In Solothurn wird Stefan Essig zum neuen nicht-residierenden Domherrn eingesetzt. Ansonsten schaltet und waltet der Pfarrer seit bald 18 Jahren in Leuggern. | © Anne Burgmer

Der rote Faden heisst Leuggern

Anne Burgmer, 11.4.19
  • Im Rahmen der Serie Priester und Diakone im Aargau porträtiert Horizonte Stefan Essig, der neu zum nicht-residierenden Domherren des Standes Aargau ernannt wird (siehe auch Zusatztext).
  • Geboren in Leuggern, aufgewachsenen im benachbarten Mettauertal ist er «eine vo do», was bei den Leuten sehr gut ankommt.
  • Einmal im Jahr besinnt sich der Pfarrer von Leuggern allerdings auf seinen ersterlernten Beruf und produziert Pralinés.

 

Manchmal fängt ein Porträt schon auf dem Weg zum Termin an: Im Zug treffe ich eine Bekannte von Stefan Essig. Sie verrät, dass der Pfarrer von Leuggern Tomaten züchte, teils seltene Sorten. Später darauf angesprochen, lacht Stefan Essig und zeigt auf die Fensterbank des Besprechungszimmers. Da stehen zwei kleine Ziehhäuser für Setzlinge. «Ja, das stimmt. Als Ausgleich zu meiner Arbeit bin ich oft im Garten oder koche. Irgendwann hat das mit den Tomaten angefangen und es gibt Abnehmer für Setzlinge», sagt Stefan Essig.

Der Glaube gab Halt in Übersee

Seit Mitte April 2001 ist der 53-Jährige in Leuggern und hat, so sagt er schmunzelnd, sicher eine der spektakulärsten Aussichten des Kantons. Der Blick aus dem Fenster schweift unverbaubar über den Klingnauer Stausee und etwas weiter rechts durchs Tal Richtung Tegerfelden. Die Kirche und das Pfarrhaus thronen hoch über dem Tal. Doch Stefan Essig, der 1996 zum Diakon und im Jahr darauf zum Priester geweiht wurde, ist schon viel länger mit Leuggern verbunden.

«Wenn mich Menschen fragen, woher ich komme, kann ich sagen, ‚ich bi vo do‘», erzählt der Mann, den man sich auch als Schwinger vorstellen kann. Zwar wuchs er im benachbarten Mettauertal auf, mit zwei jüngeren Schwestern und einem älteren Bruder, doch geboren ist er tatsächlich in Leuggern. Das Spital habe ein bisschen näher gelegen als das in Laufenburg. Auch seine Ausbildung zum Bäcker-Konditor hat er im Ort, nahe der Kirche, gemacht. «Man könnte schon überlegen, ob das Fügung ist», sagt Stefan Essig und richtet seinen Blick kurz ins Unbestimmte.

So verbunden er mit Leuggern ist, so frei hat sich Stefan Essig nach seiner Lehre und fünf Jahren Bäcker- und Konditorenarbeit in der Welt bewegt. Dreiviertel Jahre war er gemeinsam mit einem Kollegen im Ausland. «Erst in Australien, und dann habe ich eine Sommersaison in Neuseeland in einem Hotel gearbeitet. Mein Bruder war dort tätig und die Chance habe ich mir nicht entgehen lassen. Es war eine super Zeit», erinnert sich Stefan Essig. Der Glaube habe ihm da in den Heimwehphasen Halt gegeben und geholfen.

Theologie-Studium ohne Matura in Einsiedeln

Der Entscheid, Theologie zu studieren und dann Priester zu werden, sei mit der Zeit gewachsen. «Es gibt nicht das eine spektakuläre Berufungserlebnis», sagt Stefan Essig gelassen. Daheim sei zu Tisch gebetet worden und der Gottesdienstbesuch am Sonntag habe nicht zur Debatte gestanden. Nach seiner Rückkehr aus Neuseeland sei der Stein irgendwie ins Rollen gekommen. «Ich fuhr nach einem Hinweis unserer Gemeindeschwester mit einer Jugendgruppe auf eine Pilgerfahrt nach Lourdes. Vor allem, um noch mehr zu sehen. Dass wir gebetet haben, habe ich einfach mitgenommen. Doch daheim war das dann wieder wie passé. Als ich zwei Jahre später allerdings nochmals auf eine solche Reise ging, war dort jemand dabei, der die KV gemacht hatte und dann in Heiligenkreuz bei Wien ohne Matura Theologie studierte», erzählt Stefan Essig.

Vom damaligen Leiter der Informationsstelle Kirchliche Berufe, Ernst Heller, bekam er einen Hinweis: In Chur sei es möglich, ohne Matura Theologie zu studieren, ebenso in Einsiedeln. Stefan Essig müsse mit dem Regens sprechen. Für Einsiedeln gab der seine Zustimmung, nicht aber für Chur. «Also ging ich nach Einsiedeln und wagte es. Ich holte am Stiftsgymnasium Philosophie und Geschichte nach und dann wuchs nach und nach mein Berufswunsch», beschreibt Stefan Essig. 1994 ging er für die Fächer Homiletik und Katechetik nach Luzern, startete 1995 die Berufseinführung und blieb für diese und die erste Vikarzeit bis 2001 am Mutschellen; danach führte es ihn an seinen Geburtstort zurück.

