Der Moraltheologe und Buchautor Daniel Bogner referierte in Zürich zur Krise der katholischen Kirche. Der Moraltheologe ist bekannt für seine provokanten Artikel im katholischen Web-Feuilleton «feinschwarz», die sich mit der Systemkrise der Kirche beschäftigen und beispielsweise den Titel tragen: «Diese Kirche tötet». | © Andreas C. Müller

«Die Kirche wird unspektakulär scheitern»

Andreas C. Müller, 28.5.19
  • Anstelle von Bischof Felix Gmür referierte am Montag, 27. Mai 2019, der Freiburger Theologe Daniel Bogner auf Einladung des Katholischen Medienzentrums zur gegenwärtigen Krise der Kirche.
  • Der Abend brachte keine neuen Erkenntnisse, die Prognose fiel düster aus.

 

Am inhaltlichen Teil der Generalversammlung des katholischen Medienzentrums hätte eigentlich der Basler Bischof Felix Gmür über die aktuelle Krise der katholischen Kirche referieren sollen. Doch der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz liess sich entschuldigen, um an der Abdankungsfeier des ehemaligen Churer Bischofs Amadée Grab teilzunehmen.

Moraltheologe anstelle des Bischofs

Anstelle von Felix Gmür analysierte Daniel Bogner die gegenwärtige Situation. Der Freiburger Moraltheologe ist bekannt für seine provokanten Artikel im katholischen Web-Feuilleton «feinschwarz», die sich mit der Systemkrise der Kirche beschäftigen und beispielsweise den Titel tragen: «Diese Kirche tötet».

«Dass sich die Kirche in der Krise befindet, ist nichts Neues», führte Daniel Bogner aus. «Wenn wir aber heute von Krise sprechen, dann orientiert sich das an einem schweren Menschenrechtsverbrechen, welches das Grundvertrauen selbst für die treusten Kirchenanhänger erschüttert hat. Die Menschen, die von der Kirche noch etwas erwarten, fühlen sich darum seit einiger Zeit systematisch vor den Kopf gestossen. Sie verlassen die Kirche und es ist nachvollziehbar».

«Kirchentreue systematisch vor den Kopf gestossen»

Wie konnte es dazu kommen? Für Daniel Bogner sind Mechanismen innerhalb der Kirche verantwortlich, das System an und für sich. Der Unterschied der Kirche als absolute Monarchie gegenüber dem demokratischen Rechtsstaat sei frappierend. Es herrsche nicht das Prinzip der Gewaltenteilung , sondern der Gewaltenanhäufung.

«Die Kirche ist zwar stark, wenn es darum geht, über die Menschenwürde zu predigen, aber schwach, wenn es darum geht, das für die eigene Struktur umzusetzen», so Daniel Bogner. Die Signale, welche die Kirche aussende, seien total widersprüchlich: Die Kirche rufe zwar zur Mitwirkung auf, doch habe hierfür keine entsprechenden Positionen vorgesehen. Das zeige sich auch in der Frage nach dem Zugang zu den Ämtern für Frauen.

Es droht sukzessives Verkümmern

Was wird geschehen? Die Prognose von Daniel Bogner fiel pessimistisch aus: «Es wird keine Revolution geben, auch wenn absolute Herrschaftssysteme häufig so scheiterten. Das Scheitern der Kirche wird unspektakulär erfolgen – durch sukzessives Verkümmern der einstigen Lebendigkeit. Es werden immer weniger Menschen dabei bleiben, es werden immer mehr Leistungen eingestellt werden und die Menschen werden nicht verstehen, warum man das noch schönreden muss.»

Auf die Frage, was denn getan werden könnte, skizzierte Daniel Bogner im wesentlichen drei Punkte: Die reformorientierten Bischöfe sollten gemeinsam eine Neukonzeption des Kirchenrechts vorlegen, das die Gewaltenteilung und Mitwirkung neu regelt. Weiter sollten die Gläubigen in Anlehnung an den Frauenstreik am zivilen Ungehorsam festhalten. Und nicht zuletzt sollte mit Hilfe einer Initiative der Papst dazu gebracht werden, von jedem Kontinent eine Frau in den Kardinalsstand zu erheben.

«Das Glas nicht halb leer sehen»

Was folgt aus der gegebenen Situation für die Kommunikation seitens von Kirchenverantwortlichen in der Schweiz? Im Wesentlichen, so Daniel Bogner, dürfe man nichts schönreden. Man müsse ohne Angst vor Verlusten handeln und gleichwohl den Menschen noch erzählen, was Kirche alles Wertvolles leiste. «Die Kirche hat nichts mehr zu verlieren. Denn wenn sich die Stürme rund um die Missbrauchsthematik gelegt haben, wird man nicht wieder zur Tagesordnung übergehen können». Letztlich dürfe man das Glas auch nicht einfach als halbleer sehen – mit Blick auf das, was verloren gegangen sei.

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Bischof Felix Gmür war als amtierender Vorsitzender der Schweizer Bischofskonferenz in Rom beim Anti-Missbrauchsgipfel. | © Roger Wehrli
Bischof Felix Gmür, Basel
Der Umgang der katholischen Kirche mit dem Missbrauch - nicht nur von Kindern sondern auch von Ordensfrauen - ist das brennendste Thema. Die aktuelle Krise der Kirche zeigt, dass sie der Erneuerung bedarf. | © Roger Wehrli
Bewegt: Missbrauch in der Kirche
 
Andreas C. Müller

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Unter dem Titel «Glaubwürdigkeit als höchstes Gut» wollte das katholische Medienzentrum – verantwortlich für das Newsportal kath.ch – im Anschluss an seine Generalversammlung Inputs zur Systemkrise der Kirche und zur Schlüsselrolle der Kommunikation liefern. Der eigentlich geladene Bischof Felix Gmür blieb aus persönlichen Gründen fern, der als Ersatz bemühte Moraltheologe Daniel Bogner lieferte nichts wesentlich Neues. Der Nachmittag spiegelte symptomatisch das «Liegestuhlverschieben auf der sinkenden Titanic», um ein Bild von Daniel Bogner aufzunehmen. Seine Analyse brachte keine neuen Erkenntnisse, genauso wenig die Handreichungen zur Bewältigung der Krise und zur Kommunikation. Gewiss: Die katholische Kirche ist global organisiert, Europa ist nicht der Nabel der Kirche, und die kirchliche Machtstruktur fusst auf einer Jahrhunderte alten Tradition. Aber gleichwohl: In Anbetracht einer solchen Auseinandersetzung mit der aktuellen Kirchenkrise kann man eigentlich froh sein, dass die Schwestern im Kloster Fahr beten. Beten für das, was es angesichts eines gegenwärtigen Schlamassels und der damit einhergehenden Ideenlosigkeit braucht: Ein Wunder!

 

 

 

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