien bei sich aufgenommen. Die beiden leben seither erfolgreich in einer Art Wohngemeinschaft.

Er: Dank der UMA-Schule raus aus der Asylunterkunft

Sie Mutter von sechs Kindern, aufgewachsen in Zürich, er aus Syrien, vor vier Jahren als unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender (UMA) vor dem Bürgerkrieg in die Schweiz geflohen. Zana lebte zunächst in zwei verschiedenen Asylunterkünften, besuchte die UMA-Schule in Aarau, lernte Deutsch und konnte sich eine Lehrstelle als Logistiker sichern.

Für seine neue Herausforderung brauchte Zana eine passendere Umgebung. Die ständige Unruhe in den Mehrbettzimmern der Asylunterkunft, die Konflikte und Reibereien unter den anderen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft waren kein geeigneter Ort für konzentriertes Lernen. Dank Silvia Balmer-Tomassini von der UMA-Schule kam Zana in einer Familie unter. Zu dieser fand Zana jedoch den Draht nicht, weshalb er sich nach einem neuen Zuhause umschaute. Erneut war es Silvia Balmer Tomassini, die ihm den Kontakt zu Rosemarie Amstutz vermittelte.

Sie: «Das Evangelium hat meinen Entscheid beeinflusst»

«Ich habe das natürlich mit meinen Kindern besprochen», erinnert sich die rüstige Rentnerin. Ein Klingelton reist sie aus ihren Ausführungen. Das Handy. Eine SMS-Nachricht von ihrer jüngsten Tochter. «Ich bin überrascht, wie gut sie das kann», lobt Zana Rosemaries Umgang mit der modernen Informationstechnologie. «Er hilft mir ab und zu», entgegnet sie anerkennend. Aber ja: Mit Informationstechnologie hat Rosemarie-Amstutz keine Berührungsängste. Noch mit 80 Jahren kam sie zu einem Computer und mailt seither fleissig.

Wie sie dazu kam, einen Flüchtling bei sich aufzunehmen? «Einer meiner Söhne meinte natürlich schon, warum denn eine 89-Jährige noch einen Flüchtling aufnehmen muss», beginnt die gebürtige Zürcherin die Geschichte. Lange überlegt habe sie dann aber nicht: Nachdem Silvia Balmer-Tomassini mit dem jungen Zana zu Besuch war, war die Sache entschieden: «Für mich war klar, dass ich nun Farbe bekennen muss. Alle sagen immer: Man sollte machen… und erwarten dies dann von den anderen. Ich möchte nach dem Evangelium leben, das hat meinen Entscheid sehr beeinflusst», bringt Rosemarie Amstutz ihren Entscheid auf den Punkt.

Er: Syrische Küche fürs gemeinsame Abendessen

Bereut hat sie es nicht. «In meinem Alter hat man schon so seine Probleme. Die Augen beispielsweise. Wenn ich etwas nicht sehe oder auch eine Wasserflasche nicht aufmachen kann, bin ich froh, wenn mir Zana helfen kann». Sie habe dem jungen Syrer von Anfang an voll vertraut. «Zana ist ein absolut anständiger, gut erzogener und treuer Mensch», lobt sie ihn. «Wenn ich denke, wie viele Menschen sich überhaupt nicht vorstellen können, jemand Fremden im Haus zu haben. Aber das bin ich vielleicht gewohnt: Mein Mann brachte früher immer spannende Menschen aus fremden Ländern nach Hause, erzählt Rosemarie Amstutz.

Rosemarie und Zana kommen gut miteinander klar, Rosemarie fühlt sich nicht eingeengt, Zana nicht bevormundet. Und bekocht wird Zana nicht, obwohl er es ist, der tagsüber zur Arbeit ausser Haus ist, und Rosemarie zuhause das Rentnerleben geniesst. «Das haben wir von Anfang an klar gestellt, dass ich nicht kochen würde», sagt Rosemarie Amstutz. «Ich habe früher für eine grosse Familie gekocht». So also hat Zana schon wiederholt für beide gekocht: Syrisch. Rosemarie Amstutz hat es geschmeckt – die arabische Küche ist ihr vertraut, einer ihrer Schwiegersöhne ist Tunesier.

Sie: «Wenn er zufrieden ist, bin ich es auch»

So viel Harmonie erscheint schon fast verdächtig. Gibt es da nichts, das zu Auseinandersetzungen führt? «Wir haben schon einen unterschiedlichen Rhythmus», meint Rosemarie Amstutz. «Er kocht sich sein Abendessen erst um neun Uhr abends». Nach einer kurzen Denkpause, während sie den jungen Mann anschaut, sagt sie dann: «Aber nein, es ist alles gut». Dann wendet sie sich Zana zu und fragt: «Oder hast du etwas, das du gern anders möchtest?» «Nein, alles stimmt so für mich», antwortet dieser. Und sie ergänzt: «Wenn er zufrieden ist, dann bin auch ich zufrieden».

