Aus allen Teilen Europas bringen Busse am frühen Donnerstagmorgen, den 28. Dezember 2017, Jugendliche und junge Erwachsene nach St.Louis. Das Ziel: Das 40. europäische Taizé-Treffen, welches in der Region Basel und Dreiländereck durchgeführt wird. Bis jede Gruppe weiss, in welche Gastgemeinde sie muss, heisst es warten. | © Andreas C. Müller

Das Dreiländereck wird zur Hotel-Rezeption

Anne Burgmer/Andreas C. Müller, 29.12.17
  • 17 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Europa checkten gestern fürs Europäische Taizétreffen im Dreiländereck ein.
  • Horizonte begleitete eine Gruppe aus Italien von St. Louis nach Erlinsbach. In der St. Jakobs Arena in Basel wurden derweil insgesamt 2 800 Jugendliche aus der Ukraine auf die Region verteilt.
  • Im organisierten Chaos behielten Brüder, Helfer und erfahrene Taizetreffen-Teilnehmende den Überblick.

 

In Basel kommen die Teilnehmenden aus Polen und der Ukraine an, im deutschen Lörrach erwartet man Deutsche und Kroaten. In St. Louis, Frankreich, erreichen taizébegeisterte Italiener, Franzosen und andere, spanisch- oder englischsprachige Gäste die Region: Das Dreiländereck gleicht einer riesigen Hotel-Rezeption.

Babylonisches Sprachgewirr und kühle Füsse

Kaum wird es hell, fahren die ersten Busse beim Lycée Jean Mermoz in St. Louis vor, der französischen Nachbarstadt von Basel. Rasch säumen hunderte junge Menschen das Schulgelände, babylonisches Sprachgewirr fast überall. Französisch, Englisch, Italienisch oder Spanisch lässt sich leicht heraushören, anderes lässt nur vermuten. Das nach einem Fliegerass und Abenteurer benannte Gymnasium ist neben dem Basler St. Jakob-Areal  ein weiterer Meeting-Point für die gut 17 000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die an diesem Tag zum 40. Europäischen Taizé-Jugendtreffen anreisen. Das findet 2017 in Basel und der Region statt.

Dort, in der Basler St. Jakob Arena, zieht derweil die Kälte durch die Schuhsohlen. Die Arena, eigentlich ein Eisstadion, ist in neue «Sektoren» unterteilt, in denen vor allen ukrainisch gesprochen wird. In «Sektor 13», hoch über dem abgedeckten Eis, sitzt eine Gruppe aus Rivne. Valentyn, der Gruppenverantwortliche, hat Erfahrungen mit dem Europäischen Taizétreffen; es ist sein siebtes. Rivne, das ist eine ukrainische Stadt knapp 1 800 Kilometer von Basel entfernt. Eine dreitägige Busfahrt steckt den Reisenden in den Knochen. Die Jüngste in der Gruppe ist 16, der Älteste 36 Jahre alt. Später werden die 57 Menschen der Gruppe aus Rivne in verschiedene Richtungen weiterziehen.

Mit Pandoro und Trommel im Gepäck

In St. Louis mustert eine Gruppe Italiener im Freien eine Karte und den dazu ausgegebenen Fahrplan. Nach Erlinsbach soll es gehen. «Che freddo», ächzt Daniele. In der Hand hält er einen Pandoro – eine italienische Gebäckspezialität. Der ist für seine Gasteltern bestimmt, die er noch nicht kennt. Seit Mitternacht haben er, Enrico, Marianna Elisabetta und Francesco von Turin aus im Reisecar über acht Stunden zugebracht. Jetzt müssen sie den Weg in ihre Gastgemeinde selbstständig finden. Zu den Turinern gesellt haben sich weitere junge Erwachsene, die mit einem Reisecar aus der Emilia Romagna angereist sind und ebenfalls nach Erlinsbach müssen. Unter Ihnen der hochgewachsene Sergio mit dem Djembé. Diese Trommel habe er immer dabei, erklärt der 24-Jährige. An einem europäischen Jugendtreffen sei er zum ersten Mal. Nach einem ersten Besuch in Taizé diesen Sommer habe es ihn gepackt.

Freiwillige, die noch nie in Taizé waren

Ähnlich klingt es, wenn Jola und Zofia aus Polen erzählen. Sie stehen am Parkplatz zwischen St. Jakob Arena und St. Jakob Halle und halten Schilder mit Pfeilen in Richtung Parkhaus vor sich. Seit sieben Uhr frieren sie und warten auf eine Pause. «Wir sind noch nie in Taizé gewesen und zum ersten Mal an einem Treffen. Eine Freundin war im Sommer in Taizé und erzählte uns davon. Das hat uns gefallen und jetzt sind wir hier», erzählt Jola. Seit dem 26. Dezember sind Jola und Zofia als Freiwillige in Basel und helfen.