«Die Kirche, wie es sie früher gab, das ist vorbei»

Dort ist er nun seit 18 Jahren Pfarrer und hat erlebt, wie zum Beispiel die Zahl der Gottesdienstbesucher geschrumpft ist. Es gebe schon eine gewisse Hilflosigkeit im Angesicht der Entwicklung. Andererseits hoffe er, dass im neu errichteten Pastoralraum Aare-Rhein, in dem er als Priester tätig ist, etwas von dem Schwung des Pastoralraum-Teams auch in die Pfarreien ausstrahle. Dennoch spricht er Klartext: «Ich bin nicht so pessimistisch, aber die Kirche, wie es sie früher gab, das ist vorbei».

Mit seiner Berufung zum nicht-residierenden Domherrn (siehe ergänzenden Text) beginnt nun ein neues Kapitel für Stefan Essig: «Ich habe mich als erstes bei Josef Stübi in Baden erkundigt, was mich als Domherr erwartet», sagt er und erzählt auch, dass er sich über die Anfrage durch Bischof Felix Gmür gefreut habe. «Etwas Kopfzerbrechen bereiten mir die Firm-Termine, denn die Aufgaben des Domherrn mache ich ja neben meiner Pfarrertätigkeit. Aber jetzt freue mich, dass ich die Liturgie in Solothurn einfach geniessen kann», sagt Stefan Essig.

Pralinés-Produktion im Advent

Der Pfarrer von Leuggern bereut keinen Schritt auf seinem Weg. Er ist dankbar, dass er die Gelegenheit hatte für eine kurze Zeit weit über die Grenzen des Aargau zu schauen. Ob es ein Lieblingsrezept aus seiner Zeit als Bäcker-Konditor gebe? Stefan Essig lacht. «Nicht direkt ein Rezept, doch ich versuche mir in der Zeit vor Weihnachten ein Wochenende so zu organisieren, dass ich Pralinés machen kann. Letztes Jahr waren 12 Sorten und sicher gen 25 Kilogramm. Es macht mir einfach Spass und das geniesse ich.»

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Seine Lehre machte Stefan Essig als Bäcker-Konditor. Einmal im Jahr schwelgt er in dieser Tätigkeit und macht Pralinés. | © Anne Burgmer
Köstlichkeiten aus Schoggi
Hoch über dem Tal, mit Blick auf den Klingnauer Stausee und etwas weiter rechts durchs Tal Richtung Tegerfelden, hockt die Kirche von Leuggern. | © Roger Wehrli
Kirche Leuggern

Ein Domherr – was ist das?

Domherreneinsetzung 2014: Josef Stübi bekommt die Mozzetta übergeben. | © zvg/Bistum Basel

Drei Kennzeichen werden den neuen Domherren bei ihrer Einsetzung übergeben: das Brevier, das Brustkreuz und die violette Mozzetta. Dieser kleine Schultermantel wird über der schwarzen Soutane und dem weissen Chorhemd getragen.

Ein Domherr ist Mitglied des achtzehnköpfigen Domkapitels, das dem Bischof beratend zur Seite steht. Die Bistumskantone Aargau, Bern, Luzern und Solothurn entsenden je drei, Baselland, Basel-Stadt, Jura, Schaffhausen, Thurgau und Zug je einen Domherrn in das Domkapitel. Unterschieden wird in residierende und nicht-residierende Domherren. Erstere, insgesamt sechs, haben ihren Wohnsitz in Solothurn und erfüllen verschiedene Aufgaben am bischöflichen Ordinariat. Die nicht-residierenden Domherren, zu denen Josef Stübi (Baden) und neu Stefan Essig gehören, sind in den meisten Fällen als Pfarrer im jeweiligen Bistumskanton tätig.

Es sind Priester mit Berufserfahrung und gutem Lebenswandel, die vom Bischof für diese Aufgabe angefragt werden. Ein Mindestalter für Domherren oder eine Amtszeitbeschränkung gibt es nicht. Verlässt ein Domherr den Kanton, für den er berufen wurde, erlischt sein Amt, und ein neuer Domherr muss gesucht werden. Ebenso, wenn dem Bischof mit Erreichen des kirchlichen Pensionsalters von fünfundsiebzig Jahren die Demission angeboten wird.

Der «Senat des Bischofs», wie das Domkapitel auch genannt wird, unterstützt den Bischof nicht nur in der Leitung der Diözese, er steht ihm auch mit Rat und Tat zur Seite und trifft sich dafür in regelmässigen Abständen mit ihm. Die Mitglieder des Domkapitels gelten ferner als Bindeglieder zwischen dem Bischof und den jeweiligen Kantonsregierungen. Die weltkirchliche Besonderheit im Bistum Basel ist jedoch, dass das Domkapitel im Fall einer Vakanz des Bischofsstuhls den Bischof frei aus den zum Bistum gehörenden Priestern wählen kann. In einer Vernehmlassung werden mögliche Kandidaten geprüft und eine Wahlliste erstellt, die von der Diözesankonferenz «gegengelesen» wird, bevor dann das Domkapitel den neuen Bischof wählt. Während der Vakanz liegt es zudem in der Verantwortung des Kapitels, den Diözesanadministrator zu wählen, dem bis zur Einsetzung des neuen Bischofs die Bistumsleitung anvertraut wird.

Die Wurzeln des Amtes reichen weit zurück in die Vergangenheit. Schon im neunten Jahrhundert gab es geistliche Gemeinschaften, die den Bischofskirchen angegliedert waren und aus denen heraus sich die Domkapitel entwickelten. Sie waren das Organ, welches die Kontinuität in der Bistumsleitung gewährleistete. Die Domherren waren ausserdem für die Durchführung der Liturgien an den Bischofskathedralen zuständig. Heute obliegt ihnen beispielsweise die Firmspendung, für die sie durch den Bischof beauftragt werden.

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