Nach einem kurzen Moment kommt dann doch noch etwas: «Da ist noch so ein Gefühl, wir haben darüber noch nie gesprochen», beginnt Rosemarie Amstutz und wendet sich erneut an Zana: « Wenn du Besuch hast, dann sind deine Gäste immer oben bei dir im Zimmer. Da habe ich mich gefragt, ob du dich in den Räumen hier unten nicht wohl fühlst. Sogar essen tut ihr oben im Zimmer.» «Wir wollen dich einfach nicht stören», antwortet Zana. «Aber ihr stört doch nicht», beschwichtigt Rosemarie Amstutz.

Er: «Dank Rosemarie kann ich so gut Deutsch»

Flüchtlinge in Familien unterzubringen, ist nichts Neues, das wird schon seit längerer Zeit mit Erfolg praktiziert. Neu sei aber die Idee, junge Flüchtlinge und ältere Menschen zusammenzubringen, erklärt Silvia Balmer-Tomassini gegenüber Horizonte. Das Netzwerk Asyl und die UMA-Schule in Aarau wollen solche «Generationen-WGs« noch vermehrt fördern: «Auch in Buchs und Niederlenz haben wir bereits ältere Menschen und junge Flüchtlinge zusammengebracht, in Beinwil am See stehen wir noch in der Vermittlung», berichtet Silvia Balmer Tomassini.

Für die Lehrerin ist klar, dass beide Seiten enorm profitieren. «Gerade aufgeschlossene, alleinstehende ältere Menschen hätten jemanden, der sie im Alltag gelegentlich unterstützen könne. Umgekehrt ergäben sich für junge Flüchtlinge ideale Bedingungen für die Integration. Ohne Rosemarie, so ist Zana überzeugt, könnte er nicht so gut Deutsch. «Wir reden oft miteinander und sie hilft mir bei Wörtern, die ich nicht verstehe», sagt er. Und Silvia Balmer-Tomassini ergänzt: «In den Flüchtlingsunterkünften haben die jungen Erwachsenen keine Ruhe, da herrscht oft Stress und Unruhe. Keine guten Voraussetzungen, wenn die Leute für eine Lehre gefordert sind». Der Kanton habe das Problem erkannt, aber noch keine brauchbaren Lösungen. «Indem wir ältere Menschen und Flüchtlinge zusammenbringen, zeigen wir bereits, wie es funktionieren könnte.» Finanziell kommt den Kanton die WG nicht teurer als die Unterkunft. Er bezahlt bei vorläufig Aufgenommenen die obligaten neun Franken pro Tag.

Sie: «Er beeindruckt mich»

Zana und Rosemarie – ein ungleiches, aber harmonisches Paar. Beide wirken glücklich, kommen gut miteinander aus und aneinander vorbei, gleichzeitig finden sie aber immer wieder auch Berührungspunkte im gegenseitigen Austausch. Auch bei der Religion. Sie Katholikin, sagt über ihn, den Moslem: «Mich hat beeindruckt, warum du so entschieden auf Distanz gehst zur Religion. Und das nicht einfach, weil ihr als Kurden ohnehin einen distanzierten Umgang zur Religion habt». Zana dazu: «Der Islamische Staat IS mehrere meiner Onkel und Cousins getötet. Zu sehen, was Religion anrichtet, das hat schon eine Rolle gespielt».

Rosemarie Amstutz pflegt ihren Glauben, geht noch regelmässig zur Kirche, die sich in Sichtweite zu ihrem Haus befindet. «Weil ich noch gern zu diesem immer kleiner werdenden Grüppchen gehören möchte, dass der Kirche die Treue hält», sagt sie mit dem ihr eigenen Schalk. Ob sie Zana schon einmal mitgenommen habe? «Nein, bis jetzt nicht. Aber er möchte mich mal begleiten», sagt sie. Die beiden lachen.

 

 

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Zana ist mir im Alltag eine Hilfe, freut sich Rosemarie Amstutz: «In meinem Alter hat man schon so seine Probleme. Wenn ich etwas nicht sehe oder auch eine Wasserflasche nicht aufmachen kann, bin ich froh, wenn mir Zana helfen kann». | © Roger Wehrli
Hilfe im Alltag
Ohne Rosemarie könne er heute nicht so gut Deutsch, meint der 21-jährige Zana Hame aus Syrien. | © Roger Wehrli
Hilfe beim Deutsch
Will «Generationen-WGs» fördern: Silvia Balmer-Tomassini (ganz rechts). | © Roger Wehrli
Silvia Balmer-Tomassini (rechts)
Zana Hame ist 21 Jahre alt, stammt aus Syrien und lebt seit vier Jahren in der Schweiz. Nach Beginn seiner Lehre als Logistiker lebte Zana Hame zunächst bei einer Familie. Vor einem Jahr kam er bei Rosemarie Amstutz unter. | © Roger Wehrli
Zana Hame
Rosemarie Amstutz ist 89 Jahre alt und wohnt in Buchs.
Aufgewachsen ist sie in Zürich, hat 6 erwachsene Kinder und 11 Grosskinder. Vor einem Jahr entschloss sie sich, einen Asylbewerber bei sich zuhause aufzunehmen. | © Roger Wehrli
Rosemarie Amstutz

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