Ohne die Helfer als lebendige Wegweiser zu Ankunft und später Essensausgabe, Gebet und Tramhaltestelle, ginge nichts. Mit allen Freiwilligen komme es zu der Zahl von 20 000 Besuchern, erklärt Frère Benoît in der St. Jakob Arena.  Frère Benoît ist der Medienverantwortliche des Treffens und mit einem Teil des Medienteams in der St. Jakob Arena im Einsatz. Die Zahlen, die er nennt oder in den täglichen Rundbriefen veröffentlicht, schmecken nach Grossereignis. Doch die Atmosphäre in der Arena gleicht eher einem Familientreffen: Eine junge Frau rennt freudestrahlend auf jemanden zu, fällt ihm um den Hals. Die anwesenden Brüder schütteln fast ununterbrochen Hände.

«Jemand öffnet für dich die Tür, der dich nicht kennt»

Nicht nur der Ukrainier Valentyn ist ein «alter Hase», was die Treffen angeht. Auch für Marianna ist es bereits das sechste Taizé-Jugendtreffen nach Rom, Strassburg Prag, Valencia und Riga. Warum sie immer wieder hinfährt? «Es gibt nichts besseres, als so den Jahreswechsel zu verbringen», meint die Mitzwanzigerin aus Turin. Besonders begeistert sie dieses «Willkommensding», wie sie es nennt. «Dass jemand die Tür für dich öffnet, der dich nicht kennt.»

In Olten steigt die Gruppe erneut um und nimmt den Zug Richtung Aarau. Auf Höhe Niedergösgen schreckt Sergio erstaunt auf: Der Kühlturm des Kernkraftwerks fasziniert ihn. So etwas habe er noch nie gesehen, meint er.

Erlinsbach wollte Gäste und bekommt sie

In Basel ist Frère Benoît  überall und nirgends, hat das Smartphone immer in der Hand, oft am Ohr und reicht es auch weiter, wenn es der Sache dient: Die verantwortliche Schwester am anderen Ende der Leitung weiss Zahlen. Insgesamt, so ergibt die Rechnung, sind im Aargau inklusive der Grenzgebiete bei Erlinsbach und Laufenburg zwischen 1 000 und 1 200 Gäste für das Treffen  untergebracht.

In Aarau erwarten Ruth Gradwohl (19) und Joanne Belser (18) aus Erlinsbach einige dieser Ankömmlinge aus allen Teilen Europas, um sicherzustellen, dass sie den richtigen Bus nehmen. Die beiden haben sich dafür engagiert, dass Erlinsbach Taizé-Gastgemeinde wird. 50 Übernachtungsplätze waren das Ziel, aufgenommen werden können nun 140 Personen. Darunter Deutsche, Italiener, Polen, Ukrainer und Weissrussen.

Ein Ständchen zur Begrüssung

Endlich – gegen 13.30 Uhr – treffen die Italiener im Pfarreizentrum bei der Kirche ein. Pfarrer Beda Baumgartner, Miriam Rippstein und die Clara-Schwestern haben Suppe vorbereitet. Dazu gibt’s Zopf, Kaffee und Streuselkuchen. Für Sergio eine Offenbarung. Er ist hungrig. Seit 7 Uhr früh, einem Becher Saft und einer Brioche, hat er nichts mehr zu sich genommen.

Im Pfarreizentrum werden die Ankömmlinge nach einer kleinen Verköstigung auf die gesamthaft 30 Gastfamilien und das Kloster der Clara-Schwestern verteilt. Dafür steht ein Privatbus im Einsatz, damit die Jugendlichen nicht zu viel Zeit verlieren und hernach innert Frist wieder nach Basel zum Abendgebet mit allen 20 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gelangen. So auch eine Gruppe aus der Ukraine, die bei Familie Köchli und ihren drei Kindern unterkommt. Zur Begrüssung bringen die Gäste ein Ständchen.

 

Hier gibt es alle Informationen zum Taizé-Treffen in Basel

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Basel: Wo am Abend das erste grosse Gebet stattfinden soll, werden durch den Tag hindurch die Gruppen aus der Ukraine in Empfang genommen und informiert. Während Gruppe um Gruppe erfährt, wo sie untergebracht werden, gestalten Freiwillige den Gebetsraum. | © Anne Burgmer
Teil der riesigen Hotelrezeption
Basel: Schlangestehen und warten auch vor der St. Jakob Halle. Je nach Herkunftsland, kommen die Gruppen in St. Louis (Frankreich), Lörrach (Deutschland) oder Basel an. Während das Gepäck im Parkhaus bleibt, erhalten die Gruppen in der St. Jakob Halle oder in der St. Jakob Arena alle weiteren Informationen. | © Anne Burgmer
Schlange stehen
St. Louis: Die Italiener aus Turin und der Emilia Romagnia (vorne links Marianna, Enrico und Sergio) rätseln am Bahnhof von St. Louis, auf welchem Gleis der Zug nach Basel fährt. | © Andreas C. Müller
Wohin geht es weiter?
St. Louis: Eine gemischte italienische Gruppe sucht ihren Weg nach Erlinsbach. Unter ihnen  Enrico (zweiter von links) Marianna, Sergio, Elisabetha, Francesco und Daniele (ab Position vier von links). | © Andreas C. Müller
Von Italien nach Basel ans Taizé-Treffen
Viele Jugendliche haben bei der Anreise im Bus kaum geschlafen. Als im Zug nach Olten endlich Sitzplätze zur Verfügung stehen, nutzen Daniele und Francesco sofort die Gelegenheit für ein Nickerchen. | © Andreas C. Müller
Zeit für ein Schläfchen im Zug nach Olten
Basel: Zwei Gruppen werden mit den notwendigen Informationen zum Europäischen Taizétreffen versorgt. Die rund 57 Mitglieder der  Gruppe links kommen aus Rivne, knapp 1800 Kilometer von Basel entfernt. Ein Teil der Gruppe wird nach Délèmont weiterfahren, ein anderer Teil reist Richtung Aargau. | © Anne Burgmer
Ankunft nach 1800 Kilometern
Basel: Freundlicher Empfang:  Jola (links) und Zofia aus Polen stehen seit sieben Uhr vor dem Parkhaus und zeigen den Ankommenden den Weg. Die Volunteers sind schon seit einigen Tagen in Basel. | © Anne Burgmer
Freundlicher Empfang
Basel: Frère Benoît möchte mit dem Team fotografiert werden. (beginnend mit links) Yurko (Uraine), Veronika (Schweiz), Frère Jean Danie (Taizé), Daniel (Deutschland), Frère Benoît (Taizé) und Jibin (Indien) sind Teil des rund 30-köpfigen Medienteams und an diesem Ankunftsvormittag in der St. Jakob Arena in Basel im Einsatz. Sie sind Anprechpartner für jeden Fall und behalten den Überblick. | © Anne Burgmer
Medienteam in der St. Jakob Arena
Die Gastfamilien (im Bild die Köchlis in Erlinsbach) wissen bis zur Ankunft der Besucherinnen und Besucher jeweils nicht, wen sie bei sich aufnehmen. | © Andreas C. Müller
Jede Ankunft eine Überraschung
Basel: Am Abend werden sich hier tausende junge Menschen zum Gebet versammeln, doch noch ist die St. Jakob Arena leer. Frère Benoît und Frère Jean Daniel warten mit Blick auf die Tische, an denen die Gruppenleiterinnen und –Leiter die Informationen und Teilnahmepässe  für ihre Gruppen bekommen. | © Anne Burgmer
Mit Ruhe durch den Vormittag
 
Anne Burgmer

von Anne Burgmer
redaktion@horizonte-aargau.ch

Die Gäste wissen nicht, wo sie genau übernachten werden. Die Gastgeberinnen und Gastgeber erfahren erst an der Haustüre, wen sie beherbergen werden. Das ist der Pilgerweg des Vertrauens.

Diese Haltung ist Ausdruck für die Überzeugung, dass alle Menschen ein und dieselbe Familie bilden, und Gott ausnahmslos jeden Menschen bewohne, schreibt Frère Alois, Vorsteher der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, in einem Brief aus Kalkutta.

Es war eindrücklich: Gruppe um Gruppe kam in die St. Jakob Arena, wurde informiert, bekam Faltpläne, Teilnahmekarten und ging wieder. Grosse Gruppen zerstreuten sich in kleinere Gruppen und fuhren teilweise in die entgegengesetzte Richtung zu den Gastgemeinden. Dort wiederum verteilten die Organisatorinnen, Pfarrsekretärinnen oder Pastoralreferenten die jungen Erwachsenen weiter. Und: Es funktionierte.

Es ist ein starkes Zeichen in einer Welt, die vielem mit Misstrauen und Kontrollwut begegnet, sich auf das Wagnis einzulassen, völlig fremde Menschen für einige Tage zu beherbergen. Vielleicht bräuchte es mehr davon.

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